Ge­mein­sam vor­an­ge­hen

Deut­sche und Fran­zo­sen schlie­ßen ein Par­la­ments­ab­kom­men, um die In­te­gra­ti­on Eu­ro­pas vor­an­zu­brin­gen / Von Wolf­gang Schäu­b­le und Richard Fer­rand

Der Tagesspiegel - - MEINUNG -

Heu­te er­in­nern wir an ein Schlüs­sel­er­eig­nis un­se­rer ge­mein­sa­men Ge­schich­te: das En­de des Ers­ten Welt­krie­ges vor ein­hun­dert Jah­ren. Über vier Jah­re lang hat­ten fürch­ter­li­che Schlach­ten den Kon­ti­nent ver­wüs­tet, mit mehr als 16 Mil­lio­nen To­ten – Sol­da­ten und Zi­vi­lis­ten. Im No­vem­ber 1918 wur­de das Feu­er ein­ge­stellt. Aber in den Köp­fen der Men­schen – nicht nur in Deutsch­land und Frank­reich – leb­ten Kriegs­er­leb­nis­se, Pro­pa­gan­da und Vor­ur­tei­le fort. Wer hät­te da­mals ge­ahnt, was uns heu­te nor­mal er­scheint: sieb­zig Jah­re Frie­den zwi­schen Deutsch­land und Frank­reich. Ei­ne de­mo­kra­ti­sche Ord­nung in ganz Eu­ro­pa. Ei­ne Eu­ro­päi­sche Uni­on, in der mehr als 500 Mil­lio­nen Bür­ger ihr Rei­se­ziel, ih­ren Ar­beits­ort oder ih­ren Wohn­sitz frei wäh­len kön­nen.

Die Ge­schich­te führt uns vor Au­gen: Das fried­li­che Mit­ein­an­der von Deutsch­land und Frank­reich ist Er­geb­nis ei­ner un­ver­hoff­ten Ent­wick­lung. Sie ver­dankt sich dem En­ga­ge­ment der Bür­ger in bei­den Län­dern – und ei­nem Ver­söh­nungs­pro­zess, der über die­se zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Initia­ti­ven auch auf po­li­ti­scher Ebe­ne über­haupt erst mög­lich wur­de. Bei­des ver­dient nicht nur ge­wür­digt zu wer­den. Bei­des ver­langt nach ei­ner Wei­ter­ent­wick­lung. Denn die en­ge Zu­sam­men­ar­beit un­se­rer bei­den Staa­ten ist im eu­ro­päi­schen Ei­ni­gungs­pro­zess nicht ex­klu­siv, sie ist aber un­be­dingt not­wen­dig, um zu sub­stan­ti­el­len Fort­schrit­ten bei der wei­te­ren In­te­gra­ti­on zu kom­men.

Der Ely­sée-Ver­trag von 1963 ist Ga­rant und Sym­bol der deutsch-fran­zö­si­schen Freund­schaft. 55 Jah­re nach sei­ner Un­ter­zeich­nung wer­den die po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen der­zeit neu jus­tiert – ein neu­er Ely­sée-Ver­trag ist auf den Weg ge­bracht und soll am 22. Ja­nu­ar 2019 be­schlos­sen wer­den. Un­se­re bei­den Län­der pas­sen ih­re tie­fe Ko­ope­ra­ti­on da­mit den kom­ple­xen Her­aus­for­de­run­gen des 21. Jahr­hun­derts an.

Auch As­sem­blée na­tio­na­le und Deut­scher Bun­des­tag ha­ben zu Be­ginn die­ses Jah­res in ei­ner ge­mein­sa­men Re­so­lu­ti­on be­schlos­sen, ih­re bis­lang schon in­ten­si­ve Zu­sam­men­ar­beit zu in­sti­tu­tio­na­li­sie­ren.

Am kom­men­den Mitt­woch stel­len wir, die Prä­si­den­ten von As­sem­blée na­tio­na­le und Deut­schem Bun­des­tag, den Ent­wurf für ein Deutsch-Fran­zö­si­sches Par­la­ments­ab­kom­men der Öf­fent­lich­keit vor. Da­rin ver­pflich­ten sich un­se­re bei­den In­sti­tu­tio­nen, noch stär­ker als bis­her ein­heit­li­che po­li­ti­sche Po­si­tio­nen zu er­ar­bei­ten – in der Ab­sicht, da­mit die wei­te­re In­te­gra­ti­on in­ner­halb der Eu­ro­päi­schen Uni­on zu be­för­dern. Da­mit sind an­de­re Staa­ten der Eu­ro­päi­schen Uni­on we­der aus­ge­schlos­sen, noch wer­den sie ge­drängt, es uns gleich­zu­tun. Wir er­hof­fen uns aber, die Ent­schei­dungs­fin­dung auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne da­mit zu er­leich­tern.

Die bi­na­tio­na­le Ar­beits­grup­pe, die in be­acht­lich kur­zer Zeit Vor­schlä­ge für die­ses Ab­kom­men er­ar­bei­tet hat, stellt ei­ne neue Deutsch-Fran­zö­si­sche Par­la­men­ta­ri­sche Ver­samm­lung ins Zen­trum der künf­ti­gen Zu­sam­men­ar­beit. Die­se Ver­samm­lung von je 50 Mit­glie­dern bei­der Par­la­men­te, der wir, die Par­la­ments­prä­si­den­ten, vor­sit­zen, soll re­gel­mä­ßig ab­wech­selnd in Deutsch­land und Frank­reich ta- gen und ins­be­son­de­re in der Au­ßen-, Si­cher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik da­zu bei­tra­gen, größt­mög­li­che Über­ein­stim­mung in po­li­tisch re­le­van­ten Fra­gen zu er­rei­chen. Recht­li­che Hin­der­nis­se, die grenz­über­schrei­ten­de Vor­ha­ben brem­sen, sol­len aus dem Weg ge­räumt wer­den, oh­ne je­weils be­ste­hen­de Stan­dards ab­zu­sen­ken. Die ge­mein­sa­me par­la­men­ta­ri­sche Be­ra­tung soll in un­se­ren Par­la­men­ten selbst­ver­ständ­lich wer­den. Vor al­lem aber möch­ten wir, dass mehr po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen in un­se­ren bei­den Län­dern gleich­zei­tig mit­ein­an­der ab­ge­stimmt und – wenn mög­lich – gleich­lau­tend ge­trof­fen wer­den. Das Ab­kom­men ist des­halb be­deu­tend mehr als ein freund­li­ches Be­kennt­nis.

Wir sind da­von über­zeugt: Nur so kommt Eu­ro­pa vor­an. 100 Jah­re nach dem Ers­ten Welt­krieg zei­gen die Par­la­men­te in Frank­reich und Deutsch­land, wie er­folg­reich die po­li­ti­sche Freund­schaft zwei­er einst ver­fein­de­ter Na­tio­nen sein kann.

Be­zie­hung bei­der Län­der soll so ver­stärkt wer­den

Fo­to: AFP, dpa

Wolf­gang Schäu­b­le ist Prä­si­dent des Deut­schen Bun­des­ta­ges, sein Amts­kol­le­ge Richard Fer­rand steht der As­sem­blée na­tio­na­le, der fran­zö­si­schen Na­tio­nal­ver­samm­lung, vor.

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