Heik­les The­ma Mund­ge­ruch

Der Tagesspiegel - - STADTLEBEN -

Beim Hem­den­kauf in ei­nem Fach­ge­schäft ent­deck­te ich ei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­che Kra­wat­te. Ich woll­te tes­ten, ob sie zu ei­nem be­stimm­ten Hemd pass­te. Ei­ne Ver­käu­fe­rin half mir un­auf­ge­for­dert beim Zuknöp­fen des Hem­des und band dann die Kra­wat­te lo­cker da­zu um. Lei­der hat­te die Da­me sehr star­ken Mund­ge­ruch. Ich wand­te den Kopf ab, denn mir wur­de fast schlecht. Die Da­me sprach je­doch fröh­lich wei­ter, mit je­dem Wort ein neu­er Schwall. Mei­ne Groß­mut­ter hät­te si­cher aus Ih­rer Hand­ta­sche ein Pfef­fer­minz-Bon­bon ge­zau­bert und es der Da­me ge­ge­ben. Darf man als Mann auch so et­was tun? Ge­kauft ha­ben wir trotz­dem.

AIm­mer wie­der sonn­tags fra­gen Sie Eli­sa­beth Bin­der — Ans­gar, an­ge­stun­ken

ugen­zwin­kern­de Hil­fe­stel­lung in pein­li­chen Si­tua­tio­nen soll­te auf kei­nen Fall nur Groß­müt­tern vor­be­hal­ten sein. Die Ges­te klingt doch ganz be­zau­bernd. Ein Pfef­fer­minz­bon­bon sagt mehr als tau­send Wor­te oder hun­dert an­ge­ekel­te Bli­cke. Zu groß die Ge­fahr al­ler­dings, dass der Hin­ter­grund des freund­li­chen An­ge­bots gar nicht in der gan­zen Di­men­si­on ver­stan­den wird. Die Sit­te, ein­an­der Pfef­fer­minz an­zu­bie­ten, ist ja ganz ver­brei­tet, sie sind auch nicht mehr so teu­er, wie zu Groß­mut­ters Zei­ten, als es noch kei­ne rie­si­gen Dro­ge­rie­märk­te gab.

Ob man sie auch oh­ne Bon­bon auf ihr Han­di­cap auf­merk­sam ma­chen darf ? Na­tür­lich, und es spielt auch kei­ne Rol­le, ob das ein Mann oder ei­ne Frau tut. Es ist halt ei­ne Fra­ge der Über­win­dung und des Muts.

Leich­ter wä­re es, ein­fach zu sa­gen, man über­le­ge noch mal und das Ge­schäft dann schnellst­mög­lich zu ver­las­sen. Das wer­den et­li­che po­ten­zi­el­le Kun­den wohl auch genau­so ge­hal­ten ha­ben. In­so­fern ist der Mund­ge­ruch der Ver­käu­fe­rin re­gel­recht ge­schäfts­schä­di­gend, und Sie tä­ten ihr und dem La­den­be­sit­zer so­gar ei­nen gro­ßen Ge­fal­len, wenn Sie das Pro­blem an­spre­chen wür­den. Das soll­te frei­lich im­mer so ge­sche­hen, dass Um­ste­hen­de nichts mit­be­kom­men.

Was mich an Ih­rer Ge­schich­te ein biss­chen ver­stört, ist die Tat­sa­che, dass es über­haupt so weit ge­kom­men ist. Nor­ma­ler­wei­se hät­ten doch, schon im In­ter­es­se ih­res Ar­beits­plat­zes, un­be­dingt die Kol­le­gen oder der Be­sit­zer die Ver­käu­fe­rin bit­ten müs­sen, et­was ge­gen ih­ren Mund­ge­ruch zu tun. In ei­nem Ge­schäft, in dem al­le mo­ti­viert an ei­nem Strang zie­hen, wä­re das ei­ne ab­so­lu­te Selbst­ver­ständ­lich­keit. Un­an­ge­neh­mer Mund­ge­ruch, wie Sie ihn be­schrei­ben, kann Aus­druck ei­ner Krank­heit sein und kommt dann in der Re­gel auch öf­ter vor. Es ist schon er­staun­lich, dass Sie so lan­ge Hal­tung ge­zeigt und sich nicht ent­wun­den ha­ben. Die dis­kre­te klei­ne An­mer­kung wä­re da­ge­gen ver­mut­lich ein Kin­der­spiel ge­we­sen.

— Bit­te schi­cken Sie Ih­re Fra­gen mit der Post (Der Ta­ges­spie­gel, „Im­mer wie­der sonn­tags“, 10876 Ber­lin) oder mai­len Sie die­se an: mei­n­e­fra­ge@ta­ges­spie­gel.de

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