Kem­pins­kis Gr­ab: Kis­sen auf dem Ge­sicht

Der Tagesspiegel - - BERLIN - Chris­ti­an Hö­ni­cke

Be­su­chern des Jü­di­schen Fried­hofs Wei­ßen­see bie­tet sich der­zeit ein selt­sa­mer An­blick: Seit Kur­zem wird das Eh­ren­grab des Wein­händ­lers und Na­mens­ge­bers der be­kann­ten Ho­tel­ket­te Bert­hold Kem­pin­ski von ei­nem schwar­zen Kis­sen und Kle­be­band ver­ziert. Ein ma­ka­brer Scherz? Dieb­stahl? An­ti­se­mi­tis­mus?

Nichts der­glei­chen, er­klär­te die Fried­hofs­ver­wal­tung auf Nach­fra­ge: al­les kor­rekt. Es han­delt sich um­die Be­gleit­erschei­nun­gen ei­ner Re­no­vie­rung. Kem­pins­kis Ru­he­stät­te wird der­zeit sa­niert. Zum Kis­sen auf der stei­ner­nen Ur­ne griff man, um die gro­ße bron­ze­ne Kap­sel mit ei­nem Bild des Ver­stor­be­nen zu be­de­cken. Bis­her wur­de Kem­pins­kis Ant­litz von ei­ner klei­nen Bron­ze­tür ver­bor­gen, die von sei­nen Hin­ter­blie­be­nen ge­öff­net wer­den konn­te. Das Tür­chen wird der­zeit re­pa­riert, weil es nicht mehr rich­tig schloss.

Aber war­um das Ver­steck­spiel? Weil Ge­sich­ter oder an­de­re fi­gür­li­che Darstel­lun­gen auf Fried­hö­fen nach jü­di­schem Glau­ben ei­gent­lich ver­bo­ten sind. Die Zehn Ge­bo­te im Ta­nach un­ter­sa­gen es, die mensch­li­che Gestalt ab­zu­bil­den. Der re­la­tiv jun­ge Jü­di­sche Fried­hof Wei­ßen­see, ein­ge­weiht 1880, spie­gelt laut der Ber­li­ner Ar­beits­ge­mein­schaft Se­pul­kral­kul­tur der Neu­zeit al­ler­dings die ein­set­zen­de Pro­gres­si­vi­tät des jü­di­schen Bür­ger­tums in Ber­lin wi­der. Das sei auch dar­an er­kenn­bar, dass in der Fried­hofs­gärt­ne­rei Blu­men zur Gr­ab­bepflan­zung ge­zo­gen wur­den, ob­wohl or­tho­do­xe Ju­den die­se mit Ver­weis auf den Tal­mud ent­schie­den ab­lehn­ten.

Vie­le Grä­ber in Wei­ßen­see sei­en re­gel­rech­te „Prunk­bau­ten“. Sie wi­chen ab von den tra­di­tio­nel­len jü­di­schen Vor­stel­lun­gen ei­nes schlich­ten Gr­ab­steins, der die Gleich­heit al­ler Men­schen im To­de sym­bo­li­siert. Ins­be­son­de­re Mit­glie­der des ver­mö­gen­den jü­di­schen Bür­ger­tums woll­ten in die­ser Zeit ge­nau wie christ­li­che Zeit­ge­nos­sen ih­ren Reich­tum und ih­re ge­sell­schaft­li­che Po­si­ti­on über ih­ren Tod hin­aus zur Schau stel­len. Die­se of­fen­sicht­li­che Miss­ach­tung re­li­giö­ser Vor­schrif­ten zei­ge deut­lich, „dass vie­le Mit­glie­der der jü­di­schen ge­ho­be­nen Mit­tel­schicht sich selbst kaum noch über ih­re Zu­ge­hö­rig­keit zur jü­di­schen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft de­fi­nier­ten“.Das opu­len­te Gr­ab­mal Bert­hold Kem­pins­kis sticht hier­bei be­son­ders her­vor.

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