Wü­ten, Wei­nen

Tic­cia­ti di­ri­giert Ber­li­oz’ „Ro­méo und Ju­li­et­te“

Der Tagesspiegel - - KULTUR - Chris­tia­ne Peitz

Ist es nun ei­ne Art Oper, ei­ne Chor-Sym­pho­nie, ein Bal­lett mit Ge­sang? „Ro­méo et Ju­li­et­te“von Hec­tor Ber­li­oz er­weist sich bis heu­te als selt­sa­mes Ge­bil­de, je­den­falls wenn die­se Sym­pho­nie dra­ma­tique kom­plett auf­ge­führt und nicht auf den or­ches­tra­len Mit­tel­teil re­du­ziert oder zum Tanz­thea­ter um­funk­tio­niert wird, wie zu­letzt von Sa­sha Waltz.

Da tritt der Rund­funk­chor nach dem tu­mult­ö­sen Auf­takt mit den wu­se­lig- wuch­ti­gen Feh­den zwi­schen den Mon­ta­gues und den Ca­pu­lets ein­fach wie­der ab von der Büh­ne der Phil­har­mo­nie, um erst ge­gen En­de in weit grö­ße­rer For­ma­ti­on wie­der auf­zu­tau­chen. Da darf der keh­lig-ge­de­ckel­te Mez­zo­so­pran von Ju­lie Bou­li­an­ne zwar beim Ren­dez­vous des welt­be­rühm­tes­ten Lie­bes­paars so­gar Sha­ke­speares Poe­sie na­ment­lich be­schwö­ren (Li­bret­to: Émi­le De­schamps), um­je­doch bald für im­mer zu schwei­gen. Das­sel­be Schick­sal er­eilt den Te­nor Paul App­le­by, nach­dem er die Fe­en­kö­ni­gin Mab im Ge­schwind­galopp be­sun­gen hat. Ein hef­tig-hei­te­rer Spuk mit Chor und Pic­co­lo­flö­te – und aus, vor­bei. Bis das Fe­en­mär­chen im Orches­ter-Scher­zo sein spä­te­res Echo fin­det, mit ver­husch­ten Brat­schen, fle­der­maus­ho­hen Gei­gen und Glöck­chen­ge­klin­gel.

Ber­li­oz kann­te das Sha­ke­speare-Stück von ei­nem Gast­spiel, er war hin­ge­ris­sen – und ver­lieb­te sich in die Ju­lia, Har­riet Smith­son, der er nach­stell­te, bis sie ihn hei­ra­te­te. Sei­ne Be­schäf­ti­gung mit dem leicht ver­än­der­ten Stoff (Trau­er­zug für Ju­lia, Wie­der­se­hen in der Gruft, be­vor bei­de er­blei­chen) re­sul­tiert in ei­ner un­ge­heu­er hap­ti­schen, ges­ti­schen, far­ben­fro­hen, aber auch kurz­at­mi­gen Mu­sik, die schmach­tet und schluchzt, wü­tet und weint. Wenn nicht gera­de das Blech Macht des Schick­sals spielt, ver­zehrt sie sich vor lau­ter Lie­be oder sie ver­fällt in To­des­star­re, mit lee­ren Ok­ta­ven.

Ro­bin Tic­cia­ti und das Deut­sche Sym­pho­nie-Orches­ter be­to­nen das Ex­pres­si­ve – als ob es noch nö­tig wä­re. Der aus­kom­po­nier­te Fu­ror, die von Ber­li­oz oh­ne­hin über­deut­lich ein­gra­vier­ten Holz­blä­ser-Me­lan­cho­li­en und Cel­lo-Weh­kla­gen, sie brau­chen kei­ne zu­sätz­li­che Ver­ve. Vor lau­ter Aus­drucks­wil­lens­stär­ke klap­pern die Ein­sät­ze, häu­fen sich rhyth­mi­sche Pat­zer. Auch Alas­ta­ir Mi­les ali­as Pa­ter Lo­ren­zo kann im Fi­na­le als mo­ra­li­sche Au­to­ri­tät nicht über­zeu­gen. Zu an­ge­strengt sein Frie­dens­ap­pell an die erz­ver­fein­de­ten Clans.

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