Wie sag’ ich es mei­nem Kind?

Wenn ein El­tern­teil an Krebs er­krankt, brau­chen die Kin­der al­ters­ge­rech­te Un­ter­stüt­zung. Hil­fe bie­tet die Ber­li­ner Krebs­ge­sell­schaft

Der Tagesspiegel - - BERLIN FAMILIE - Von Adel­heid Mül­ler-Liss­ner

Halt auf frei­er Stre­cke. „Ist es wahr, dass Du stirbst?“, fragt der klei­ne blon­de Mi­ka sei­nen Va­ter. Die Ant­wort macht ihn nach­denk­lich und trau­rig, das ist sei­nem sanf­ten Jun­gen­ge­sicht an­zu­se­hen. Nach ei­ner kur­zen Wei­le hat er aber schon ei­ne wei­te­re Fra­ge: „Krieg ich dann Dein iPho­ne?“In sei­nem viel be­ach­te­ten, 2011 in Can­nes prä­sen­tier­ten Film „Halt auf frei­er Stre­cke“er­zählt der Re­gis­seur Andre­as Dre­sen, wie ei­ne Fa­mi­lie da­mit lebt, dass der Va­ter mit 44 Jah­ren ein Glio­b­last­om be­kommt. Ei­nen un­heil­ba­ren Hirn­tu­mor. Wie sag ich’s mei­nen Kin­dern? Das ist ei­nes der ers­ten Pro­ble­me, das Va­ter Frank nach der Dia­gno­se er­kennt. Sei­ne Frau Si­mo­ne und er ent­schei­den sich für ehr­li­che, of­fe­ne Ge­sprä­che mit Mi­ka und sei­ner äl­te­ren Schwes­ter Lil­li.

Die Psy­cho­lo­gin von der Ber­li­ner Krebs­ge­sell­schaft Kers­tin Fran­zen schätzt den Film – und un­ter­stützt die­se Hal­tung. „Die Er­fah­rung zeigt: Über die Zeit kann es we­ni­ger Kraft kos­ten, of­fen zu kom­mu­ni­zie­ren.“Schließ­lich teilt ei­ne Fa­mi­lie den All­tag. Es ist al­so schwer, Her­an­wach­sen­den zu ver­heim­li­chen, dass man zur Ope­ra­ti­on ins Kran­ken­haus muss, dass man von ei­ner Strah­len­the­ra­pie ge­schwächt ist und dass die Haa­re we­gen der Che­mo aus­fal­len. Kin­der be­mer­ken, wenn ih­re Mut­ter ganz ge­gen ih­re sons­ti­ge Ge­wohn­heit die Tür hin­ter sich zu­zieht, so­bald sie mit der bes­ten Freun­din te­le­fo­niert. Sie le­sen in den Ge­sich­tern ih­rer El­tern – und be­zie­hen de­ren sor­gen­vol­le Mi­mik wo­mög­lich noch auf ih­re ei­ge­ne schlech­te No­te in der Ma­the­ar­beit, weil ih­nen der wirk­li­che Grund für die Be­sorg­nis vor­ent­hal­ten wird.

„Kin­der krebs­kran­ker El­tern müs­sen wis­sen, dass es nichts mit ih­nen zu tun hat, wenn Pa­pa und Ma­ma be­drückt sind“, sagt Fran­zen. „Sie brau­chen ver­ständ­li­che Er­klä­run­gen, um die Ve­rän­de­run­gen im All­tag ein­ord­nen zu kön­nen.“Nur das ent­las­tet sie von der Be­fürch­tung, dass sie schuld sein könn­ten an der Krank­heit der Mut­ter. Nur auf die­se Wei­se ent­kom­men die El­tern auch der Ge­fahr, dass ih­re Kin­der von nichts­ah­nen­den Au­ßen­ste­hen­den über die La­ge in­for­miert wer­den und ih­nen von nun an nicht mehr ver­trau­en.

Aber wie kön­nen die Er­klä­run­gen aus­se­hen? Und wann ist der rich­ti­ge Zeit­punkt, um mit den Kin­dern zu spre­chen? Wo doch die Er­wach­se­nen selbst ziem­lich ver­wirrt und rat­los sind, wenn die Dia­gno­se in ihr Le­ben ein­bricht – und Zeit brau­chen, um sich zu sor­tie­ren? Die Ber­li­ner Krebs­ge­sell­schaft bie­tet Fa­mi- li­en in die­ser La­ge Be­ra­tungs­ge­sprä­che an. 146 Fa­mi­li­en ha­ben im letz­ten Jahr von dem An­ge­bot „Hil­fen für Kin­der krebs­kran­ker El­tern“Ge­brauch ge­macht, das durch Spen­den er­mög­licht wird. „Wir stel­len kei­ne Dia­gno­sen und be­han­deln nicht, wir sind al­so ganz frei in der Gestal­tung un­se­rer Ge­sprä­che“, be­rich­tet Fran­zen. Es geht schließ­lich nicht dar­um, die Kin­der für krank zu er­klä­ren. „Die Er­kran­kung an sich führt nicht zu ir­gend­wel­chen Stö­run­gen und Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten bei Kin­dern und Ju­gend­li­chen“, be­tont die Psy­cho­lo­gin.

Die Be­glei­tung der Fa­mi­lie be­ginnt meist mit den El­tern. Vie­le von ih­nen möch­ten, kurz nach­dem sie die Dia­gno­se Krebs be­kom­men ha­ben, von den Be­ra­tern wis­sen, ob, wann und vor al­lem wie sie es ih­ren Kin­dern sa­gen sol­len. Je klei­ner die Kin­der sind, des­to häu­fi­ger kommt ver­ständ­li­cher­wei­se die Fra­ge, ob das über­haupt sinn­voll und machbar ist.

Durch­aus, sagt Kers­tin Fran­zen. Klein­kin­dern sagt man aber bes­ser nur, dass Ma­ma oder Pa­pa krank sind, ärzt­li­che Be­hand­lung brau­chen und un­ter Um­stän­den schnell mü­de wer­den. Erst mit äl­te­ren Kin­der­gar­ten­kin­dern soll­te man von ei­ner „Krebs­er­kran­kung“spre­chen. Und der Be­griff soll­te gar nicht erst den Schre­cken be­kom­men, den er für vie­le Äl­te­re schon hat. Schließ­lich ist Krebs heu­te in vie­len Fäl­len heil­bar oder kann zu­min­dest über lan­ge Zeit be­herrscht wer­den.

Ne­ben der Erst­dia­gno­se gibt es aber an­de­re An­läs­se da­für, dass Fa­mi­li­en Rat su­chen: Wenn die Krank­heit er­neut auf­tritt, wenn sich her­aus­stellt, dass sie un­heil­bar ist, wenn ab­seh­bar ist, dass ein El­tern­teil ster­ben wird. Der Krebs über­schat­tet das Le­ben ei­ner Fa­mi­lie oft für län­ge­re Zeit, das Be­ra­tungs­an­ge­bot trägt dem Rech­nung und gilt für al­le Pha­sen. „Die Be­tei­lig­ten kön­nen mehr­fach zu uns kom­men, zum Bei­spiel wenn sich nach län­ge­rer Zeit plötz­lich Ver­hal­tens­wei­sen bei den Kin­dern zei­gen, die den El­tern Sor­gen ma­chen.“Auch in der Zeit nach dem Tod des er­krank­ten El­tern­teils. Auch Groß­el­tern, Pa­ten, Leh­re­rin­nen und Leh­rer, Er­zie­he­rin­nen und Er­zie­her der Kin­der kön­nen sich Rat ho­len, wenn sie Ve­rän­de­run­gen bei den ih­nen an­ver­trau­ten Kin­dern be­mer­ken.

„Nach­dem die El­tern ein Be­ra­tungs­ge­spräch ge­führt ha­ben, for­mu­lie­ren ge­le­gent­lich auch die Kin­der ganz klar, dass sie mit je­man­dem re­den möch­ten“, be­rich­tet Fran­zen. Oft ent­las­te es sie, dass die Be­ra­te­rin­nen und Be­ra­ter der Ber­li­ner Krebs­ge­sell­schaft sol­che Ge­sprä­che auch mit anderen Kin­dern und Ju­gend­li­chen füh­ren und dass sie vie­le an­de­re Fa­mi­li­en mit ähn­li­chen Pro­ble­men ken­nen. „Sie trau­en sich dann eher, Ge­füh­le zu be­nen­nen. Auch Ge­füh­le, mit de­nen sie Ma­ma und Pa­pa nicht be­las­ten wol­len.“Sie kön­nen zum Bei­spiel of­fen aus­spre­chen, dass sie sich vor ih­ren Freun­den schä­men, weil ih­re Ma­ma kei­ne Haa­re mehr hat und zu­hau­se manch­mal oh­ne Tuch oder Pe­rü­cke her­um­läuft. Vor al­lem klei­ne­ren Kin­dern feh­le aber schlicht noch die Spra­che für das, was sie füh­len, be­tont Fran­zen. „Mit Nach­fra­gen und Ge­sprächs­an­ge­bo­ten kann man sie be­hut­sam bei der Ver­ar­bei­tung un­ter­stüt­zen.“

Kin­der, de­ren El­tern an Krebs er­kran­ken, müs­sen sich mit The­men aus­ein­an­der­set­zen, von de­nen ih­re Al­ters­ge­nos­sen noch weit ent­fernt sind, sie „rei­fen“not­ge­drun­gen schnel­ler. Vor al­lem äl­te­re Kin­der und Ju­gend­li­che wer­den oft stark in die Or­ga­ni­sa­ti­on des All­tags ein­ge­bun­den, über­neh­men Ver­ant­wor­tung für Tei­le des Haus­halts oder für jün­ge­re Ge­schwis­ter. „Das ist ge­le­gent­lich ei­ne Über­for­de­rung“, sagt Fran­zen. Die Psy­cho­lo­gin weist in sol­chen Fäl­len auch auf so­zi­al­recht­li­che Be­ra­tungs­an­ge­bo­te und auf die Mög­lich­kei­ten hin, Fa­mi­li­en­pfle­ge oder Fa­mi­li­en­be­gleit­diens­te in An­spruch zu neh­men.

Für ein­kom­mens­schwa­che Fa­mi­li­en, in de­nen ein Mit­glied an Krebs er­krankt ist, hat die Ber­li­ner Krebs­ge­sell­schaft zu­sätz­lich das Pro­jekt „Fa­mi­li­en­zeit“ge­star­tet: Es geht dar­um, durch po­si­ti­ve Er­leb­nis­se Kraft zu tan­ken, ob nun durch ei­nen ge­mein­sa­men Aus­flug in den Zoo oder ei­ne klei­ne Fa­mi­li­en­rei­se, für die das Geld sonst nicht rei­chen wür­de. Psy­cho­lo­gin Fran­zen fin­det es im­mer wie­der be­ein­dru­ckend, wie die Fa­mi­li­en, die sie in den Be­ra­tun­gen ken­nen­lernt, sich den Pro­ble­men stel­len, wie sie es schaf­fen, die Krebs­er­kran­kung in der Fa­mi­lie nicht zum Ta­bu wer­den zu las­sen, son­dern zum „er­laub­ten“The­ma zu ma­chen, über das man re­den darf. „Na­tür­lich ist es ei­ne Grat­wan­de­rung, of­fen mit den Kin­dern über die Krank­heit zu spre­chen.“Um­so mehr müs­se man dar­auf ach­ten, dass sie mit ih­rem Ver­ständ­nis und ih­ren Nach­fra­gen das Tem­po des Ge­sprächs be­stim­men.

Auch wenn die Krank­heit nicht mehr heil­bar ist, bleibt es wich­tig, die Kin­der ein­zu­be­zie­hen. Selbst wenn es um das En­de des Le­bens geht. „Kin­der gu­cken noch un­be­darf­ter auf das Ster­ben und den Tod“, er­klärt Fran­zen. Vor al­lem die Jün­ge­ren kön­nen das End­gül­ti­ge, das er be­inhal­tet, in­tel­lek­tu­ell wie emo­tio­nal noch nicht er­fas­sen. Wenn Mi­ka so di­rekt auf das be­gehr­te iPho­ne sei­nes Pa­pas zu spre­chen kommt, mag das die Er­wach­se­nen scho­ckie­ren. „Es ist aber wich­tig, solch ei­ne Fra­ge nicht mo­ra­lisch zu be­wer­ten.“

Groß­el­tern, Leh­re­rin­nen und Er­zie­her wer­den auch be­ra­ten

Fo­to: pro­mo

So heißt der Film von Andre­as Dre­sen, in dem es um die Krebs­er­kran­kung ei­nes Va­ters (ge­spielt von Mi­lan Pe­schel) geht.

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