Rot, Schwarz, Gold

Die Lin­ke braucht den Na­tio­nal­staat, aber der Na­tio­nal­staat braucht auch die Lin­ke. Wes­halb die So­zi­al­de­mo­kra­ten Frie­den mit ei­nem auf­ge­schlos­se­nen Pa­trio­tis­mus schlie­ßen soll­ten

Der Tagesspiegel - - CAUSA -

scher Wil­lens­ge­mein­schaft“– nicht trotz, son­dern ge­ra­de we­gen sei­ner Kriegs­er­fah­run­gen. Auch Wil­ly Brandt er­klär­te 1965, kein Volk kön­ne „auf Dau­er leben, wenn es nicht Ja sa­gen kann zum Va­ter­land“, und zog 1972 mit der Lo­sung „stolz sein auf unser Land“ins Kanz­ler­amt ein. Hel­mut Schmidt war eben­falls über­zeugt, „dass sich die Na­ti­on auch in Zu­kunft als ein starkes Ele­ment er­wei­sen wird“, wäh­rend Hans-Jo­chen Vo­gel die So­zi­al­de­mo­kra­ten 1986 dar­an er­in­ner­te, „nicht zu­fäl­lig als ein­zi­ge Par­tei das Wort Deutsch­land in ih­rem Na­men“zu füh­ren.

Man­chem So­zi­al­de­mo­kra­ten mag bei sol­chen Äu­ße­run­gen heu­te kal­ter Schweiß aus­bre­chen – zu Un­recht. Si­cher, nie soll­te ge­ra­de die Lin­ke in­ter­na­tio­na­lis­ti­sche Über­zeu­gun­gen für plum­pe „Ger­ma­ny First“-Pa­ro­len auf­ge­ben. Doch je­de prag­ma­ti­sche Volks­par­tei hat ein Pro­blem, wenn sie auf Be­grif­fe wie „Volk“nur noch mit Em­pö­rung re­agie­ren kann – von „Na­tio­nal­staat“und „Na­ti­on“ganz zu schwei­gen.

So­zi­al­de­mo­kra­ten sind his­to­risch an­ge­tre­ten, um Frei­heit, Ge­rech­tig­keit, So­li­da­ri­tät und De­mo­kra­tie durch ein Pri­mat der Po­li­tik vor der Öko­no­mie um­zu­set­zen. An­ge­sichts die­ser Zie­le ver­stan­den sie den Na­tio­nal­staat nie als my­thi­schen Selbst­zweck, wohl aber als ver­läss­li­ches Werk­zeug.

Das aber gilt auch heu­te. In Zei­ten, in de­nen Wan­del und Glo­ba­li­sie­rung häu­fig nicht mehr als Ver­spre­chen auf ei­ne bes­se­re Zu­kunft wahr­ge­nom­men wer­den, muss ge­ra­de lin­ke Po­li­tik re­agie­ren. Es geht dar­um, ei­nen Schutz­raum zu de­fi­nie­ren, an­statt Sor­gen als fal­sches Be­wusst­sein zu ver­dam­men und im Üb­ri­gen ach­sel­zu­ckend auf die Al­ter­na­tiv­lo­sig­keit in­di­vi­du­el­ler Selbst­op­ti­mie­rung zu ver­wei­sen. Si­cher, Flucht in Chau­vi­nis­mus ist kei­ne Op­ti­on. Doch gra­de pro­gres­si­ve Kräf­te soll­ten viel stär­ker her­aus­stel­len, dass sie sich eben nicht als Für­spre­cher ei­ner un­ab­wend­ba­ren Ma­xi­mal­glo­ba­li­sie­rung ver­ste­hen, in der die Steue­rungs­mög­lich­keit der Po­li­tik lau­fend von Markt­kräf­ten un­ter­gra­ben wird.

Da­für gilt es an­zu­er­ken­nen, dass Par­ti­zi­pa­ti­on und so­zia­ler Aus­gleich der­zeit am ehes­ten im Rah­men der Na­tio­nal­staa­ten um­ge­setzt wer­den kön­nen. Die Ein­rich­tung ei­nes Wohl­fahrt­staats ist ja nicht zu­fäl­lig his­to­risch mit der Na­ti­on ver­knüpft. Nicht je­der Na­tio­nal­staat ist ein So­zi­al­staat, aber je­der So­zi­al­staat ist ein Na­tio­nal­staat. Wer die Idee ei­ner den Staat tra­gen­den Na­ti­on zu über­win­den sucht, schwächt das Fun­da­ment der So­li­da­ri­tät.

Das gilt auch in Eu­ro­pa. An vie­len Stel­len be­nö­ti­gen wir mehr Zu­sam­men­ar­beit. Doch Zu­sam­men­halt be­ruht nicht zu­letzt dar­auf, de­mo­kra­tisch for­mu­lier­ten Po­li­tik­prä­fe­ren­zen so viel Spiel­raum zu ver­schaf­fen, dass die Viel­falt des Kon­ti­nents auch po­li­tisch ab­ge­bil­det wird. Je mehr hier auf Ver­ein­heit­li­chung ge­drängt wird, des­to stär­ker wer­den die Flieh­kräf­te – wie ak­tu­ell in Ita­li­en zu be­sich­ti­gen. Bun­des­staa­ten wie die Schweiz oder Ka­na­da ha­ben be­wusst dar­auf ver­zich­tet, ih­re Zen­tral­ge­walt mit zu weit­ge­hen­den Be­fug­nis­sen aus­zu­stat­ten. Sie wis­sen: Die Er­mäch­ti­gung der Mehr­heit geht mit der Mar­gi­na­li­sie­rung der Min­der­heit ein­her. Des­we­gen ist in Eu­ro­pa mehr Fle­xi­bi­li­tät und, ja, mehr Na­tio­nal­staat ge­for­dert.

Das Glei­che gilt für die glo­ba­le Ebe­ne. Wie at­trak­tiv ist denn die vom „Eu­ro­pean Bal­c­o­ny Pro­ject“zu­letzt so en­thu­si­as­tisch aus­ge­ru­fe­ne „Eu­ro­päi­sche Re­pu­blik als Aus­gangs­punkt ei­ner Welt­re­gie­rung“in Zei­ten, in de­nen li­be­ra­le Grund­wer­te welt­weit mar­gi­na­li­siert wer­den? Bil­den wir die „Welt­re­gie­rung“dann mit Pu­tin, Du­ter­te und Bol­so­na­ro?

Nein, an­ge­sichts der ak­tu­el­len Kri­se sind ge­ra­de pro­gres­si­ve Kräf­te auf der Su­che nach ei­nem über­zeu­gen­den Nar­ra­tiv gut be­ra­ten, das Kon­zept des Na­tio­nal­staats nicht re­flex­haft den Ex­tre­men zu über­las­sen. Es geht dar­um, das Leit­bild des star­ken Staats wie­der­zu­ent­de­cken, weil nicht nur die Lin­ke den Na­tio­nal­staat braucht, son­dern auch der Na­tio­nal­staat die Lin­ke. Nur sie kann ihn vor den ja durch­aus rea­len Ge­fah­ren ei­nes über­stei­ger­ten Na­tio­na­lis­mus schüt­zen. Klar ist aber doch zu­gleich: Ei­ne welt­of­fe­ne und nicht eth­nisch ver­stan­de­ne Na­ti­on als pro­gres­si­ves Pro­jekt wird un­mög­lich, wenn sich fort­schritt­li­che Kräf­te von ihr ab­wen­den.

Pro­gres­si­ve Kräf­te dür­fen das Kon­zept des Na­tio­nal­staats nicht re­flex­haft den Ex­tre­men über­las­sen

Auch das war Wil­ly Brandt be­wusst. In sei­ner letz­ten Re­de als SPD-Vor­sit­zen­der schrieb er sei­ner Par­tei ins Stamm­buch, dass „die Sa­che der Na­ti­on in fried­li­cher Ge­sin­nung und im Be­wusst­sein eu­ro­päi­scher Ver­ant­wor­tung von An­fang an bei der de­mo­kra­ti­schen Lin­ken bes­ser auf­ge­ho­ben ist als bei an­de­ren“. So­zi­al­de­mo­kra­ten soll­ten nicht nur nach vor­ne schau­en, son­dern sich auch an die­se Wahr­heit er­in­nern.

Micha­el Brö­ning lei­tet das Re­fe­rat In­ter­na­tio­na­le Po­li­tikana­ly­se der Fried­rich-Ebert-Stif­tung. Zu­letzt er­schien von ihm„ Lob der Na­ti­on – Wes­halb wir den Na­tio­nal­staat nicht den Rechts­po­pu­lis­ten über­las­sen dür­fen“(Dietz, 2018)

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