Ru­he, bit­te!

Was die ver­kaufs­of­fe­nen Shop­ping­sonn­ta­ge im Ad­vent mit Ar­beit 4.0 ver­bin­det

Der Tagesspiegel - - MEINUNG - Von Aria­ne Bem­mer

Die Ab­stim­mung auf der Home­page des Ta­ges­spie­gel ist von ei­nem kla­ren Vo­tum weit ent­fernt: Von knapp 1350 ab­ge­ge­be­nen Stim­men zur Fra­ge „Sind Sie da­für, dass Ge­schäf­te auch am Sonn­tag öff­nen dür­fen?“gin­gen et­was mehr als 40 Pro­zent an die Po­si­ti­on „Nein, der Ru­he­tag ist ge­sell­schaft­lich wich­tig“und 55 Pro­zent an „Ja, das wür­de mehr Spiel­raum für Ein­käu­fe ge­ben“. Der Rest gab sich un­ent­schie­den. Und un­ent­schie­den ist auch die La­ge im All­tag – was vor al­lem im De­zem­ber un­über­seh­bar wird.

Seit 2009 das Ber­li­ner La­den­öff­nungs­ge­setz, das Shop­ping an al­len vier Ad­vents­sonn­ta­gen er­laubt hat­te, vomBun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ge­killt wurde, ist vorm Shop­ping wie­der Re­cher­che nö­tig. 2018 öff­nen die Lä­den an die­sem zwei­ten Ad­vent und am vier­ten, 2017 und 2016 wa­ren der ers­te und der drit­te Ad­vent ver­kaufs­of­fen, 2015 auch der vier­te. Bran­den­burg re­gelt seine Öff­nungs­zei­ten wie­der an­ders, wie über­haupt je­des Bun­des­land öff­net oder ge­schlos­sen lässt, wie es ihm ge­fällt. Das ist so seit der Grund­ge­setz­än­de­rung von 2006, die der da be­reits 50 Jah­re wäh­ren­den Bun­des­zu­stän­dig­keit ein En­de setz­te und sie den Län­dern über­gab (wor­auf­hin die aus den La­den­schluss- erst ein­mal die La­den­öff­nungs­zei­ten mach­ten).

Aber auch 2006 ist heu­te lan­ge her – und nicht mal auf ein ge­mein­sa­mes halb­wegs über­sicht­li­ches In­for­ma­ti­ons­por­tal im In­ter­net hat man sich seit­her ver­stän­digt, als wür­de es nicht Zig­tau­sen­de Ki­lo­me­ter Län­der­gren­ze in­ner­halb von Deutsch­land ge­ben und noch viel mehr Menschen, die hü­ben wie drü­ben ein­kau­fen ge­hen. In Zei­ten tag­täg­lich neu ent­wi­ckel­ter In­ter­net-An­ge­bo­te wirkt das ei­ner­seits ge­ra­de­zu be­fremd­lich ana­log – und passt da­mit an­de­rer­seits wie­der bes­tens zu den oh­ne­hin an­ti­quiert wir­ken­den Strei­te­rei­en um den besonderen Wert der Sonn­tags­ru­he.

Na­he­zu al­le De­bat­ten, die sich um Ar­beit dre­hen, wer­den un­ter den Groß­be­griff­lich­kei­ten Di­gi­ta­li­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung ge­führt. Bei­de ste­hen je für dra­ma­ti­sche An­ge­bots- wie auch für Ver­füg­bar­keits­er­wei­te­rung und tau­gen letzt­lich als In­diz da­für, dass sich ar­beits­zeit­li­che Re­gu­lie­run­gen, wie sie bis­her üb­lich sind, auf Dau­er nicht hal­ten las­sen. Auch im Ein­zel­han­del nicht. Oder ge­ra­de dort nicht?

Laut dem Sta­tis­tik­por­tal Sta­tis­ta wächst die Zahl der Menschen, die Shop­ping als liebs­te Frei­zeit­be­schäf­ti­gung nen­nen, und der Ab­stand zum Spit­zen­rei­ter, dem Gärt­nern, ist zwi­schen 2016 und 2018 von 2,5 auf 1,0 Pro­zent­punk­te ge­schrumpft. Wenn das so wei­ter­geht, kehrt sich die Rei­hen­fol­ge in ab­seh­ba­rer Zeit um. Wür­de oder müss­te gar das et­was für die Sonn­tags­ru­he be­deu­ten?

Die be­son­de­re Stel­lung des Sonn­tags lei­tet sich aus der re­li­giö­sen Tra­di­ti­on vom frei­en sieb­ten Tag ab und soll­te dem sonn­täg­li­chen Got­tes­dienst ei­nen Rah­men si­chern. Die deut­sche Ge­setz­ge­bung führt die Sonn­tags­ru­he im Ar­ti­kel 140 Grund­ge­setz in Ver­bin­dung mit Ar­ti­kel 139 Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung (WRV). Dort heißt es: „Der Sonn­tag und die staat­lich an­er­kann­ten Fei­er­ta­ge blei­ben als Ta­ge der Ar­beits­ru­he und der see­li­schen Er­he­bung ge­setz­lich ge­schützt.“Das ist ei­ne Be­son­der­heit, weil der „Schutz­zweck“ex­pli­zit ge­nannt wird, was sonst nicht vor­kom­me, wie der Ju­rist Wolf­gang Mos­bau­er in ei­nem Bei­trag der Rei­he „Schrift zum öf­fent­li­chen Recht“fest­stellt: „In der Nen­nung des Schutz­zwecks un­ter­schei­det sich Art. 139 WRV ganz er­heb­lich von an­de­ren Ver­fas­sungs­nor­men, die sprach­lich ei­ne ähn­li­che Struk­tur auf­wei­sen.“Was ge­nau ist die see­li­sche Er­he­bung sein könn­te, er­läu­tert Mos­bau­er eben­da: „et­wa ei­ne Be­schäf­ti­gung mit Kunst und Mu­sik“oder „ei­ne Teil­nah­me am Got­tes­dienst so­wie Ak­ti­vi­tä­ten in der Na­tur, in Ver­ei­nen, Ver­bän­den und Ge­werk­schaf­ten so­wie im Fa­mi­li­en- und Freun­des­kreis“. Ziem­lich viel al­so, aber: „Beim Ein­kau­fen ist nicht zu er­ken­nen, was zur see­li­schen Er­he­bung füh­ren soll.“

Der Bei­trag er­schien 2007. Seit­her hat das Hob­by Shop­ping deut­lich Bo­den ge­won­nen, zahl­rei­che Stu­di­en ha­ben den (un­ter Um­welt­ge­sichts­punk­ten al­ler­dings fa­ta­len) Zu­sam­men­hang von Ein­kau­fen und Glück nach­ge­wie­sen: Freun­din­nen ver­brin­gen fröh­li­che St­un­den zwi­schen Klei­der­stän­dern und Um­klei­de­ka­bi­nen, Fa­mi­li­en hüp­fen in Mö­bel­häu­sern pro­be­wei­se in neu­en Ein­rich­tun­gen her­um. Wer will fest­le­gen, dass es sich da­bei nicht um see­li­sche Er­he­bung han­delt? Zu­mal wenn die Shop­ping-Freun­de be­rufs­tä­tig sind, ih­nen an den an­de­ren Ta­gen der Wo­che der gänz­lich von sons­ti­gen Ver­pflich­tun­gen freie und stress­freie Ein­kaufs­bum­mel kaum mög­lich ist.

An­de­rer­seits führ­te die Auf­ga­be der Sonn­tags­ru­he zu ei­ner weit­rei­chen­den Gleich­heit der Wo­chen­ta­ge. Oh­ne die staat­lich ver­ord­ne­te Ru­he­pha­se wä­re auch die in­di­vi­du­el­le Pau­se ge­fähr­det, die man sich im All­tag selbst ver­ord­nen muss. Es könn­te so weit kom­men, dass die Menschen in ei­ner 24/7-Welt gar nicht mehr in­ne­hal­ten und ein­fach im­mer wei­ter hams­ter­ra­deln, bis sie er­schöpft um­fal­len. Ei­ne Ent­wick­lung, die mit der di­gi­ta­li­sier­ten Ar­beit-4.0-Welt und der Ro­bo­ter­kon­kur­renz oh­ne­hin be­för­dert wird. Dort ist sie als Ge­fahr er­kannt.

Das Ziel des frei­en Tags ist die „see­li­sche Er­he­bung“

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