Frau Mön­ning zeigt al­les

Der Tagesspiegel - - MEINUNG - Jost Mül­ler-Neu­hof

über Stra­fen, Sit­ten und weib­li­chen Ex­hi­bi­tio­nis­mus

Die Schau­spie­le­rin Ant­je Mön­ning dürf­te es ei­gent­lich gar nicht ge­ben. „Ich bin Ex­hi­bi­tio­nis­tin“, er­klärt die 41-Jäh­ri­ge, die TV-Zu­schau­ern als Non­nen-Darstel­le­rin aus der ARD-Se­rie „Um Him­mels Wil­len“be­kannt sein könn­te. Mön­nings Exis­tenz wi­der­spricht da­mit nicht nur Er­kennt­nis­sen der Se­xu­al­wis­sen­schaft, son­dern auch dem Straf­ge­setz­buch. Da­nach kön­nen Ex­hi­bi­tio­nis­ten ei­gent­lich nur Män­ner sein. Laut Straf­ge­setz sind es so­gar aus­schließ­lich Män­ner, in Pa­ra­graf 183 heißt es da­zu: „Ein Mann, der ei­ne an­de­re Person durch ei­ne ex­hi­bi­tio­nis­ti­sche Hand­lung be­läs­tigt, wird mit Frei­heits­stra­fe bis zu ei­nem Jahr oder mit Geld­stra­fe be­straft.“

Mön­ning ist vom Amts­ge­richt Kaufbeuren trotz­dem ver­ur­teilt wor­den. Sie hat­te sich auf ei­nem Park­platz drei Män­nern prä­sen­tiert, von de­nen zwei Zi­vil­po­li­zis­ten wa­ren und ei­ner ein Last­wa­gen­fah­rer, der ge­ra­de kon­trol­liert wurde. Mön­ning merk­te das nicht. Sie schwang die Hüf­te und leg­te frei, was ihr Netz­hemd-Röck­chen-Out­fit oh­ne­hin kaum ver­barg. Die Po­li­zis­ten drück­ten den Knopf ih­rer Tem­po­sün­der-Ka­me­ra. Der Lkw-Fah­rer amü­sier­te sich, wie er spä­ter dem Rich­ter er­zähl­te. Mön­ning sag­te: „Ich kann nicht glau­ben, dass es ei­ne Straf­tat sein soll, als Frau sei­nen Kör­per zu zei­gen.“

Da hat sie recht. Pa­ra­graf 183 schei­det aus, weil sie ein Frau ist. Pa­ra­graf 183 a, die Er­re­gung öf­fent­li­chen Är­ger­nis­ses durch se­xu­el­le Hand­lun­gen, greift eben­falls nicht. Ein Strip ist kein Är­ger­nis, und als er­heb­li­che Hand­lung kann es kaum ge­nü­gen, den Rock zu lüp­fen. Zur An­wen­dung kam Pa­ra­graf 118 des Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­ge­set­zes, „Be­läs­ti­gung der All­ge­mein­heit“. 300 Eu­ro Geld­bu­ße. Auch das ist viel für ein Tänz­chen an der Au­to­tür. An­dern­orts sind Män­ner be­reit, für so et­was Ein­tritt zu be­zah­len.

Das Se­xu­al­straf­recht ist im­mer auch ein Sit­ten­bild. Im Fall des Ex­hi­bi­tio­nis­mus sieht es so aus: Ent­blö­ßen gilt bei Män­nern als ge­fähr­lich, bei Frau­en als at­trak­tiv. Zu­min­dest die ers­te An­nah­me ist wis­sen­schaft­lich weit­ge­hend wi­der­legt. Männ­li­che Ex­hi­bi­tio­nis­ten sind zwar klas­si­sche Zwangs- und Wie­der­ho­lungs­tä­ter, doch über­grif­fig wer­den sie kaum. Es er­füllt sie, ihr Op­fer zu scho­ckie­ren. Die meis­ten sind so harm­los wie Frau Mön­ning auf dem Park­platz, nur dass sie un­ten­rum an­ders aus­se­hen. Dass es den schar­fen Tat­be­stand im­mer noch gibt, dürf­te der Angst ge­schul­det sein, die die Tat bei Frau­en aus­lö­sen kann.

Män­ner be­stra­fen, weil Frau­en sich fürch­ten? Man kann das für sinn­voll hal­ten, nur sehr ge­recht ist es nicht. Vie­le Ex­per­ten for­dern, den Tat­be­stand ganz zu strei­chen. Was merk­wür­dig wir­ken wür­de in ei­ner Zeit, in der der Schutz se­xu­el­ler Selbst­be­stim­mung im­mer wei­ter ge­trie­ben und das Ge­setz im­mer­zu ver­schärft wor­den ist. Doch auch wenn die Ge­set­ze noch blei­ben, än­dern sich die Sit­ten. Frau Mön­ning hat es al­len ge­zeigt.

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