Das war an­ders ge­plant

Um­ge­baut, weg­ge­bombt, neu ge­macht: Gerd Gau­glitz hat Ber­lins wech­sel­vol­le Ge­schich­te mit ak­tu­ell wir­ken­den Kar­ten neu er­schlos­sen

Der Tagesspiegel - - DIE REPORTAGE - Von Ste­fan Ja­cobs

Wir schrei­ben das Jahr 1950, die „Welt­haupt­stadt Ger­ma­nia“ist fer­tig. Vier Ki­lo­me­ter sind es von der Gro­ßen Hal­le zum Süd­bahn­hof – schnur­ge­ra­de ent­lang der 120 Me­ter brei­ten Gro­ßen Stra­ße, vom zu­ge­schüt­te­ten Spree­bo­gen am Reichs­tags­ge­bäu­de vor­bei, das ne­ben der Hal­le mit ih­ren 170 000 Plät­zen wie das Tor­wächt­er­häus­chen wirkt. Über den Gro­ßen Platz geht es am Füh­rer­pa­last vor­bei, am Ober­kom­man­do der Wehr­macht, an der Sol­da­ten­hal­le, an Pro­pa­gan­da-, Er­zie­hungs- und Ko­lo­ni­al­mi­nis­te­ri­um. Da­zwi­schen die Re­si­den­zen der füh­rer­treu­en Kon­zer­ne: AEG, Mag­gi, IG Far­ben, Al­li­anz, Hen­kel. Ei­nen Ki­lo­me­ter breit ist die Schnei­se, die Ge­ne­ral­bau­in­spek­tor Al­bert Speer da­für in die Stadt schla­gen ließ. Bahn­hö­fe sind un­ter ihr ver­schwun­den, aber auch gan­ze Wohn­stra­ßen im Schö­ne­ber­ger Kiez. Was man nicht sieht, sind die Aber­tau­sen­den KZ-Häft­lin­ge, die sich in St­ein­brü­chen über­all im

Reich für das Bau­ma­te­ri­al zu To­de schuf­ten muss­ten.

„Wie bru­tal die­se

Stadt­pla­nung ist!“, sagt der Kar­to­graf

Gerd Gau­glitz, der

Ger­ma­nia ge­wis­ser­ma­ßen neu er­schlos­sen hat. Wä­re die

Stadt zum Plan re­al, fän­den sich Be­woh­ner wie Tou­ris­ten dank Gau­glitz’ Werk mü­he­los dar­in zu­recht.

Es kam be­kannt­lich an­ders, wie der Plan des rea­len Ber­lin von 1953 zeigt. Das­sel­be Lay­out, der­sel­be Aus­schnitt. Wo die Gro­ße Stra­ße auf den Gro­ßen Platz mün­den soll­te, steht das So­wje­ti­sche Eh­ren­mal. Die Ost-West-Ach­se heißt seit Ok­to­ber Stra­ße des 17. Ju­ni – zum Ge­den­ken an den nie­der­ge­schla­ge­nen Auf­stand der Ar­bei­ter an der Sta­lin­al­lee vier Mo­na­te zu­vor. Wäh­rend die Ma­gis­tra­le durch Fried­richs­hain schon so präch­tig ist wie ih­re rus­si­schen Vor­bil­der, über­zie­hen Gras­nar­ben und dür­re Bir­ken die ab­ge­räum­ten Trüm­mer­flä­chen von Kreuz­berg bis Wil­mers­dorf. Das al­te Stra­ßen­ras­ter ist von Tram­pel­pfa­den durch­zo­gen, die über die Bra­chen füh­ren. West­lich des Zoos be­fin­det sich die Trüm­mer­ver­wer­tungs­an­la­ge; an der Ha­sen­hei­de, im Fried­richs­hain und an­ders­wo schlän­geln sich Fahr­stra­ßen auf die neu­en Ber­ge, die aus je­nem Teil der et­wa 75 Mil­lio­nen Ton­nen Schutt ge­wach­sen sind, aus dem die Trüm­mer­frau­en kei­ne in­tak­ten Zie­gel mehr ret­ten konn­ten.

Die bei­den Plä­ne ge­hö­ren zu ei­nem Quar­tett, wie es der mit sei­nem Kreuz­ber­ger Ver­lag auf Stadt­plä­ne spe­zia­li­sier­te Gerd Gau­glitz schon An­fang 2017 ent­wor­fen hat­te: Vier Plä­ne aus den ver­gan­ge­nen vier Jahr­hun­der­ten, al­le im glei­chen mo­der­nen Lay­out und so in ei­nen Um­schlag ge­klebt, dass sie sich ne­ben­ein­an­der auf­fal­ten las­sen. Seit die­ser Pre­mie­re hat Gau­glitz so viel mehr Ber­li­ner Ge­schich­te aus­ge­bud­delt, dass ihm jetzt das nächs­te Quar­tett fäl­lig schien: Plä­ne von 1840, 1953, 1988 und eben der fik- ti­ve von Hit­lers „Ger­ma­nia“. So sind zum ei­nen die zeit­li­chen Lü­cken nicht mehr so groß und zum an­de­ren noch mehr Ge­scheh­nis­se be­rück­sich­tigt, die das Ge­sicht Ber­lins be­son­ders ge­prägt ha­ben.

Gau­glitz hat viel Zeit im Lan­des­ar­chiv ver­bracht, in der Zen­tral­bi­blio­thek, mit Zeit­zeu­gen. Die ha­ben ihm bei­spiels­wei­se von den Tram­pel­pfa­den durch die Trüm­mer er­zählt, die auch auf al­ten Luft­bil­dern er­kenn­bar sind. Man muss sie nur ent­de­cken. So wie den Tri­umph­bo­gen na­he dem heu­ti­gen Süd­kreuz, von dem an der Pa­pe­stra­ße noch der un­zer­stör­ba­re Schwer­be­las­tungs­kör­per steht. Oder die 1953 noch feh­len­de Jan­no­witz­brü­cke, die Pro­vi­so­ri­en an Ober­baum­brü­cke und Müh­len­damm, der rie­si­ge Marx-Engels-Platz an der Stel­le des zu­vor ge­spreng­ten Schlos­ses. Wie ein wei­ßes Pflas­ter klebt er im 1953er-Plan auf der Wun­de, die das Stadt­zen­trum da­mals ist.

Wer schar­fe Au­gen hat, ent­deckt auch die trotz of­fe­ner Sek­to­ren­gren­zen schon un­ter­bro­che­nen Stra­ßen­bahn­stre­cken zwi­schen Ost und West. Sonst dient das bei­ge­leg­te Info-Blatt als Au­gen­öff­ner.

Der Plan von 1988 ist al­ler­dings für Alt­ein­ge­ses­se­ne fast selbst­er­klä­rend: Wie ei­ne Blut­spur zieht sich der To­des­strei­fen durch die Stadt. Vom Bran­den­bur­ger Tor süd­wärts bläht er sich zu er­schre­cken­der Brei­te – und schafft Bio­to­pe wie das von drei Sei­ten um­mau­er­te Kreuz­berg, das Ku­rio­si­tä­ten wie das Baum­haus am Betha­ni­en­damm und die mit­ten auf die zu­ge­mau­er­te Adal­bert­stra­ße ge­setz­te Ki­ta her­vor­brach­te. Wo­bei Letz­te­re schon im Roh­bau ab­brann­te.

Und war­um der Stadt­plan von 1840? Da wurde die In­dus­tria­li­sie­rung sicht­bar, sagt Gau­glitz. Vom Pots­da­mer Tor fährt Preu­ßens ers­te Bahn nach Pots­dam – mit ei­ner eng­li­schen Lok, weil Au­gust Bor­sig mit sei­ner Ei­sen­gie­ße­rei am Ora­ni­en­bur­ger Tor noch nicht so weit ist. Er wird aber die Loks für die in Bau be­find­li­che An­hal­ter Bahn lie­fern. Über den Land­wehr­ka­nal fährt sie durch die Fel­der zwi­schen Schö­ne­berg und Tem­pel­hof. Am Hang der Tel­tow-Hoch­flä­che ste­hen Wind­müh­len, die ih­ren Kampf ge­gen die Dampf­ma­schi­nen noch nicht ver­lo­ren ha­ben. Und vor die­ser Ku­lis­se schlän­gelt sich der Land­wehr­ka­nal, dem Pe­ter Jo- seph Len­né ein paar hüb­sche Kur­ven ver­passt hat. „Der hat ja im­mer nur ans Spa­zie­ren­ge­hen ge­dacht“, sagt Gau­glitz und macht auf den ge­plan­ten Ring­bou­le­vard auf­merk­sam, der zwi­schen den Wind­müh­len des Bar­nim ver­läuft. Öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr gibt es noch nicht; die Stadt ist ein Ne­ben­ein­an­der von Wohn- häu­sern und Kleinst­fa­bri­ken. Die meis­ten Ge­bäu­de sind längst ver­schwun­den. Um­ge­baut, weg­ge­bombt, neu ge­baut. Als wirk­lich lang­le­big er­wie­sen sich nur die Ver­läu­fe der gro­ßen Stra­ßen. Und so kommt es, dass das Ber­lin von 1840 ei­ner­seits völ­lig an­ders aus­sieht als das von heu­te – und an­de­rer­seits doch wie Ber­lin.

Wo Hit­ler „Ger­ma­nia“plan­te, ver­läuft ab 1961 die Mau­er

Il­lus­tra­tio­nen: Gerd Gau­glitz

Zer­reiß­pro­be. Wie ei­ne Blut­spur zieht sich 1988 der To­des­strei­fen durch die Stadt, am Bran­den­bur­ger Tor ist er be­son­ders breit. Ein Jahr spä­ter wird hier die Mau­er­öff­nung ge­fei­ert.

Grö­ßen­wahn. So stell­ten sich Hit­lers Stadt­pla­ner die „Welt­haupt­stadt Ger­ma­nia“vor. Ne­ben der Gro­ßen Hal­le, die nie ge­baut wurde, hät­te das Reichs­tags­ge­bäu­de wie das Tor­wächt­er­häus­chen ge­wirkt.

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