Ei­nen Gruß wert

Der Tagesspiegel - - STADTLEBEN -

Ich ge­hö­re zu den Menschen, die al­ten Be­kann­ten zu Weihnachten Gruß­kar­ten schrei­ben. Im letz­ten Jahr ha­be ich zwei merk­wür­di­ge Re­ak­tio­nen dar­auf be­kom­men. Die ei­ne von ei­nem mir be­kann­ten Un­ter­neh­mer leg­te sub­til na­he, ich schrie­be nur, um ein Ge­schenk zu be­kom­men, die an­de­re vom Ex-Trai­nings­part­ner, dass es kei­nen Sinn ha­be, nur Weih­nachts­grü­ße zu schrei­ben, wenn man sonst gar nicht mehr mit­ein­an­der zu tun ha­be. Soll ich es ganz las­sen?

EIm­mer wie­der sonn­tags

fra­gen Sie Eli­sa­beth Bin­der

— Ma­ren, flei­ßig

s ist im­mer wie­der er­staun­lich zu hö­ren, wor­über sich die Menschen so auf­re­gen kön­nen. Wer ei­ne Weih­nachts­kar­te im Brief­kas­ten fin­det, könn­te sich doch ein­fach nur freu­en, dass ein an­de­rer Mensch an ihn ge­dacht hat, dass aus ei­ner Zeit, in dem man ge­mein­sa­me Pro­jek­te, In­ter­es­sen oder Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten mit­ein­an­der teil­te, auch nach Jah­ren Er­in­ne­run­gen üb­rig sind, die je­man­dem ei­ne Brief­mar­ke und ei­ne Gruß­kar­te wert sind. Das müs­sen doch po­si­ti­ve Ge­füh­le sein, die da im Spiel sind.

Dass der Un­ter­neh­mer mer­kan­til denkt und Ih­nen ein of­fen­sicht­lich nicht vor­han­de­nes Ha­ben-wol­len-Mo­tiv un­ter­stellt, ist ver­ständ­lich. Sei­nem Ge­schäfts­er­folg ist die­se Art, die Welt zu be­trach­ten si­cher zu­träg­lich. Man könn­te sa­gen, dass er aber auch arm dran ist, wenn er den Leu­ten nicht zu­traut, ihn oh­ne Hin­ter­ge­dan­ken zu mö­gen. Wenn Sie wirk­lich al­len Ver­dacht ab­schüt­teln und trotz­dem in Kon­takt blei­ben wol­len, schrei­ben Sie ein­fach zum 1. Ja­nu­ar. Dann ist die Sai­son der Ge­schen­ke eh vor­bei.

Was den zwei­ten Ein­wand zur Sinn­haf­tig­keit von Weih­nacht­grü­ßen be­trifft, se­he ich das ganz an­ders. Es gibt im Zu­sam­men­hang mit den Fest­ta­gen vie­le Ri­tua­le, die an­stren­gend und zeit­auf­wen­dig und manch­mal auch nicht recht nach­voll­zieh­bar sind. War­um zum Bei­spiel ste­hen zu ei­ner Zeit, in der ein Fest­es­sen das nächs­te jagt, über­all auch noch bun­te Tel­ler mit schwe­ren Sü­ßig­kei­ten her­um? Sehr un­öko­no­misch! Im Fe­bru­ar hat man da viel­leicht viel mehr Ap­pe­tit drauf. Weihnachten ist tat­säch­lich ein schö­ner An­lass, Menschen zu sa­gen, dass man gu­te Er­in­ne­run­gen mit ih­nen ver­bin­det. Ge­ra­de wenn man sich nicht mehr sieht, ist es doch ein schö­nes Ge­fühl zu wis­sen, dass die Le­bens­zeit, die man ei­nem an­de­ren Menschen ge­wid­met hat, nicht ver­lo­ren ist.

— Bit­te schi­cken Sie Ih­re Fra­gen mit der Post (Der Ta­ges­spie­gel, „Im­mer wie­der sonn­tags“, 10876 Ber­lin) oder mai­len Sie die­se an: mei­n­e­fra­[email protected]­ges­spie­gel.de

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