Rie­sen­auf­ga­be

Der Tagesspiegel - - LESER MEINUNG - — Prof. Dr. Mat­thi­as Bräu­ti­gam, Ber­lin-Char­lot­ten­burg

„Fremd­spra­che Deutsch. An ei­ni­gen Ber­li­ner Schu­len gibt es kaum deut­sche Mut­ter­sprach­ler. Das führt zu In­te­gra­ti­ons­pro­ble­men“vom 23. No­vem­ber Ih­ren Ar­ti­kel, dass es in ei­ni­gen Ber­li­ner Schu­len kei­ne deutsch­spra­chi­gen Kin­der mehr gibt, kann ich be­stä­ti­gen: Ich bin seit zehn Jah­ren Le­se­pa­te in ei­ner Wed­din­ger Grund­schu­le und le­se/rech­ne meist mit Schü­lern der 1. und 2. Klas­se: Ich ha­be in den zehn Jah­ren ins­ge­samt nicht mehr als drei deutsch-spra­chi­ge Schü­ler in „mei­nen“Klas­sen ge­zählt.

Die Schul­ver­wal­tung be­müht sich seit Jah­ren, die­sem Um­stand Rech­nung zu tra­gen (klei­ne­re Klas­sen, So­zi­al­ar­bei­ter, Ex­tra-Deutsch­un­ter­richt, zu­sätz­li­che fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung usw.), aber in den zehn Jah­ren, die ich be­ob­ach­ten konn­te, sind die Fort­schrit­te mi­ni­mal. Die Kin­der blei­ben im Deut­schen ein bis zwei Jah­re hin­ter­her, und auch Ma­the­ma­tik und Na­wi (Na­tur­wis­sen­schaf­ten) ver­lan­gen Deutsch­ver­ständ­nis für die Auf­ga­ben. Die­ser Rück­stand wird wäh­rend der Grund­schul­zeit nicht auf­ge­holt. Ich bit­te, mich rich­tig zu ver­ste­hen: Die Kin­der sind nor­mal be­gabt, im So­zi­al­ver­hal­ten meist gut, die Leh­rer sind en­ga­giert und die Raum- und Lehr­mit­tel-Aus­stat­tung ist ak­zep­ta­bel.

Wie­so ist ei­ne Ver­bes­se­rung so schwer? – Ich bin Laie, aber die na­he­lie­gends­te Er­klä­rung scheint mir, die Kin­der wach­sen oh­ne deutsch­spra­chi­ge El­tern auf (auch der häus­li­che Fern­se­her läuft in der Lan­des­spra­che) und auch sons­ti­ge Kennt­nis­se (kennst Du das Bran­den­bur­ger Tor?) wer­den we­nig ver­mit­telt. Wenn die Schu­le al­so die feh­len­den deutsch­spra­chi­gen El­tern er­set­zen will, müss­te je­des Kind viel­leicht ein bis zwei St­un­den an meh­re­ren Ta­gen in der Wo­che für ei­ni­ge Jah­re in­di­vi­du­ell ge­för­dert wer­den. An die­ser Her­ku­les­auf­ga­be kann die ge­gen­wär­ti­ge Schu­le nur schei­tern. Dies müs­sen wir nun all­mäh­lich zur Kennt­nis neh­men.

Es ist al­so kei­ne Fra­ge der rich­ti­gen Schul­po­li­tik, son­dern die Ge­samt­ge­sell­schaft und die Po­li­tik müs­sen das Aus­maß des Pro­blems zur Kennt­nis neh­men und ak­zep­tie­ren, dass wir hier ei­ne Rie­sen­auf­ga­be zu be­wäl­ti­gen ha­ben, wenn wir nicht wei­ter­hin zehn bis 30 Pro­zent un­se­rer Ju­gend­li­chen für kom­ple­xe­re Be­rufs­auf­ga­ben ver­lie­ren wol­len. Dies wird per­so­nel­le Res­sour­cen und Geld kos­ten. Wir soll­ten ei­ne Deut­schPakt Schu­le ins Leben ru­fen: „Wie­der­ein­füh­rung der Vor­schu­le für nicht-deutschmut­ter­spra­chi­ge Kin­der“. Dras­ti­sche Aus­deh­nung und Fi­nan­zie­rung des Le­se­pa­ten-Sys­tems (bis­her eh­ren­amt­lich und dan­kens­wer­ter­wei­se vom VBKI ge­tra­gen), so­dass je­des nicht­deutschmut­ter­spra­chi­ge Kind pro Wo­che drei bis fünf St­un­den in­di­vi­du­el­le „Deutsch-Be­treu­ung“in den ers­ten Schul­jah­ren be­kommt.

Kin­der­gär­ten mit nicht-deutschmut­ter­spra­chi­gen Kin­dern brau­chen qua­li­fi­zier­te Sprach­för­der­kräf­te, oder in die­sen Kin­der­gär­ten muss der Per­so­nal­schlüs­sel bei fünf bis sieben Kin­der pro Er­zie­he­rIn (bit­te deutsch­spra­chig) lie­gen.

Da es lei­der nicht mehr fünf vor zwölf ist, son­dern be­reits deut­lich nach zwölf und au­ßer­dem Per­so­nal/ Fach­kräf­te knapp sind, wird man an meh­re­ren Punk­ten an­set­zen müs­sen. Das Mi­ni­mum wä­re aber, dass man jetzt in Mo­dell­ver­su­chen ei­ni­ge der Vor­schlä­ge (oder es gibt si­cher bes­se­re/pro­fes­sio­nel­le­re Kon­zep­te) um­setzt, um we­nigs­tens in ein paar Jah­ren zu wis­sen, wel­cher Weg am ehes­ten zum Ziel führt, denn un­se­re bis­he­ri­gen Lö­sungs­ver­su­che wer­den zu kei­ner re­le­van­ten Bes­se­rung füh­ren.

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