Al­les in Ei­nem

Das Smart­pho­ne gilt als Fern­be­die­nung des Le­bens. Da­durch wer­den je­doch et­li­che Pro­duk­te über­flüs­sig, die ein­mal klas­si­sche Weih­nachts­ge­schen­ke wa­ren

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT - Von Ma­rie Rö­vekamp

UH­REN

Vor dem Ers­ten Welt­krieg wa­ren Arm­band­uh­ren ein Schmuck­stück für die Frau; Män­ner tru­gen Ta­schen­uh­ren. An der Front er­wie­sen sich die Zeit­mes­ser am Hand­ge­lenk je­doch als sehr viel prak­ti­scher. Nach Ex­per­ten­ein­schät­zung wurde das Ac­ces­soire in den Jah­ren da­nach im­mer be­lieb­ter. Die Arm­band­uhr wurde im 20. Jahr­hun­dert zu­mMo­de­stück, Sta­tus­sym­bol und zum klas­si­schen Ge­schenk. Mit dem Durch­bruch des Smart­pho­nes vor gut zehn Jah­ren ver­lor sie je­doch im­mer mehr von ih­rem Glanz. Der Um­satz ver­lief im ver­gan­ge­nen Jahr laut dem Han­dels­ver­band Ju­we­lie­re zwar re­la­tiv sta­bil und ha­be nur leicht un­ter dem Vor­jah­res­wert ge­le­gen. Vie­le Ju­we­lie­re bie­ten al­ler­dings in­zwi­schen auch Smart­wat­ches an – ein gut lau­fen­des Er­satz­ge­schäft. Die Mi­ni-Com­pu­ter ho­len Apps des Smart­pho­nes ans Hand­ge­lenk und sam­meln un­ter an­de­rem Fit­ness­da­ten. Sie tra­gen nach Zah­len des Markt­for­schungs­in­sti­tuts GfK be­reits zu rund 13 Pro­zent des Ge­samt­er­trags bei. Welt­weit sind im ver­gan­ge­nen Jahr rund 14 Mil­lio­nen Stück ver­kauft wor­den. Pro­gno­sen zu­fol­ge sol­len es bis 2022 vier­mal so vie­le sein.

NAVIGATIONSGERÄTE

Starrt ein Fuß­gän­ger beim Ge­hen auf sein Han­dy, liest er wahr­schein­lich ei­ne Nach­richt oder folgt der Weg­be­schrei­bung. Sich auf ei­ner Kar­te an­schau­en und ein­prä­gen, wo man gleich her­lau­fen muss, Frem­de un­ter­wegs an­spre­chen und nach der Rich­tung fra­gen – das war ein­mal. Her­stel­ler von Na­vi­ga­ti­ons­ge­rä­ten ha­ben es aus die­sem Grund schwer. TomTom ist ei­ner der größ­ten und be­kann­tes­ten, doch das Smart­pho­ne setzt selbst dem nie­der­län­di­schen Un­ter­neh­men so zu, dass es nach Käu­fern su­chen soll. Im ver­gan­ge­nen Jahr sank der Um­satz um neun Pro­zent auf 903 Mil­lio­nen Eu­ro. Für das lau­fen­de Jahr ist ein wei­te­rer Rück­gang bis auf 800 Mil­lio­nen Eu­ro an­ge­kün­digt wor­den. Das wä­re ein Mi­nus von 11,4 Pro­zent. Nach Aus­wer­tung der Ge­sell­schaft für Un­ter­hal­tungs- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­elek­tro­nik (gfu) sind 2008 ins­ge­samt 4,3 Mil­lio­nen Na­vi-Ge­rä­te in Deutsch­land ver­kauft wor­den. In die­sem Jahr dürf­ten es nur 1,1 Mil­lio­nen sein.

TA­SCHEN­RECH­NER

Als die „hei­ßes­te Sa­che seit dem Tran­sis­tor“be­ju­bel­te die „Ne­wYork Ti­mes“einst den Ta­schen­rech­ner, der im Weih­nachts­ge­schäft der 70er Jah­re so rich­tig po­pu­lär wurde. Zu­vor hat­ten Phy­si­ker da­nach ge­grif­fen. Ab da fan­den die klei­nen Re­chen­ma­schi­nen ih­re Kund­schaft auch in Kauf­häu­sern. Als die Preise spä­ter un­ter 50 Deut­sche Mark fie­len, freu­ten sich schließ­lich auch Mil­lio­nen Schü­ler über die elek­tro­ni­sche Un­ter­stüt­zung beim Wur­zel­zie­hen. 1999 wur­den rund 4,4 Mil­lio­nen Ta­schen­rech­ner ver­kauft. 2016 wa­ren es hier­zu­lan­de nach GfK-An­ga­ben 2,6 Mil­lio­nen. Auf Dau­er wird sich das wohl nicht rech­nen. Das Glück der Her­stel­ler be­steht bis­lang noch dar­in, dass Smart­pho­nes und Ta­blets im Un­ter­richt oft nicht er­laubt oder für die Schu­len als An­schaf­fung für je­den zu teu­er sind. Des­we­gen müs­sen vie­le El­tern ih­ren Kin­dern erst mal noch wei­ter ein Ge­rät an­schaf­fen.

KA­ME­RAS

Es ist noch nicht so lan­ge her, dass Di­gi­tal­ka­me­ras ein be­lieb­tes Weih­nachts­ge­schenk wa­ren. Wer im All­tag oder Ur­laub an­sehn­li­che Fo­tos ma­chen möch­te, braucht sie heu­te aber nicht mehr mit sich her­um­zu­schlep­pen, weil Smart­pho­nes im­mer bes­se­re Bil­der ma­chen. Ei­ne Um­fra­ge des Markt­for­schungs­in­sti­tuts For­sa kommt zu dem Er­geb­nis, dass neun von zehn Deut­schen das Smart­pho­ne im All­tag da­für nut­zen. Laut dem Di­gi­tal­ver­band Bit­kom er­war­tet je­der vier­te Han­dy-Käu­fer von sei­nem nächs­ten Mo­bil­te­le­fon ei­ne noch bes­se­re Ka­me­ra. Die Kon­se­quenz: In die­sem Jahr wur­den nur 2,4 Mil­lio­nen Di­gi­tal­ap­pa­ra­te ver­kauft. Vor vier Jah­ren wa­ren es fast dop­pelt so vie­le, be­rech­ne­ten Markt­for­scher der GfK. Um wei­ter zu exis­tie­ren, tüf­teln Her­stel­ler an Künst­li­cher In­tel­li­genz her­um. Ei­nen Blitz, der sich selbst aus­rich­tet, gibt es schon. In Zu­kunft dürf­ten Ge­rä­te in den La­den­re­ga­len lie­gen, die erst los­le­gen, wenn al­le die Au­gen ge­öff­net ha­ben. Par­al­lel da­zu hat sich ein Ge­gen­trend zum Di­gi­ta­len durch­ge­setzt. Wie die Schall­plat­te kau­fen die Deut­schen wie­der ana­lo­ge Ka­me­ras. An­ge­sichts Tau­sen­der ab­ge­spei­cher­ter Bil­der, die man wahr­schein­lich nie ent­wi­ckeln wird, be­steht der Wunsch nach et­was, das bleibt. Be­son­ders ge­fragt ist die So­fort­bild­ka­me­ra – auch als Ge­schenk.

KA­LEN­DER

Wer heu­te vom ana­lo­gen Ka­len­der auf das di­gi­ta­le Ge­gen­stück um­steigt, hat ei­ni­ge Vor­tei­le: Auf dem Pa­pier muss man hier was strei­chen, da was neu ein­tra­gen; auf dem Smart­pho­ne lässt sich ein Ter­min auf sämt­li­chen Ge­rä­ten, die man mit­ein­an­der ver­knüpft, leicht ver­schie­ben oder lö­schen. Trotz­dem sagt ei­ne Tha­lia-Spre­che­rin: „Ei­nen Trend weg vom Ka­len­der hin zum Smart­pho­ne kön­nen wir nicht be­stä­ti­gen. Im Ge­gen­teil: wir stel­len so­gar ei­ne ge­stie­ge­ne Nach­fra­ge fest.“Bei Ta­schen-Pla­nern wür­den vie­le Menschen das Hap­ti­sche mö­gen – ähn­lich wie beim Re­tro-Trend mit den Po­la­ro­id­bil­dern. Was eben­falls boomt, sind Ka­len­der, die ne­ben Ord­nung und Pla­nung auch noch mehr Er­folg, Ent­schleu­ni­gung und Zuf­rie­den­heit ver­spre­chen. Ein Bei­spiel ist das Ber­li­ner Pro­dukt „Ein gu­ter Plan“. Im De­zem­ber 2015 star­te­ten Mi­le­na Glim­bov­ski und Jan Len­arz ein Crowd­fun­ding-Pro­jekt für ei­nen Ti­mer, der Er­kennt­nis­se der Acht­sam­keit und Glücks­for­schung in sich ver­eint. In­zwi­schen füh­ren sie ei­nen klei­nen Ver­lag, der mit der Lie­fe­rung kaum hin­ter­her­kommt.

NOTIZBÜCHER

Ähn­lich wie bei den Ka­len­dern sieht es bei No­tiz­bü­chern aus. Ei­ner­seits schließt al­le paar Wo­chen ein Schreib­wa­ren­la­den in Deutsch­land. Die Pa­pier­her­stel­ler lei­den un­ter ei­ner sin­ken­den Nach­fra­ge nach gra­fi­schen Pa­pie­ren. An­de­rer­seits ver­die­nen Un­ter­neh­men wie Mo­le­s­ki­ne, Leucht­turm 1917 oder Pa­per­blanks je­de Men­ge Geld. Es scheint ei­ne Ni­sche für das hoch­wer­ti­ge No­tiz­buch zu ge­ben. Ne­ben dem klas­si­schen Ex­em­plar, das vor al­lem als Ar­beits­ma­te­ri­al ge­nutzt wird, su­chen Käu­fer bei Tha­lia zu­dem nach Pro­duk­ten, die an­re­gen, selbst krea­tiv zu sein. Das be­ob­ach­tet auch das Ber­li­ner Kul­tur­kauf­haus Duss­mann. Die Um­sät­ze wür­den sich trotz der Di­gi­ta­li­sie­rung in die­sem Be- reich seit Jah­ren sehr gut ent­wi­ckeln. In den Fi­lia­len bei­der Un­ter­neh­men sei­en Bul­let Jour­nals mo­men­tan be­son­ders ge­fragt – ein No­tiz­buch mit lee­ren oder li­nier­ten, ka­rier­ten Sei­ten, die zu ei­nem ganz in­di­vi­du­el­len Ka­len­der ge­stal­tet wer­den. Mit „bul­lets“(auf deutsch Stich­punk­ten) oder Pfei­len wer­den un­ter an­de­rem Auf­ga­ben mar­kiert – so er­kennt der Nut­zer auf ei­nen Blick, was er schon er­le­digt hat und was als „nicht er­le­digt“auf die nächs­te Sei­te über­tra­gen wer­den muss.

BRIEF­PA­PIER

Die Kom­mu­ni­ka­ti­on im All­tag hat sich durch E-Mails und Whats­app-Nach­rich­ten stark ver­än­dert. In Deutsch­land wer­den im­mer we­ni­ger Brie­fe ver­schickt – und wenn, dann meist aus ge­schäft­li­chen Grün­den. In den ers­ten neun Mo­na­ten die­ses Jahres fiel das Brief­vo­lu­men der Deut­schen Post im Ver­gleich zum Vor­jah­res­zeit­raum um 4,4 Pro­zent auf rund 13 Mil­li­ar­den Stück. Vor zehn Jah­ren wa­ren es noch 16 Mil­li­ar­den. Zu­gleich boo­men Pa­pe­te­ri­en in Ber­lin, klei­ne, schi­cke Lä­den, in de­nen sich die Kun­den hand­ge­fer­tig­te Hef­te und Brief­pa­pier­bö­gen an­se­hen. Der Ge­dan­ke: Wenn kaum je­mand mehr ein paar Zei­len mit dem Fül­ler schreibt, wird das zu et­was Be­son­de­rem. Pas­send da­zu ist auf den Aus­mal­t­rend der letz­ten Jah­re – samt Son­der­schich­ten bei den Stift­e­her­stel­lern – das „Hand­let­te­ring“ge­folgt. Da­hin­ter ver­birgt sich die Kunst der schö­nen Hand­schrift auf selbst ge­stal­te­ten Ein­la­dun­gen, Gut­schei­nen oder Kar­ten, die in et­li­chen Kur­sen er­lernt wer­den kann.

MP3-PLAY­ER

Erst ver­dräng­ten die MP3-Play­er in den 90er Jah­ren CD-Spie­ler und Kas­set­ten­re­cor­der. Nun wer­den sie selbst we­gen des Smart­pho­nes nutz­los. Vie­le nut­zen ihr Han­dy im­mer­hin nicht nur zum Te­le­fo­nie­ren, son­dern auch, um Mu­sik zu hö­ren. Zu Zei­ten des ab­so­lu­ten Ver­kaufs­er­folgs im Jahr 2005 gin­gen in Deutsch­land acht Mil­lio­nen MP3-Play­er über die La­den­ti­sche. Für die­ses Jahr rech­net die gfu nur noch mit ei­ner hal­ben Mil­li­on.

AUFNAHMEGERÄTE

Das Dik­tier­ge­rät wurde 1877 von Tho­mas Al­va Edi­son in Form des Pho­no­gra­phen er­fun­den. Das Ge­rät war aber in sei­ner da­ma­li­gen Form nicht ge­ra­de all­tags­taug­lich, weil die für die Tonauf­zeich­nung be­nutz­te Alu­mi­ni­um­fo­lie leicht riss und nach we­ni­gen Wie­der­ga­ben un­brauch­bar wurde. Wur­den die Ge­rä­te im Lau­fe der Zeit im­mer bes­ser und klei­ner, kön­nen Smart­pho­nes heut­zu­ta­ge das Ge­sag­te auf­zeich­nen und wei­ter­ver­sen­den. Im Zu­ge des­sen hat sich auch der Trend der Sprach­nach­rich­ten ge­bil­det. Die Mehr­heit der Nut­zer von Mes­sen­ger-Di­ens­ten wie Whats­app ver­schickt mitt­ler­wei­le sol­che Nach­rich­ten, wie Bit­kom be­rich­tet. Je jün­ger je­mand ist, des­to eher wird wie­der ge­spro­chen statt ge­tippt.

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