Si­cher trotz Ma­fia

Si­zi­li­en will noch mehr Tou­ris­ten an­lo­cken – mit ei­ner mo­der­nen In­fra­struk­tur und bes­se­rem Wein

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT - Von Ger­hard Bläs­ke

Pa­ler­mo - Bei der Wein­ern­te hat das un­ste­te Wet­ter auf Si­zi­li­en in die­sem Jahr zu Ein­bu­ßen ge­führt. Auch qua­li­ta­tiv wa­ren die Er­geb­nis­se nicht über­all op­ti­mal. Trotz­dem ver­kauft sich die In­sel bes­tens. „Wir sind ei­ne Tou­ris­ten­stadt ge­wor­den“, sagt Pa­ler­mos ewi­ger Bür­ger­meis­ter Leo­lu­ca Or­lan­do (76), be­kann­ter Kämp­fer ge­gen die Ma­fia. Seine Stadt sei „auf­re­gend, si­cher und güns­tig“. Ara­ber, Nor­man­nen, St­au­fer, Rö­mer, Fran­zo­sen, Spa­nier und Ös­ter­rei­cher herrsch­ten schon über die einst blü­hen­de Me­tro­po­le. Das hat Spu­ren hin­ter­las­sen.

Or­lan­do wi­der­setzt sich heu­te der re­strik­ti­ven Flücht­lings­po­li­tik der Re­gie­rung in Rom und nimmt in Pa­ler­mo mit Hin­weis auf das ge­schicht­li­che Er­be vie­le Im­mi­gran­ten auf. „Sie müs­sen aber un­se­ren Le­bens­stil ak­zep­tie­ren“, fügt er hin­zu. Ne­ga­ti­ve Fol­gen auf den Tou­ris­mus ha­be das nicht: In der dies­jäh­ri­gen Kul­tur­haupt­stadt Eu­ro­pas – so wie im rest­li­chen Si­zi­li­en – sind die Tou­ris­ten­zah­len deut­lich ge­stie­gen. In die­sem Jahr dürf­ten mehr als 15 Mil­lio­nen aus­län­di­sche Tou­ris­ten ge­kom­men sein, vor al­lem aus Frank­reich, Deutsch­land und Groß­bri­tan­ni­en. Zum Ver­gleich: 2016 re­gis­trier­te man dort 13 Mil­lio­nen aus­län­di­sche Be­su­cher.

Zeug­nis­se frem­der Kul­tu­ren fin­den sich auch an­ders­wo auf der In­sel: In den ara­bisch an­mu­ten­den Alt­städ­ten von Mar­sa­la, Ma­za­ra del Val­lo und Tra­pa­ni, in grie­chi­schen Tem­pel­an­la­gen wie Se­lin­un­te und Ag­ri­gen­to, in Ka­the­dra­len wie der von Pa­ler­mo oder in der Land­schaft rund um den Vul­kan Ät­na. Das quir­lig-dy­na­mi­sche Pa­ler­mo hat sich in die­sem Jahr be­son­ders her­aus­ge­putzt. Mo­der­ne in­ter­kul­tu­rel­le Pro­jek­te, aber auch Kunst­aus­stel­lun­gen zie­hen Be­su­cher aus der gan­zen Welt an.

Si­zi­li­en will sein Po­ten­zi­al aber noch bes­ser nut­zen. Das jahr­zehn­te­lang ver­nach­läs­sig­te Was­ser­ver­sor­gungs­sys­tem und das Stra­ßen­netz wer­den in­stand ge­setzt. 15 Mil­li­ar­den Eu­ro sol­len in den nächs­ten zehn Jah­ren al­lein in die Mo­der­ni­sie­rung des Bahn­net­zes flie­ßen. Dar­an an­ge­bun­den ist auch das an der Süd­küs­te lie­gen­de Ag­ri­gen­to, ei­ne hel­le­nis­ti­sche und phö­ni­zi­sche Me­tro­po­le mit einst 300 000 (heu­te: 70 000) Ein­woh­nern. Mehr als ei­ne Mil­li­on Be­su­cher schau­en

15 Mil­lio­nen Tou­ris­ten ka­men die­ses Jahr. Es sol­len noch mehr wer­den

sich jährlich die Tem­pel­an­la­gen an. Ge­ra­de ist ein an­ti­kes Thea­ter aus­ge­gra­ben wor­den und im Val­le dei Tem­pli wer­den an­ti­ke Be­wäs­se­rungs­an­la­gen wie­der­her­ge­stellt. Ne­ben Ge­mü­se wer­den Zi­trus­früch­te, Man­deln und Oli­ven an­ge­baut. Um auch an­de­re Be­su­cher an­zu­zie­hen, wurde ge­ra­de ein neu­es Kon­gress­zen­trum er­öff­net.

Doch ei­ne oft schlech­te Prä­sen­ta­ti­on, in­ef­fi­zi­en­te Bü­ro­kra­tie und be­su­cher­un­freund­li­che Öff­nungs­zei­ten wer­den Si­zi­li­en zum Ver­häng­nis. Da­bei hat kei­ne Re­gi­on Ita­li­ens so vie­le Unesco-Welt­kul­tur­er­be­stät­ten. Auch herr­li­che Strän­de, gas­tro­no­mi­sche Spe­zia­li­tä­ten, Fes­te und Tra­di­tio­nen ge­hö­ren zu den Plus­punk­ten. „Wir müs­sen uns bes­ser ver­kau­fen“, sagt Se­bas­tia­no Tu­sa vom si­zi­lia­ni­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um. Pro­fes­sor Gae­ta­no Ar­mao, Vi­ze­prä­si­dent im Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um, räumt noch selbst­kri­tisch ein, dass in der Ver­gan­gen­heit vie­le Feh­ler ge­macht wur­den. Aus­ge­rech­net ei­ni­ge der schöns­ten Strän­de wur­den mit Raf­fi­ne­ri­en ver­hunzt. Si­zi­li­en ist des­halb zwar ei­ner der wich­tigs­ten Ener­gie­stand­or­te im Land. In­dus­trie­rui­nen wie Ter­mi­ni Ime­re­se, wo Fi­at einst Au­tos bau­te, zeu­gen aber von ge­schei­ter­ten Ver­su­chen, die In­sel zu in­dus­tria­li­sie­ren.

Si­zi­li­en will aber auch kei­nen Mas­sen­tou­ris­mus. „Wir wol­len nicht so wer­den wie Mal­ta, wo die gan­zen Küs­ten zu­be­to­niert wur­den“, sagt Ar­mao. Die au­to­no­me Re­gi­on plant weit­ge­hen­de Steu­er­be­frei­un­gen für In­ves­to­ren, aber eben­so für Rentner – ähn­lich wie Portugal. Da­mit will man ver­mö­gen­de­re Un­ter­neh­mer und Pri­vat­leu­te auf die In­sel lo­cken.

Ei­nes der Aus­hän­ge­schil­der des In­sel ist der Wein. Statt mit bil­li­ger Mas­sen­wa­re wie frü­her will die In­sel mit hoch­wer­ti­gen Wei­nen punk­ten. Bis En­de Ok­to­ber sind 75 Mil­lio­nen Fla­schen DOC-Qua­li­täts­wei­ne ab­ge­füllt wor­den – 170 Pro­zent mehr als im Vor­jahr. 60 Pro­zent da­von ge­hen in den Ex­port. „Wich­tigs­te Märk­te sind die USA, Deutsch­land, Groß­bri­tan­ni­en und die Schweiz“, be­rich­tet An­to­nio Ral­lo, Prä­si­dent des si­zi­lia­ni­schen DOC-Wein­kon­sor­ti­ums und Chef des in fünf­ter Ge­ne­ra­ti­on ge­führ­ten Wein­pro­du­zen­ten Don­na Fu­ga­ta in Mar­sa­la. Al­lein die von die­sem Kon­sor­ti­um ab­ge­füll­ten Wei­ne ste­hen für ei­nen Um­satz von 300 Mil­lio­nen Eu­ro. Ins­ge­samt wer­den mit Si­zi­li­ens Wei­nen et­wa 800 Mil­lio­nen Eu­ro ein­ge­nom­men.

Nach­dem die Rot­wein­sor­te Ne­ro d’Avo­la zu­letzt sehr be­liebt war, setzt Si­zi­li­en jetzt auch auf die Weiß­wein­sor­te Gril­lo, die im 19. Jahr­hun­dert aus ei­ner Kreu­zung zwei­er lo­ka­ler Rebs­or­ten ent­stand. Sie soll auch Ba­sis für ei­nen cham­pa­gner­ähn­li­chen Schaum­wein wer­den. Da­ge­gen ist der tra­di­ti­ons­rei­che Des­sert­wein Mar­sa­la ver­nach­läs­sigt wor­den und zum Koch­wein für Des­serts her­ab­ge­sun­ken. Er wird oft für nur zwei oder drei Eu­ro pro Fla­sche ver­ramscht.

Fo­to: im­a­go/Wes­tend61

Die Stadt Ce­falù an der Nord­küs­te Si­zi­li­ens ist be­kannt für ih­re nor­man­ni­sche Ka­the­dra­le. Ob das si­zi­lia­ni­sche Vor­ha­ben, Mas­sen­be­su­che zu ver­mei­den, hier ge­glückt ist, darf be­zwei­felt wer­den.

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