Slap­stick für Je­sus

Der Mann, der Lau­rel und Har­dy ver­kup­pel­te: Das Ar­senal fei­ert Hol­ly­wood-Re­gis­seur Leo McCa­rey mit ei­ner Werk­schau

Der Tagesspiegel - - KULTUR - Von Es­t­her Buss

Der Kauf­haus­an­ge­stell­te Sam Clay­ton, Haupt­fi­gur in Leo McCa­reys Ko­mö­die „Good Sam“(1948), kann es mit der Hilfs­be­reit­schaft nicht auch mal gut sein las­sen. Von ei­nem grund­auf­rich­ti­gen Mit­ge­fühl für aus­nahms­los je­des Ge­gen­über er­füllt, kommt er je­der Bit­te nach, sei sie auch noch so un­wich­tig, dreist oder selbst­süch­tig. Dem Hol­ly­wood-Re­gis­seur lag viel an die­ser von Ca­ry Co­oper an­rüh­rend ko­misch ge­spiel­ten Sa­ma­ri­ter­fi­gur, die Sin­clair Le­wis ei­nen „kran­ken Ty­pen“nann­te. Bei McCa­rey wird Sams gren­zen­lo­ser Al­tru­is­mus am En­de als ein Wert ge­schätzt, den ei­ne Ge­sell­schaft sich „leis­ten“kann. Doch zu­nächst setzt er ei­ne Ket­te von Unan­nehm­lich­kei­ten und Pro­ble­men in Gang, die seine Fa­mi­lie fast das Dach über dem Kopf kos­tet.

Ähn­lich wie in McCa­reys Stumm­film „Li­ber­ty“(1929), in dem sich Lau­rel und Har­dy auf ei­nem schwin­del­er­re­gend ho­hen Bau­ge­rüst wie­der­fin­den – Ers­te­rer mit ei­nem quick­le­ben­di­gen Krebs in der viel zu gro­ßen Ho­se des Part­ners –, führt hier eins zum an­de­ren, wenn auch in slap­stick­frei­er Ton­la­ge. Nach dem Got­tes­dienst, wo Sam kur­zer­hand bei der Kol­lek­te ein­springt, leiht er den Nach­barn nicht nur sein Au­to, son­dern küm­mert sich auch noch um die Re­pa­ra­tur ih­res Wa­gens.

Wäh­rend sein ei­ge­nes Au­to zu Schrott ge­fah­ren wird, sorgt Sam da­für, dass die asth­ma­kran­ke Frau des Mecha­ni­kers me­di­zi­nisch ver­sorgt wird, hilft ei­ner gars­ti­gen Zu­spät­kom­men­den in den Bus und be­her­bergt ne­ben sei­nem Sch­wa­ger ei­ne jun­ge Frau mit Lie­bes­kum­mer. Al­les zum Leid­we­sen sei­ner Frau, die sich mit den Kon­se­quen­zen von Sams Barm­her­zig­keit her­um­zu­schla­gen hat: „Er liebt die Mensch­heit. Tie­re, Vö­gel und Fische. Er kann nicht an­ders, er muss den Menschen hel­fen.“McCa­reys tie­fer, re­li­gi­ös grun­dier­ter Hu­ma­nis­mus, der für sein Kino be­stim­mend ist, ver­bin­det sich in „Good Sam“mit ei­nem Ge­spür für ei­ne Ko­mik, zu der Un­der­state­ment und Ver­zö­ge­rung ge­hö­ren.

Ei­ne Aus­wahl von Leo McCa­reys Film­schaf­fen – seine letz­ten, von An­ti­kom­mu­nis­mus mo­ti­vier­ten Ar­bei­ten sind nicht da­bei – zeigt nun das Ar­senal. Die Rei­he ist in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Lo­car­no Fes­ti­val ent­stan­den, das dem et­was in Ver­ges­sen­heit ge­ra­te­nen Ver­tre­ter des klas­si­schen Hol­ly­wood-Ki­nos ei­ne um­fas­sen­de Werk­schau aus­rich­te­te. Denn ob­wohl McCa­rey sei­ner­zeit zu den wich­tigs­ten Re­gis­seu­ren zähl­te und mit „The Aw- ful Truth“(1937) ei­ne der be­rühm­tes­ten Screw­ball-Come­dys und „Wie­der­ver­hei­ra­tungs­ko­mö­di­en“(St­an­ley Ca­vell) hin­ter­ließ, hat er nie den Rang ei­nes Ho­ward Hawks oder Frank Ca­pra er­langt. Zu den Grö­ßen der Hol­ly­wood-In­dus­trie, die in den fünf­zi­ger Jah­ren von der Zeit­schrift „Ca­hiers du ci­né­ma“zu Au­to­ren er­nannt wur­den, ge­hört er nicht.

McCa­rey, der sich zu­nächst als Ju­rist, Bo­xer, Kup­fer­mi­nen­be­trei­ber und Song­schrei­ber ver­sucht hat­te, be­gann seine Film­lauf­bahn als As­sis­tent von Tod Brow­ning. Für die Roach Stu­di­os, wo er zu­nächst als Gag­schrei­ber tä­tig war, in­sze­nier­te er zahl­rei­che Kurz­film­ko­mö­di­en. Vor al­lem in sei­nen Ar­bei­ten mit dem Komiker-Duo Lau­rel und Har­dy, das auf seine Initia­ti­ve hin „ge­paart“wurde, gab er dem Gen­re in­no­va­ti­ve Im­pul­se. Un­ter McCa­rey wurde das Tem­po des Slap­sticks ent­schei­dend ver­lang­samt und neu rhyth­mi­siert, et­wa durch den „slow burn“, ei­ne Tech­nik, bei der der Witz durch ver­zö­ger­te Re­ak­ti­ons­zei­ten ge­stei­gert wird.

Nach­dem McCa­rey in sei­nen Spiel­fil­men zu­nächst die Zu­sam­men­ar­beit mit Ko­mi­kern fort­setz­te – et­wa mit Ed­die Can­tor und den Marx Bro­thers –, dreh­te er ab Mit­te der drei­ßi­ger Jah­re per­sön­li­che­re Ar­bei­ten, de­nen ei­ne fein­stoff­li­che Mi­schung aus ro­man­ti­schen, dra­ma­ti­schen und ko­mi­schen Ele­men­ten ei­gen ist. In „Lo­ve Af­fair“(1939) ge­lingt McCa­rey das Kunst­stück, ei­ne eher leich­te Ko­mö­die flui­de in ein Me­lo­dram mit ei­ni­gem Ge­wicht zu über­füh­ren. 1957 ent­stand un­ter dem Ti­tel „An Af­fair to Re­mem­ber“das weit­aus be­kann­te­re Re­make.

Auch in „The Bell’s of St. Ma­ry“(1945) ge­lingt es Leo McCa­rey, im Rah­men ei­ner re­li­giö­sen Er­zäh­lung ko­mi­sche Box­sze­nen mit ei­ner Non­ne und Kat­zens­lap­stick zu plat­zie­ren. Sein viel­leicht schöns­ter und ge­wiss trau­rigs­ter Film ist das na­he­zu ver­ges­se­ne Dra­ma „Ma­ke Way for To­mor­row“(1937), das Ya­su­ji­ro Ozu zu sei­nem Meis­ter­werk „To­kyo Sto­ry“(1953) in­spi­rier­te.

McCa­rey Stil ist stets zu­rück­hal­tend, so­dass ihm nach­ge­sagt wurde, gar kei­nen zu ha­ben. Tat­säch­lich ist seine Hand­schrift erst auf den zwei­ten Blick aus­zu­ma­chen. Mu­sik spielt ei­ne gro­ße Rolle, auf­fal­lend ist auch ei­ne zum Epi­so­den­haf­ten nei­gen­de Struk­tur. Mit­un­ter schei­nen sich Sze­nen voll­stän­dig aus den Zwän­gen der Er­zäh­löko­no­mie zu lö­sen, um sich ganz oh­ne Ei­le frei zu ent­fal­ten. Mög­lich wa­ren die­se Qua­li­tä­ten durch ei­nen Im­pro­vi­sa­ti­ons­stil, wie man ihn im klas­si­schen Hol­ly­wood-Kino sonst nicht fin­det. Der Film­kri­ti­ker Man­ny Far­ber hat die­se Na­tür­lich­keit be­schrie­ben: „Sie ge­hen und es­sen auf ei­ne Art, als wä­re dies ih­re ein­zi­ge Be­stim­mung im Film.“

McCa­rey war tie­fre­li­gi­ös. Aber er ließ Non­nen mit­ein­an­der bo­xen

— Ar­senal, bis 30. De­zem­ber

Fo­to: Ar­senal-Kino

Hut, Hund und Hal­ter. Ire­ne Dun­ne, Skip­py und Ca­ry Grant in „The Aw­ful Truth“von Leo McCa­rey, aus dem Jahr 1937. Der Screw­ball-Klas­si­ker zählt zu den be­rühm­tes­ten Wie­der­ver­hei­ra­tungs­ko­mö­di­en.

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