Die Uto­pie steckt im De­tail

Na­h­auf­nah­men aus Scha­rouns Phil­har­mo­nie: Das Kunst­haus Dah­lem zeigt Fo­tos von Al­bert Weis

Der Tagesspiegel - - KULTUR - Von Bir­git Rie­ger

Wenn man über Ar­chi­tek­turut­opi­en spricht, ist man im Kunst­haus Dah­lem nicht ganz falsch. Das ehe­ma­li­ge Staats­ate­lier des Bild­hau­ers Ar­no Breker ließ Hit­ler 1942 fer­tig­stel­len, mit­ten im Zwei­ten Welt­krieg, ge­dacht als Pro­duk­ti­ons­ort für die Kunst ei­ner sieg­rei­chen Na­ti­on. Längst ist das Haus um­ge­baut und der al­te Geist wird mit Nach­kriegs­kunst, auch von einst ver­fem­ten Künst­lern ver­trie­ben. In die­sem Am­bi­en­te wer­den der­zeit auf dem Mez­za­nin Fo­to­gra­fi­en des Ber­li­ner Künst­lers Al­bert Weis ge­zeigt.

Ei­gent­lich ist das Haus nicht für Pa­pier­ar­bei­ten ge­macht, zu hell, nicht ent­spre­chend kli­ma­ti­siert. Und doch ma­chen sich Weis’ Ar­chi­tek­tur­fo­to­gra­fi­en gut an die­sem am­bi­va­len­ten Ort und la­den zu manch ge­dank­li­cher Vol­te ein. Von den Tierskulp­tu­ren der Aus­stel­lung „Was war Eu­ro­pa?“, die im gro­ßen Haupt­raum auf So­ckeln plat­ziert sind, über die mo­nu­men­ta­len Flü­gel­tü­ren des Hau­ses bis zu den Raum­kon­zep­ten der Mo­der­ne in Weis’ Ar­bei­ten. Die Uto­pie und das Schei­tern schwin­gen über­all mit.

Weis, 1969 in Pas­sau ge­bo­ren, un­ter­sucht in sei­nen Fo­to­gra­fi­en Ar­chi­tek­tu­ren der Bau­meis­ter Bru­no Taut und Hans Scha­roun, in die­sem Fall die Ber­li­ner Phil­har­mo­nie von Scha­roun und die Sied­lung On­kel Tom’s Hüt­te von Taut. Bei­de hat er aus un­ge­wöhn­li­chen Blick­win­keln fo­to­gra­fiert. Weis nä­hert sich sei­nen Mo­ti­ven mit dem Blick des Bild­hau­ers – auch des­halb passt er gut an die­sen Ort, der sich der Skulp­tu­ren­kunst wid­met.

Mit dem Werk­kom­plex „phil­har­mo­nie“be­gann Weis um 2010. Er tas­tet Scha­rouns Ar­chi­tek­tu­ri­ko­ne aus den sech­zi­ger Jah­ren auf am­bi­va­len­te, rät­sel­haf­te De­tails ab, und von de­nen gibt es in dem kom­pli­zier­ten Bau nicht we­ni­ge. Nur ei­ne klei­ne, be­wusst ge­setz­te Aus­wahl an Fo­to­gra­fi­en ist in Dah­lem zu se­hen, oft kom­bi­niert mit ge­fal­te­ten und be­mal­ten oder mit Farb- und Raster­fo­lie be­kleb­ten Pa­pier­ar­bei­ten. Die­se „fol­der“sind ein wich­ti­ges Ele­ment in Weis’ Ar­beit.

Ei­ne groß­for­ma­ti­ge Fo­to­gra­fie zeigt ei­ne De­tail­auf­nah­me der run­den, far­bi­gen Glasstei­ne in der Phil­har­mo­nie-Fas­sa­de, so­wie ei­nen Aus­schnitt ei­ner Fens­ter­front, in de­ren Schei­ben sich wie­der­um ei­ne Lam­pe aus dem In­nen­raum spie­gelt. Die Lam­pe weist die ty­pi­schen Pen­ta­gon-Struk­tu­ren auf, die über­all in der Phil­har­mo­nie ei­ne Rolle spie­len und zur per­fek­ten Akus­tik des Hau­ses bei­tra­gen. Auch da­mit hat Weis sich aus­gie­big be­schäf­tigt, er hat Skulp­tu­ren mit sich über­la­gern­den Fünf­ecken ge­baut, die in der Dah­le­mer Schau al­ler­dings kei­ne Rolle spie­len.

Man kon­zen­triert sich hier auf die Fo­tos und die Pa­pier­fal­tun­gen. Die Aus­wahl der Ar­bei­ten und ih­re Hän­gung hat der Künst­ler selbst über­nom­men. Es ist Chef­sa­che, denn das Ent­de­cken von ähn­li­chen Struk­tu­ren und For­men, von ver­wand­ten Li­ni­en, Krei­sen und Viel­ecken in den Fo­to­gra­fi­en der Phil­har­mo­nie und den Pa­pier­ar­bei­ten, ist Teil des Er­leb­nis­ses. Der Schat­ten­wurf ei­ner Be­ton­fas­sa­de in ei­nem Bild äh­nelt ei­nem Knick im Pa­pier ne­ben­an, die löch­ri­ge Struk­tur ei­ner Ver­blen­dung in der Phil­har­mo­nie fin­det sich in ei­ner an­ders­wo auf­ge­kleb­ten Raster­fo­lie wie­der. Das macht Spaß und gibt zu­gleich Ein­blick in das oft schwer fass­ba­re For­men­vo­ka­bu­lar der Mo­der­ne.

Der Bild­hau­er Bern­hard Hei­li­ger ar­bei­te­te und wohn­te ab 1949 im Ost­flü­gel des Ate­lier­hau­ses, be­vor es zum heu­ti­gen Kunst­haus Dah­lem um­ge­wid­met wurde. In sei­nem ehe­ma­li­gen Ate­lier sind Bei­spie­le sei­ner Ar­beit zu se­hen. Und auch Weis be­zieht sich di­rekt auf ei­ne Alu­mi­ni­um­skulp­tur von Hei­li­ger. „Auf­takt 63“, ei­ne sich em­por­wir­beln­de Un­ge­heu­er­lich­keit, steht im Foy­er der Phil­har­mo­nie. Weis hat nicht die be­leuch­te­te Skulp­tur selbst, son­dern de­ren Schat­ten­wurf an der schrägen De­cke des Foy­ers fo­to­gra­fiert. Ein grau­er Schat­ten auf wei­ßem Grund, der in Weis’ Pig­ment­druck ei­ne be­ein­dru­ckend skulp­tu­ra­le An­mu­tung ge­winnt. Und als wä­ren Geis­ter am Werk, soll die­ser Druck Scha­rouns ers­ter Skiz­ze glei­chen, der so­ge­nann­ten „Ur­skiz­ze“, die er für die Phil­har­mo­nie an­ge­fer­tigt hat.

Et­was we­ni­ger Raum neh­men Weis’ neue Ar­bei­ten zur Sied­lung On­kel Tom’s Hüt­te ein. Ei­ne gro­ße Fo­to­gra­fie mit ul­tra­ma­rin­blau­er Haus­wand und lau­big-grü­nem Baum ist mit Col­la­gen und Pa­pier­ar­bei­ten kom­bi­niert. Dar­in er­forscht Weis vor al­lem die Form und das Farb­re­per­toire der von Bru­no Taut zwi­schen 1926 und 1931 er­bau­ten Sied­lung, die ja ganz in der Nä­he des Kunst­hau­ses Dah­lem liegt. Mit ge­schärf­tem Blick sei ein Spa­zier­gang emp­foh­len. Den kann man so­gar noch wei­ter aus­deh­nen. Zeit­gleich zur Prä­sen­ta­ti­on in Dah­lem ist näm­lich im Zen­trum für Ak­tu­el­le Kunst in der Zi­ta­del­le Span­dau die Aus­stel­lung „chan­ges“mit wei­te­ren Ar­bei­ten von Al­bert Weis zu se­hen. Auch dort geht es mit groß­for­ma­ti­gen Me­tall­skulp­tu­ren und Neon­ar­bei­ten un­ter an­de­rem um Scha­roun.

— Kunst­haus Dah­lem, bis 14. Ja­nu­ar, Mi-Mo 11-17 Uhr; Zi­ta­del­le Span­dau, bis 6. Ja­nu­ar, Mo-So 10-17 Uhr

Fo­to: Al­bert Weis/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Das Run­de ne­ben dem Ecki­gen. Mit sei­ner Se­rie „phil­har­mo­nie“ent­deckt Weis rät­sel­haf­te Per­spek­ti­ven in der Ar­chi­tek­tur-Iko­ne.

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