Ju­ris­ti­sche Vor­aus­set­zun­gen für den Ju­den­mord ge­schaf­fen

Ei­ne neu­es Buch über den NS-Schreib­tisch­tä­ter und spä­te­ren Chef des Kanz­ler­amts Glob­ke be­zieht auch das DDR-Ur­teil über ihn ein

Der Tagesspiegel - - WISSEN & FORSCHEN - Ernst Reuß

„Die Schat­ten der brau­nen Ver­gan­gen­heit blie­ben in der Bun­des­re­pu­blik jahr­zehn­te­lang über­mäch­tig. Und nie­mand sym­bo­li­sier­te das so klar und deut­lich wie Hans Glob­ke, der Chef im Bon­ner Kanz­ler­amt“, schreibt der Au­tor Klaus Bäst­lein in sei­nem Buch „Der Fall Glob­ke, Pro­pa­gan­da und Jus­tiz in Ost und West“.

Man soll­te mei­nen, über Glob­ke sei be­reits al­les ge­sagt, denn er gilt als das pro­mi­nen­tes­te Bei­spiel für die per­so­nel­le Kon­ti­nui­tät des Über­gangs vom „Drit­ten Reich“zur Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Sein Na­me sym­bo­li­sier­te die In­te­gra­ti­on der NS-Eli­ten in die west­deut­sche Ge­sell­schaft. Glob­ke galt als „graue Emi­nenz“und engs­ter Ver­trau­ter von Kon­rad Ade­nau­er. Zu sei­nem Auf­ga­ben­be­reich ge­hör­ten auch die Kon­trol­le von BND und Ver­fas­sungs­schutz, ob­wohl er selbst kein un­be­schrie­be­nes Blatt war.

Der 1898 ge­bo­re­ne Hans Glob­ke hat­te nicht nur die NS-Ras­sen­ge­set­ze kom­men­tiert, son­dern auch Ver­ord­nun­gen ver­fasst, die die De­por­ta­ti­on von Ju­den erst er­mög­lich­ten. Es war sei­ne Idee ge­we­sen, dass al­le Ju­den ih­rem ei­ge­nen ei­nen zwei­ten Vor­na­men hin­zu­zu­fü­gen hat­ten: „Sa­ra“oder „Is­ra­el“. Auch das in de­ren Päs­se ge­stem­pel­te „J“hat­te Glob­ke an­ge­regt. Er schuf mit die­ser Er­fas­sung die ver­wal­tungs­tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen für den Ho­lo­caust und für die Ein­zie­hung des Ver­mö­gens der Er­mor­de­ten. Trotz- dem wur­de er nach dem Krieg als „un­be­las­tet“ent­na­zi­fi­ziert. Er selbst be­haup­te­te gar, im Wi­der­stand ge­we­sen zu sein.

Glob­ke hät­te nie­mals ei­ne lei­ten­de Po­si­ti­on in der Bun­des­re­pu­blik ein­neh­men dür­fen, schreibt Bäst­lein. Sei­ne Tä­tig­keit wer­fe ei­nen Schat­ten auf Ade­nau­ers Ver­diens­te als Bun­des­kanz­ler. „Glob­ke stellt näm­lich nicht nur ein mo­ra­li­sches Pro­blem dar, son­dern die von ihm be­trie­be­ne Rena­zi­fi­zie­rung präg­te die jun­ge Bun­des­re­pu­blik so nach­hal­tig, dass für ih­re Über­win­dung Jahr­zehn­te er­for­der­lich wa­ren“, re­sü­miert Bäst­lein.

Glob­ke wur­de nach dem Krieg auch für den Ho­lo­caust in Grie­chen­land mit­ver­ant­wort­lich ge­macht, was den un­ver­ges­se­nen, aber da­mals hef­tig an­ge­fein­de­ten hes­si­schen Ge­ne­ral­staats­an­walt Fritz Bau­er da­zu be­wog ein Er­mitt­lungs­ver­fah­ren ge­gen ihn ein­zu­lei­ten. Im Mai 1961 wur­de das Ver­fah­ren nach In­ter­ven­ti­on von Kanz­ler Ade­nau­er an die Staats­an­walt­schaft Bonn ab­ge­ge­ben und dort er­war­tungs­ge­mäß man­gels hin­rei­chen­den Tat­ver­dachts ein­ge­stellt.

Es ent­sprach der da­mals in der Be­völ­ke­rung vor­herr­schen­den Mei­nung, dass über die Ver­gan­gen­heit Gras wach­sen soll­te. Kein Wun­der, denn die meis­ten Deut­schen wa­ren mehr oder we­ni­ger an der Na­zi-Herr­schaft be­tei­ligt oder hat­ten von ihr pro­fi­tiert. 77 Pro­zent der lei­ten­den Be­am­ten der Ab­tei­lung Straf­recht des Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums wa­ren ehe- ma­li­ge Mit­glie­der der NSDAP. Nach­zu­voll­zie­hen, dass Fritz Bau­er, der den Frank­fur­ter Au­schwitz­pro­zess und den Pro­zess ge­gen Adolf Eich­mann erst er­mög­lich­te, sich im „feind­li­chen Aus­land“wähn­te, wenn er sein Bü­ro ver­ließ.

Im an­de­ren Teil Deutsch­lands war Glob­ke ein ge­fun­de­nes Fres­sen für Pro­pa­gan­da-Atta­cken des SED-Re­gimes. Die DDR ver­such­te sich schließ­lich als das an­ti­fa­schis­ti­sche und bes­se­re Deutsch­land zu pro­fi­lie­ren. Man ließ Hans Glob­ke mit- tels Steck­brie­fen su­chen, ob­wohl je­der wuss­te wo er sich auf­hielt. Un­ter sei­nem Kon­ter­fei, das in der DDR an al­len Lit­faß­säu­len hing, stand: „Dr. Glob­ke ist drin­gend ver­däch­tig, als lang­jäh­ri­ger Mit­ar­bei­ter des fa­schis­ti­schen Reich­sin­nen­mi­nis­te­ri­ums maß­geb­lich an der Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung der fa­schis­ti­schen Ver­bre­chen, die zur Er­mor­dung von Mil­lio­nen jü­di­scher Bür­ger und An­ge­hö­ri­ger an­de­rer Völ­ker führ­ten, mit­ge­wirkt zu ha­ben.“

Das Obers­te Ge­richt der DDR ver­ur­teil­te ihn schließ­lich 1963 in Ab­we­sen­heit we­gen Mit­tä­ter­schaft am Ju­den­mord zu le­bens­lan­gem Zucht­haus. Der Ta­ges­spie­gel be­rich­te­te da­mals un­ter der Über­schrift „Pan­kower Pro­pa­gan­da­pro­zess“.

Im Un­ter­schied zu bis­he­ri­gen Bü­chern über Hans Glob­ke be­schäf­tigt sich Klaus Bäst­lein, als pro­mo­vier­ter His­to­ri­ker und Voll­ju­rist, auch in­ten­siv mit die­sem Ur­teil, das in gro­ßen Tei­len ab­ge­druckt ist. Und er äu­ßert sich dif­fe­ren­zier­ter als sei­ne Vor­gän­ger. Er meint et­wa, es sei be­mer­kens­wert, „dass ein ge­richt­li­ches Ver­fah­ren, das zu pro­pa­gan­dis­ti­schen Zwe­cken durch­ge­führt und rechts­staats­wid­rig vor­be­rei­tet wur­de, zu ei­nem ju­ris­tisch ein­wand­frei­en und in sei­ner his­to­ri­schen Sub­stanz be­acht­li­chen Ur­teil führ­te“.

Bäst­lein fällt auch ein ei­ge­nes Ur­teil über Ade­nau­ers Kanz­ler­amts-Chef: „Hans Glob­ke war ein NS-Schreib­tisch­tä­ter. Er hat kei­nen Men­schen ei­gen­hän­dig ge­tö­tet. Das tat auch Adolf Eich­mann nicht.“Doch Glob­ke ha­be die ju­ris­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­nich­tung der eu­ro­päi­schen Ju­den ge­schaf­fen. „Oh­ne die De­fi­ni­ti­on, wer als Ju­de zu gel­ten hat­te, und oh­ne Re­ge­lun­gen über die Aus­lö­schung ih­rer bür­ger­li­chen Exis­tenz samt Ver­mö­gens­ein­zie­hung wä­ren die De­por­ta­tio­nen und da­mit der Mas­sen­mord nicht mög­lich ge­we­sen“, stellt Bäst­lein fest.

Zu­sam­men mit sei­nem Men­tor Kon­rad Ade­nau­er trat Glob­ke 1963 zu­rück und be­schloss, als Pen­sio­när in die Schweiz über­zu­sie­deln. Er hat­te ein Haus am Gen­fer See ge­kauft, das er aber wie­der ver­kau­fen muss­te, weil die Schwei­zer Re­gie­rung ihn trotz In­ter­ven­ti­on Ade­nau­ers zu ei­nem un­er­wünsch­ten Aus­län­der er­klär­te und ihm die Ein­rei­se ver­bot. Zehn Jah­re nach sei­ner Pen­sio­nie­rung starb der mit Ver­dienst­or­den reich­lich de­ko­rier­te Glob­ke in sei­nem Wohn­ort Bonn. — Klaus Bäst­lein: Me­tro­pol Ver­lag, Ber­lin 2018.

304 Sei­ten, 22 Eu­ro

Fo­to: akg-images

Hand­schrift des Tä­ters. Als Ver­wal­tungs­ju­rist im NS-In­nen­mi­nis­te­ri­um ver­fass­te Hans Glob­ke Ver­ord­nun­gen, die die De­por­ta­ti­on der Ju­den er­mög­lich­ten.

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