Sala­fis­ti­sche Ju­gend­ar­beit oh­ne Kon­trol­le

Der Ber­li­ner Se­nat hat kei­nen Ein­blick in Un­ter­richts­an­ge­bo­te der Al-Nur-Mo­schee in Neu­kölln

Der Tagesspiegel - - VORDERSEITE - Von Alex­an­der Fröh­lich und Susanne Vieth-En­tus

Ber­lin - Ob­wohl der Ber­li­ner Ver­fas­sungs­schutz die Al-Nur-Mo­schee in Neu­kölln als Sala­fis­ten­treff ein­stuft und sie we­gen ex­tre­mis­ti­scher Be­stre­bun­gen be­ob­ach­tet, kön­nen dort Kin­der und Ju­gend­li­che un­ge­stört von den Be­hör­den un­ter­rich­tet wor­den. Der 1986 ge­grün­de­te Mo­schee­ver­ein be­treibt seit 1998 ein Ju­gend- und Fa­mi­li­en­zen­trum: Der Vor­stand der Mo­schee ist zu­gleich Vor­sit­zen­der des Ver­eins, der das Ju­gend- und Fa­mi­li­en­zen­trum be­treibt. Da die­ser Ver­ein we­der För­der­mit­tel be­zieht noch ein of­fi­zi­el­ler Trä­ger der Kin­der- und Ju­gend­hil­fe ist, hat der Ber­li­ner Se­nat kei­ne Kon­troll­in­stru­men­te und kei­ne Kennt­nis, was in der Mo­schee – dem größ­ten Sala­fis­ten­treff­punkt Ber­lins – in dem Un­ter­richt für Kin­der und Ju­gend­li­che ver­mit­telt wird und vor sich geht.

„Die be­tref­fen­den An­ge­bo­te sind dem Se­nat ins­be­son­de­re we­der durch ei­ne Er­laub­nis­pflicht noch im Zu­ge ei­ner För­de­rung be­kannt ge­wor­den“, heißt es in ei­ner Ant­wort der In­nen­ver­wal­tung auf ei­ne par­la­men­ta­ri­sche An­fra­ge des SPD-Po­li­ti­kers Tom Schrei­ber. Da­her lä- gen dem Se­nat auch „kei­ne Er­kennt­nis­se“über Aus­wir­kun­gen und Ver­dachts­fäl­le vor, ob Kin­der und Ju­gend­li­che sala­fis­tisch in­dok­tri­niert wür­den, heißt es in der Ant­wort.

Die Al-Nur-Mo­schee ist laut In­nen­ver­wal­tung ei­ne „von Sala­fis­ten do­mi­nier­te Ein­rich­tung“. Der Vor­stand und die Haupt­ak­teu­re dort sei­en dem „po­li­ti­schen Sala­fis­mus“zu­zu­ord­nen. Die­ser Is­la­mis­mus ist laut Ver­fas­sungs­schutz ei­ne ge­gen die frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung ge­rich­te­te ex­tre­mis­ti­sche Ideo­lo­gie. Die Über­gän­ge der auf Pro­pa­gan­da set­zen­den Strö­mung zu den dschi­ha­dis­ti­schen Sala­fis­ten, die auf Ge­walt setz­ten, sei­en flie­ßend. Zwar wer­de die Mo­schee über­wie­gend von Personen be­sucht, die von der In­nen­ver­wal­tung nicht dem sala­fis­ti­schen Spek­trum zu­ge­rech­net wer­den. Doch den An­ga­ben zu­fol­ge ha­ben die Mo­schee­be­trei­ber wie­der­holt sala­fis­ti­schen Pre­di­gern ei­ne Platt­form ge­bo­ten, die frau­en­feind­li­che, ho­mo­pho­be und an­ti­se­mi­ti­sche Po­si­tio­nen ver­brei­tet ha­ben.

Der Ab­ge­ord­ne­te Schrei­ber spricht vor dem Hin­ter­grund der in Ber­lin stei­gen­den Zahl von Sala­fis­ten und Ge­fähr­den von un­halt­ba­ren Zu­stän­den: „Es ist obers­tes Ziel des Staa­tes, ge­nau hin­zu­schau­en und ein- ten müs­sen sich die Ru­mä­nen wie­der mit Ma­ma­li­ga und Mi­ti­tei (ge­grill­ten Hack­flei­schröll­chen) be­gnü­gen. Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler ist in Sam­bia mit ei­nem Re­gie­rungs­flie­ger lie­gen ge­blie­ben. Das scha­de dem Image von Deutschland, hat er ge­schimpft. Aber ist das in Afri­ka nicht viel zu gut? Wm­dW wä­re auch ge­kränkt, wenn er mit ei­ner un­stan­des­ge­mä­ßen Li­ni­en­ma­schi­ne zu­rück­flie­gen müss­te. (Hof­fent­lich war es nicht Holz­klas­se.) Dem deut­schen Nim­bus tut das nichts an, glän­zen doch deut­sche Tech­nik und Or­ga­ni­sa­ti­on wie lu­pen­rei­ne Zwan­zig­ka­rä­ter im Wel­ten­rund. Um­so bes­ser ist es des­halb, dass nicht all­zu vie­le Afri­ka­ner mit der Deut­schen Bahn rei­sen.

Ein wo­mög­lich letz­tes Wort zu The­re­sa May …

Am Di­ens­tag schlägt ihr Stünd­lein, aber nicht un­be­dingt ihr letz­tes. Ei­ner­seits wird das Par­la­ment wohl ih­ren Br­ex­it-De­al ab­leh­nen. An­der­seits ist des­sen Mehr­heit ge­gen ei­nen „No De­al“. Al­so „Dei­ne Sup­pe ess ich nicht, aber hung­rig ins Bett will ich auch nicht“-Staats­kunst vom Feins­ten. May kann noch ein we­nig ma­nö­vrie­ren, aber die 27 soll­ten ihr hel­fen und Lon­don ei­ne Gna­den­frist nach dem 29. März, dem Schei­dungs­da­tum, schen­ken. Im ei­ge­nen In­ter­es­se.

— Jo­sef Jof­fe ist Her­aus­ge­ber der „Zeit“. zu­schrei­ten, wenn es Hin­wei­se gibt“, sag­te Schrei­ber dem Ta­ges­spie­gel. Nö­tig sei ein zü­gi­ger Aus­tausch zwi­schen dem Se­nat und dem Be­zirk Neu­kölln. Es be­ste­he Zeit­druck: „Hier län­ger ab­zu­war­ten ist tö­richt:“Schrei­ber er­in­ner­te an das noch un­ter Ex-In­nen­se­na­tor Frank Hen­kel (CDU) vor vier Jah­ren ein­ge­lei­te­te Ver­bots­ver­fah­ren ge­gen den Mo­schee­ver­ein „Is­la­mi­sche Ge­mein­schaft Ber­lin“, das an­schlie­ßend im San­de ver­lief.

Der Lei­ter des Ju­gend- und Fa­mi­li­en­zen­trums woll­te sich nicht zu den Kur­sen und Schü­ler­zah­len der An­ge­bo­te in der Al-Nur-Mo­schee äu­ßern. Er ver­wies auf den Imam. Der vom Imam per­sön­lich in Aus­sicht ge­stell­te Rück­ruf ist am Sonn­tag bis zum Re­dak­ti­ons­schluss die­ser Ausgabe nicht er­folgt. Die Lei­te­rin der be­nach­bar­ten Neu­köll­ner Grund­schu­le, As­trid-Sa­bi­ne Bus­se, schätzt, dass et­wa ein Drit­tel ih­rer 650 Schü­ler am Wo­chen- en­de zum Un­ter­richt in das Ju­gend- und Fa­mi­li­en­zen­trum der Mo­schee ge­hen.

Sie be­rich­tet, dass die Schü­le­rin­nen, die nur mit schwar­zem Kopf­tuch zur Schu­le kä­men, im­mer jün­ger sei­en. Im Un­ter­richt mit ihnen über ih­ren Kör­per zu spre­chen, wer­de im­mer schwie­ri­ger. Bus­se kri­ti­siert zu­dem, dass der Un­ter­richt der Mo­schee ab­ge­schirmt von der Öf­fent­lich­keit sei. Nö­tig sei statt­des­sen ein staat­lich kon­trol­lier­ter Re­li­gi­ons­un­ter­richt mit in Deutschland aus­ge­bil­de­ten Leh­rern.

Die Si­cher­heits­be­hör­den ge­hen von rund 1000 Sala­fis­ten in Ber­lin aus, die Hälf­te da­von wird als ge­walt­be­reit ein­ge­stuft. Die Zahl der re­li­gi­ös mo­ti­vier­ten Ge­fähr­der, de­nen je­der­zeit ein Ter­ror­an­schlag zu­ge­traut wird, liegt laut In­nen­ver­wal­tung im obe­ren zwei­stel­li­gen Be­reich. Das sind je­weils et­was mehr als Mit­te 2018. Auch die Zahl der Aus­rei­sen in Kampf­ge­bie­te in Sy­ri­en und Irak ist steigt: Laut Se­nat wa­ren es seit 2012 ins­ge­samt 130 Personen aus Ber­lin „mit is­la­mis­ti­scher Mo­ti­va­ti­on“– zehn mehr als Mit­te 2018. Fast die Hälf­te da­von sind deut­sche Staats­bür­ger, et­wa 20 in das Kon­flikt­ge­biet aus­ge­reis­te Personen sind ge­stor­ben.

Die Zahl der Sala­fis­ten und Ge­fähr­der in Ber­lin steigt wei­ter

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