Mit Tra­di­tio­nen bre­chen

?

Der Tagesspiegel - - FRAGEN DES TAGES - Se­bas­ti­an Bor­ger

Im Par­la­ment wird sich die Auf­merk­sam­keit auf John Ber­cow rich­ten. Al­les spricht da­für, dass dies dem Spea­ker des Un­ter­hau­ses sehr recht ist. Wel­che Rol­le spielt der Par­la­ments­prä­si­dent?

Der kurz­ge­wach­se­ne Sohn ei­nes Lon­do­ner Ta­xi­fah­rers hat sein Au­ßen­sei­ter­tum von Kin­des­bei­nen an durch un­er­schüt­ter­li­chen Glau­ben an die ei­ge­ne Be­deu­tung kom­pen­siert. Wenn Par­la­ments­prä­si­dent John Ber­cow ei­ne Mi­nis­te­rin oder ei­nen un­ge­ho­bel­ten Zwi­schen­ru­fer zu­recht­weist und da­bei stets zu be­son­ders aus­ge­fal­le­nen For­mu­lie­run­gen greift, wirkt der 55-Jäh­ri­ge wie be­rauscht vom Klang sei­ner ei­ge­nen Stim­me.

Sei­ne fast zehn­jäh­ri­ge Amts­zeit hat der 1997 als Kon­ser­va­ti­ver ins Par­la­ment ge­kom­me­ne Po­li­ti­ker aber nicht nur zur Be­frie­di­gung sei­ner Ei­tel­keit be­nutzt. Ber­cow setz­te auch ein längst über­fäl­li­ges Re­form­pro­gramm durch. Mi­nis­ter müs­sen sich viel häu­fi­ger als frü­her auch kurz­fris­tig für ih­re Ent­schei­dun­gen recht­fer­ti­gen, die Op­po­si­ti­on er­hielt mehr Ge­le­gen­heit zu ei­ge­nen De­bat­ten. Und Hin­ter­bänk­ler al­ler Frak­tio­nen kom­men aus­führ­li­cher zu Wort – al­lein Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May muss­te zu­letzt dem Par­la­ment oft bis zu drei St­un­den Re­de und Ant­wort ste­hen.

Im bri­ti­schen Sys­tem hat die Exe­ku­ti­ve ei­ne un­ge­wöhn­lich star­ke Stel­lung, ge­stützt auf das Mehr­heits­wahl­recht, das für sta­bi­le Ver­hält­nis­se sor­gen soll. So be­stimmt die Re­gie­rung weit­ge­hend die Ta­ges­ord­nung des Un­ter­hau­ses. Op­po­si­ti­ons­ab­ge­ord­ne­te ha­ben kaum Ge­le­gen­heit, ei­ge­ne Ge­set­zes­vor­schlä­ge zu ma­chen. Ei­ne Re­gie­rungs­vor­la­ge kann al­ler­dings durch Än­de­rungs­an­trä­ge ver­wäs­sert oder so­gar ins Ge­gen­teil ver­kehrt wer­den. Da­bei kommt dem neu­tra­len „Mis­ter Spea­ker“ei­ne ent­schei­den­de Rol­le zu.

Sei­ne Stär­kung des Par­la­ments ge­gen­über der Exe­ku­ti­ve hat Ber­cow ver­gan­ge­ne Wo­che in ei­nen hef­ti­gen Kon­flikt mit sei­nen eins­ti­gen Frak­ti­ons­kol­le­gen ge­bracht. Kon­kret ging es da­bei um­die Än­de­rung des Re­gie­rungs­an­tra­ges, wel­cher der Br­ex­it-Ab­stim­mung zu­grun­de liegt. Bis­her gal­ten sol­che An­trä­ge als un­ab­än­der­lich. Hin­wei­se von Ver­fas­sungs­ex­per­ten auf her­ge­brach­te Tra­di­tio­nen wisch­te Ber­cow bei­sei­te: „Wenn wir uns im­mer nur an die Tra­di­ti­on halten wür­den, wä­re kei­ner­lei Ve­rän­de­rung mög­lich.“

Für das Vo­tum am Di­ens­tag lie­gen Ber­cow nun 13 Än­de­rungs­an­trä­ge vor; der Tra­di­ti­on ent­spre­chend wür­de er dar­aus an die­sem Mon­tag oder spä­tes­tens am Di­ens­tag mor­gen et­wa ein hal­bes Dut­zend aus­wäh­len. Über sie wird zu­nächst ab­ge­stimmt, und zwar per Ham­mel­sprung: Die 650 Ab­ge­ord­ne­ten müs­sen im Vor­raum des Plenar­saals durch ei­ne von zwei Tü­ren ge­hen, je nach­dem, ob sie mit Ja oder Nein stim­men wol­len. Wer auf sei­nem Platz ver­harrt, ent­hält sich da­mit der Stim­me. Bei der Ab­stim­mung über die Än­de­rungs­an­trä­ge kann das Par­la­ment deut­lich ma­chen, wel­che Op­ti­on es statt des Aus­tritts­ver­tra­ges be­für­wor­tet.

Vie­le Kon­ser­va­ti­ve, be­son­ders die Be­für­wor­ter des Cha­os-Br­ex­its, fürch­ten, Ber­cow wer­de der gro­ßen Mehr­heit im Par­la­ment Ge­hör ver­schaf­fen, die sich ge­gen den so­ge­nann­ten „No De­al“aus­ge­spro­chen hat.

Ber­cow

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.