Die Heim­su­chung

Als der Brief kommt, kann sie es nicht fas­sen. Sie soll ih­re Woh­nung räu­men, nach 45 Jah­ren. Lui­se Hu­ber wehrt sich, be­sorgt At­tes­te, schleppt sich zu Be­sich­ti­gungs­ter­mi­nen, kämpft um ihr Zu­hau­se. Die Rent­ne­rin sagt: Ein Um­zug wä­re für sie der An­fang vom

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Al­ters­sitz.

Kleins­te Ve­rän­de­run­gen stö­ren im Al­ter, nun muss sie mit ei­ner un­mög­li­chen kämp­fen. Lui­se Hu­ber steht in ei­ner lee­ren Woh­nung, die sie mit sie­ben an­de­ren In­ter­es­sen­ten be­sich­tigt. Die Mak­le­rin sagt, sie müs­se ei­ne Miet­schul­den­frei­heits­be­schei­ni­gung ab­ge­ben, ei­ne Schu­fa-Aus­kunft. Lui­se Hu­ber hat da­von noch nie ge­hört, ver­steht kein Wort. „Wo ru­fe ich denn da­für an?“, fragt sie.

Zu­letzt hat Lui­se Hu­ber 1974 nach ei­ner Woh­nung ge­sucht. Jetzt, im Al­ter von 76 Jah­ren, ist sie wie­der da­zu ge­zwun­gen. „An­ru­fen? Ach was!“, sagt die Mak­le­rin. „Das kön­nen Sie ganz ein­fach on­li­ne ma­chen.“Lui­se Hu­ber hat nicht ein­mal ei­nen Com­pu­ter.

So or­dent­lich sie nach au­ßen wirkt, mit den sorg­fäl­tig ge­kämm­ten wei­ßen Haa­ren, den Ohr­clips, dem ge­kno­te­ten Sei­den­tuch um­den Hals, so durch­ein­an­der ist sie tat­säch­lich. Seit ei­nem hal­ben Jahr schon. Als der Brief an­kam, der al­les zu­nich­te mach­te, was so si­cher schien.

An je­nem Tag im Ju­li war Lui­se Hu­ber nicht zu Hau­se. Ihr Mann Hans nahm das Ein­schrei­ben ent­ge­gen und las: „Ich kün­di­ge das mit Ihnen be­ste­hen­de Miet­ver­hält­nis über die Woh­nung (...) we­gen Ei­gen­be­darf zum 31.03.2019.“Als Lui­se Hu­ber das hör­te, konn­te sie es nicht glau­ben. Auch an gu­ten Ta­gen kann sie das noch im­mer nicht. Und an schlech­ten Ta­gen über­legt sie, was die Sät­ze in dem Brief be­deu­ten, wo sie nächs­tes Jahr Weih­nach­ten fei­ert. Dann ver­liert sie den Ap­pe­tit. Sie wird ner­vös und schus­se­lig, was sie zu­vor nie ge­we­sen ist.

Woh­nen ist in Ber­lin zu ei­nem der drän­gends­ten so­zia­len Pro­ble­me ge­wor­den. Je­des Jahr wer­den Tau­sen­de von Miet­woh­nun­gen in Ei­gen­tums­woh­nun­gen um­ge­wan­delt. 2017 zähl­te der Ber­li­ner Mie­ter­ver­ein (BMV) 16 548 Fäl­le, vier Mal so vie­le wie zehn Jah­re zu­vor. Im­mer mehr Mie­ter kön­nen sich ih­re Woh­nung nach teu­ren Mo­der­ni­sie­run­gen nicht mehr leis­ten – oder müs­sen ihr Zu­hau­se we­gen ei­ner Kün­di­gung ver­las­sen. „Es gibt kein Na­tur­ge­setz, das mir das Recht gibt, für im­mer in mei­ner ver­trau­ten Um­ge­bung zu blei­ben“, sag­te kürz­lich Cars­ten Brück­ner, der Vor­sit­zen­de des Ei­gen­tü­mer­ver­band Haus & Grund.

Lui­se Hu­ber aber ver­zwei­felt an der Vor­stel­lung, ihr Zu­hau­se ver­las­sen zu müs­sen. „Ein Um­zug wä­re für mich der An­fang vom Ster­ben“, sagt sie.

Mit ei­ner Hand auf dem Ge­län­der geht sie nach dem Be­sich­ti­gungs­ter­min die 30 Stu­fen von der frem­den Woh­nung lang­sam hin­un­ter. Ihr Knie ist we­gen ei­nes Ski­un­falls schon lan­ge steif. Des­we­gen hat sie je­den Di­ens­tag Gym­nas­tik. Wird es dick und schmerzt, so wie neu- lich, hum­pelt sie rü­ber zu ih­rem Or­tho­pä­den, der sie seit 16 Jah­ren be­han­delt. Für bei­de We­ge in ih­rem ver­trau­ten Kiez in Frie­denau braucht Lui­se Hu­ber höchs­tens zehn Mi­nu­ten zu Fuß, so wie für al­les Wich­ti­ge in ih­rem All­tag – Apo­the­ke, Bä­cker, Su­per­markt. In ih­rem klei­nen Ra­di­us kommt die 76-Jäh­ri­ge zu­recht. In ei­nem grö­ße­ren, frem­den Um­kreis wür­de sie das nicht.

In sei­ne Woh­nung ist das Ehe­paar Hu­ber 1974 mit ei­ner Warm­mie­te von 264,80 Eu­ro ein­ge­zo­gen, vier Zim­mer, Alt­bau. Heu­te zahlt es für sei­ne 110 Qua­drat­me­ter we­ni­ger als 700 Eu­ro. Die Hu­bers wol­len ih­ren rich­ti­gen Na­men nicht nen­nen, weil sie noch hof­fen, dass ihr Ver­mie­ter, der das ge­sam­te Haus 2007 ge­kauft hat, sei­ne Ent­schei­dung über­denkt. Ob er das tut, wer­den die nächs­ten Ta­ge zei­gen. Der Rechts­be­ra­ter des Mie­ter­ver­eins von Lui­se Hu­ber hat Wi­der­spruch ge­gen die Kün­di­gung ein­ge­legt. Nun war­ten sie.

Was muss­te Lui­se Hu­ber für den Wi­der­spruch nicht al­les er­le­di­gen: Sie hol­te At­tes­te von ih­rem Arzt – auch für ih­ren Mann, der we­gen di­ver­ser kör­per­li­cher Ge­bre­chen und ei­ner be­gin­nen­den De­menz Pfle­ge­grad 2 hat. Sie gab Woh­nungs­an­zei­gen auf und fuhr im­mer wie­der zu ih­rer bes­ten Freun­din nach Wil­mers­dorf, such­te dort am Com­pu­ter auf Im­mo­bi­li­en­por­ta­len her­um. Tipp­te sie ihr Bud­get ein, 800 Eu­ro, 900 Eu­ro, schrumpf­te das An­ge­bot fast im­mer auf Null. Wenn nicht, te­le­fo­nier­te Lui­se Hu­ber, or­ga­ni­sier­te Be­sich­ti­gungs­ter­mi­ne, ko­pier­te Do­ku­men­te. Sie las im Ta­ges­spie­gel vom Pro­jekt „Wem ge­hört Ber­lin?“und schrieb ei­nen Brief an den Check­point-News­let­ter, um auf ih­re Si­tua­ti­on auf­merk­sam zu ma­chen.

„Mei­ne Freun­din sagt im­mer: Ein Ter­min am Tag, das ist, was man in un­se­rem Al­ter noch schafft“, sagt sie. So ein Tag ist bei Lui­se Hu­ber lan­ge her.

Das Ein­zi­ge, das sie und ih­ren Mann schüt­zen kann, ist die So­zi­al­klau­sel, Pa­ra­graph 574, Bun­des­ge­setz­buch. Da­nach kann je­mand in sei­ner Woh­nung blei­ben, wenn „die Be­en­di­gung für den Mie­ter ei­ne Här­te be­deu­ten wür­de, die auch un­ter Wür­di­gung der be­rech­tig­ten In­ter­es­sen des Ver­mie­ters nicht zu recht­fer­ti­gen ist“. Die Kri­te­ri­en, die da­für gel­ten, sind ei­ne lan­ge Miet­dau­er, die Ver­wur­ze­lung in der Um­ge­bung, Krank­heit, und kein auf­find­ba­rer Wohn­er­satz, der an­ge­mes­sen ist.

Auf die Hu­bers trifft al­les zu. Al­les hat Lui­se Hu­ber für den Wi­der­spruch nach­ge­wie­sen. Trotz­dem ha­ben sie kei­ne Ga­ran­tie zu blei­ben. Mit viel Glück gibt ihr Ver­mie­ter Ru­he. Wenn nicht, schickt er ihnen bald ei­ne Räu­mungs­kla­ge zu. In dem Fall zie­hen die Hu­bers vor Ge­richt.

Lui­se Hu­ber ist in Ber­lin ge­bo­ren, in­zwi­schen hat sie das Ge­fühl, dass Al­te und Ar­me hier kei­nen Platz mehr ha­ben. Sie weiß na­tür­lich, dass sie und ihr Mann viel güns­ti­ger woh­nen als an­de­re Men­schen in Ber­lin. Dass sie mehr Zim­mer ha­ben, als sie brau­chen, wäh­rend Wohn­raum knapp ist. „Vor zehn Jah­ren hät­ten wir das mit ei­nem Um­zug auch noch ge­schafft“, sagt sie. „Aber jetzt wä­re es die Höchst­stra­fe für uns.“

Zu Hau­se sitzt Hans Hu­ber auf dem So­fa und er­kennt am Knar­ren des Par­ketts, dass sei­ne Frau zu­rück ist.

„Wie war’s?“

„Die Woh­nung war nicht so schlecht, aber klei­ner als un­se­re, und ich muss viel ein­rei­chen.“

„Aha.“

Hans Hu­ber, 78, trägt zu sei­nen grau­en zot­te­li­gen Haa­ren ei­nen hell­grau­en Ba­de­man­tel und nippt an ei­nem Glas Rot­wein. „Ich weiß nicht, ob er das ver­stan­den hat“, flüs­tert sei­ne Frau. „Er ver­gisst viel. Ges­tern frag­te er wie­der: Wer will hier rein? Was soll das denn?“

Meist spricht er nicht dar­über, glaubt, sei­ne Frau wer­de schon al­les re­geln. An an­de­ren Ta­gen will er ei­nen Platz im Heim, falls sie nicht blei­ben dür­fen. Oder den Tod. „Eher er­schieß ich mich, als dass ich aus­zie­he!“, sagt er dann.

Wie es ihm heu­te geht? „Ich konn­te nicht gut schla­fen. Hab über­legt, wie ein Um­zug mit all mei­nen Bü­chern ge­hen soll.“Die dunk­len Holz­re­ga­le in sei­nem Zim­mer rei­chen drei Me­ter hoch bis zur De­cke. Hin­ter den vie­len, vie­len Buch­rü­cken ste­hen noch ein­mal so vie­le. Vor den Re­ga­len tür­men sich Sta­pel von Zeit­schrif­ten. Es riecht muf­fig und süß, nach Pfei­fen­ta­bak, al­tem Pa­pier und Staub.

All die Bücher ein­pa­cken und mit­neh­men? In der Woh­nung, die sich sei­ne Frau ge­ra­de an­ge­se­hen hat, wür­de nur ein klit­ze­klei­ner Teil hin­ein pas­sen. Weg­schmei­ßen? Kommt für Hans Hu­ber, der als Ta­xi­fah­rer ar­bei­te­te und ei­gent­lich doch Schrift­stel­ler wer­den woll­te, nicht in Fra­ge. Zu­rück­las­sen kann Hans Hu­ber auch nichts. Er muss­te in sei­nem Le­ben zwei­mal flie­hen. Mit fünf Jah­ren aus der ehe­ma­li­gen Tsche­cho­slo­wa­kei, mit 13 von Wei­mar nach West­ber­lin. Seit­dem hängt er an dem, was er hat.

„Vi­el­leicht stürzt ein Re­gal vor­her auf mich nie­der“, sagt er und lä­chelt, als wä­re das et­was Gu­tes.

Ihr Sohn kommt hin und wie­der vor­bei, aber um das Woh­nungs­dra­ma küm- mert sich Lui­se Hu­ber bis­lang al­lein. Als sie 1974 in die Vier­zim­mer­woh­nung zo­gen, war ihr Sohn ein hal­bes Jahr alt. Die ers­ten Wor­te, die ers­ten Schrit­te, Schürf­wun­den, Lie­bes­kum­mer, et­li­che Ge­burts­ta­ge – al­les pas­sier­te in die­sen Räu­men. Sein gan­zes Her­an­wach­sen. Die Ki­ta, in die er ging, war bloß 200 Me­ter ent­fernt. Spä­ter ging er in die Fried­rich-Ber­gius-Schu­le, di­rekt da­ne­ben.

„Hat­te er mal wie­der sei­nen Schlüs­sel ver­ges­sen, mach­te ihm ei­ne Nach­ba­rin mit ei­nem Dietrich auf“, er­zählt Lui­se Hu­ber. Als das Rent­ner­paar sei­ne Ba­de­wan­ne vor zwei Jah­ren nicht nut­zen konn­te, durf­te es bei der Fa­mi­lie über sich du­schen, die im Ur­laub war. Lui­se Hu­ber hat auf an­de­re Kin­der im Haus auf­ge­passt, von de­nen Fo­tos am Kü­chen­schrank kle­ben. Sie gießt bei Nach­barn Blu­men, nimmt Pa­ke­te an. Kä­men die Hu­bers zwei Ta­ge nicht aus der Woh­nung, wür­de je­mand klop­fen. So nah sind sich Nach­barn, die ein­an­der lan­ge ken­nen.

In jun­gen Jah­ren mag der Mensch Ve­rän­de­run­gen. Lui­se Hu­ber hat nach der Schu­le in Pa­ris und Lon­don ge­lebt, woll­te die Welt se­hen. Als sie sich als Ste­war­dess lang­weil­te, stu­dier­te sie Lehr­amt. Mitt­ler­wei­le schätzt sie das Ge­wohn­te. Es ir­ri­tiert sie, wenn ein Tra­di­ti­ons­ge­schäft schließt und ei­ne Bil­lig­ket­te er­öff­net. Wenn wie­der ein gro­ßer Wohn­klotz er­rich­tet wird und da­für ei­nes je­ner klei­nen Frie­de­nau­er Häu­ser ab­ge­ris­sen wird, in de­nen auch Gün­ter Grass wohn­te. Oder wenn sie beim Bä­cker hört, dass bald nicht nur ih­re Bank­fi­lia­le schlie­ßen soll, son­dern auch die Post drei Stra­ßen wei­ter. Da war Lui­se Hu­ber ganz ent­setzt und hat­te noch am nächs­ten Tag Bauch­weh. Wie oft seit dem Brief.

Ihr Mann, der sei noch schlim­mer. Gar nichts darf neu sein. „Das muss doch nicht sein“, schimpf­te er, als sie ein ein­zi­ges Mal die Kü­che an­ders ein­rich­ten woll­te. „Das mo­der­ne Zeug ist bloß Plun­der!“

Seit die Hu­bers in ih­rer Woh­nung le­ben, lie­ßen sich drei Ehe­paa­re in dem Haus schei­den. Kin­der wur­den er­wach­sen und zo­gen aus. Doch hin­ter ih­rer Tür blieb al­les, wie es war. Sucht sie ih­re Lu­pe, weiß Lui­se Hu­ber, die liegt un­ten links im Wohn­zim­mer­re­gal. Muss ihr Mann nachts ins Bad, fin­det er den Weg im Dun­keln. Al­les ist an sei­nem Platz. Ei­nen an­de­ren wol­len die Hu­bers nicht mehr.

Wie soll­ten sie sich den auch leis­ten? „Rent­ner­paar 76/78 J. sucht zum 1.4.2019 3-Zi.-Whg., ca. 90 m2, HP oder Auf­zug, bis 800 Eu­ro Mie­te“. So lau­te­te ih­re ers­te An­zei­ge. Ge­mel­det hat sich nie­mand. In der­sel­ben Spal­te bo­ten ein „jun­ges zu­ver­läs­si­ges Paar“ und „zwei lei­ten­de An­ge­stell­te“für ei­ne ähn­lich gro­ße Woh­nung fast das Dop­pel­te. 1500 Eu­ro sind aber al­les, was die Hu­bers im Mo­nat an Geld zur Ver­fü­gung ha­ben. Al­lein we­gen der ge­stie­ge­nen Miet­prei­se fragt sich Lui­se Hu­ber, wie sie et­was fin­den soll, wenn sie tat­säch­lich aus ih­rem ver­trau­ten Zu­hau­se muss.

Der Ber­li­ner Mie­ter­ver­ein gibt der Bun­des­re­gie­rung ei­ne Mit­schuld dar­an, was die Hu­bers durch­ma­chen. Wäh­rend sämt­li­che Po­li­ti­ker sich über die Woh­nungs­kri­se em­pö­ren, ha­be die Gro­ße Ko­ali­ti­on im Ent­wurf für ein neu­es Miet­recht er­neut auf ei­ne Ver­bes­se­rung des Kün­di­gungs­schut­zes ver­zich­tet. Ihr sei­en „die Sor­gen der äl­te­ren Mie­ter egal“, kri­ti­siert BMV-Ge­schäfts­füh­rer Rei­ner Wild. Er for­dert, dass die Ei­gen­be­darfs­re­gel auf Ver­wand­te ers­ten Gra­des be­schränkt wer­den muss. Au­ßer­dem soll­ten Mie­ter be­son­ders ge­schützt wer­den, wenn sie län­ger als zehn Jah­re in ih­rer Woh­nung le­ben und äl­ter als 70 sind.

Lui­se Hu­ber hat von Geschichten ge­hört, die ih­rer ei­ge­nen äh­neln – und die am En­de gut aus­ge­gan­gen sind. We­gen Ei­gen­be­darfs soll­te ein al­tes Paar nach 20 Jah­ren aus sei­ner Woh­nung. Der 87-jäh­ri­ge Ehe­mann litt – wie Hans Hu­ber – un­ter an­de­rem an ei­ner be­gin­nen­den De­menz. Nach Aus­sa­ge sei­ner Frau sei ein Um­zug nicht zu­mut­bar ge­we­sen, weil er in ein Pfle­ge­heim und sie ge­trennt von ihm le­ben müss­te. Der Ver­mie­ter reich­te den­noch ei­ne Räu­mungs­kla­ge ein. Das Amts­ge­richt Bühl und das Land­ge­richt Ba­den-Ba­den ga­ben dem statt. Erst der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) hob die Ur­tei­le 2017 auf.

In der Be­grün­dung heißt es: „Macht ein Mie­ter – wie hier – der­art schwer­wie­gen­de ge­sund­heit­li­che Aus­wir­kun­gen ei­nes er­zwun­ge­nen Woh­nungs­wech­sels gel­tend, müs­sen sich die Ge­rich­te bei Feh­len ei­ge­ner Sach­kun­de mit­tels sach­ver­stän­di­ger Hil­fe ein ge­nau­es und nicht nur an der Ober­flä­che haf­ten­des Bild da­von ver­schaf­fen.“

Lui­se Hu­ber weiß aber auch, dass es bö­se en­den kann, so wie bei Jür­gen Ros­tock. Er leb­te seit 1990 in ei­nem Wohn­haus in Mit­te und litt mit 81 Jah­ren an ei­ner Herz­schwä­che. Trotz­dem ver­lor er En­de 2017 den Pro­zess ge­gen sei­ne Ver­mie­te­rin – und starb kurz dar­auf.

Soll sie die Re­ga­le al­so lang­sam durch­se­hen? Da­mit an­fan­gen, ih­re Klei­dung aus­zu­sor­tie­ren? Sie bräuch­ten ganz neue Mö­bel, weil ih­re me­ter­ho­hen Schrän­ke, die Ma­ha­go­ni-Kom­mo­de im Flur, das ro­te in der Mit­te durch­ge­ses­se­ne So­fa viel zu klo­big sind.

„Man ver­liert im Al­ter doch schon ge­nug“, sagt Lui­se Hu­ber und be­ginnt zu wei­nen. In ih­rem Kiez hat sie mehr als die Hälf­te ih­res Le­bens ver­bracht. Hier fühlt sie sich si­cher, selbst­stän­dig. Hier hat sie nicht all­zu weit ent­fernt ih­re bes­te Freun­din, die sie seit 50 Jah­ren kennt. Was, wenn das bald nicht mehr so ist? Die Rent­ne­rin wä­re mit ih­rem Mann, der we­gen sei­nes Rü­cken­lei­dens kaum mehr vor die Tür geht, auf ein­mal al­lein.

Das Gr­ab ih­rer Mut­ter könn­te sie nur noch sel­ten be­su­chen. Die hat­te zwar nicht in Frie­denau ge­wohnt, liegt aber seit vier Jah­ren auf dem Fried­hof Stu­ben­rauch­stra­ße be­gra­ben. Lui­se Hu­ber dach­te, sie kön­ne noch lan­ge zu dem Gr­ab ge­hen, mit dem Rad, spä­ter vi­el­leicht mit dem Rol­la­tor. Und ir­gend­wann woll­te sie mit ih­rem Mann dort ru­hen. So si­cher war sie sich, für im­mer zu blei­ben.

Vier Zim­mer, Alt­bau, Frie­denau. Al­les hat sei­nen Platz, seit Jah­ren

Ihr Mann er­kennt am Knar­ren des Par­ketts, dass sie zu Hau­se ist

Fo­to: Jan Werner/pho­to­ca­se.de

Ei­ne ver­trau­te Um­ge­bung ist für vie­le Se­nio­ren ge­nau­so wich­tig wie ei­ne be­zahl­ba­re Mie­te. In Ber­lin gerät bei­des für äl­te­re Men­schen im­mer mehr in Gefahr.

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