Zu we­nig Aus­strah­lung

Vor­wür­fe an Bun­des­amt: Kein Kon­zept für die Be­tei­li­gung der Öf­fent­lich­keit an der Su­che

Der Tagesspiegel - - POLITIK - Von Mat­thi­as Jauch

Ber­lin - Die Fra­ge, wo in Deutschland die strah­len­den Alt­las­ten zu­künf­tig ein­ge­la­gert wer­den, ist hei­kel. Mit­te 2020 sol­len in­fra­ge kom­men­de Re­gio­nen be­nannt wer­den, bis 2031 soll ein Stand­ort für hoch­ra­dio­ak­ti­ven Atommüll ge­fun­den sein. Das zu­stän­di­ge Bun­des­amt für kern­tech­ni­sche Endsor­gungs­si­cher­heit (BfE) ist in die Kri­tik ge­ra­ten. Es soll in­for­mie­ren, Trans­pa­renz schaf­fen und die Be­tei­li­gung der Öf­fent­lich­keit ge­währ­leis­ten. Doch das tut das Amt nur un­zu­rei­chend, sa­gen die Kri­ti­ker.

Wolf­ram Kö­nig, seit 2016 BfE-Prä­si­dent, gibt zu: „Rei­bun­gen wird man nicht ver­mei­den kön­nen. Es kann auch nicht das Ziel von Be­tei­li­gung sein, die­se aus­zu­schlie­ßen.“Im Ge­spräch im Ber­li­ner Sitz des Am­tes sagt er: „Sie sind viel­mehr not­wen­dig, um das ge­sell­schaft­li­che und po­li­ti­sche In­ter­es­se zu er­zeu­gen, um best­mög­li­che Lö­sun­gen zu fin­den.“

2016 zähl­te die BfE zwölf Mit­ar­bei­ter. Rund 200 Men­schen ar­bei­ten nun im Bun­des­amt, 23 von ihnen in der Öf­fent­lich­keits­ar­beit. Der­zeit in­for­miert die BfE die Kom­mu­nen über das Ver­fah­ren, so in Ham­burg und Frank­furt in der ver­gan­ge­nen Wo­che. Doch Thor­ben Becker vom Bund für Um­welt und Na­tur­schutz (BUND) ist un­zu­frie­den: „Wir se­hen sehr skep­tisch, wie sich das BfE zur Öf­fent­lich­keits­be­tei­li­gung auf­stellt. Es ist bis­lang kaum mehr als ein In­for­ma­ti­ons­cha­rak­ter zu er­ken­nen“, sagt der Atom­ex­per­te. „Viel hängt vom An­fang des Ver­fah­rens ab. Da­mit sind wir sehr un­zu­frie­den. Jetzt müss­te Ver­trau­en auf­ge­baut wer­den“, sagt Becker. „Es wä­re fa­tal, zu glau­ben, dass die Pro­zes­se der End­la­ge­rung oh­ne Streit ab­lau­fen.“

Auch Bruno Thom­aus­ke, Pro­fes­sor für Nu­klea­re Ent­sor­gung an der RWTH Aachen, kri­ti­siert: „Ei­ne Ein­bin­dung der brei­ten Öf­fent­lich­keit in das Stand­ort­aus­wahl­ver­fah­ren ist bis­lang nicht ge­lun­gen. Ein Kon­zept scheint es nicht zu ge­ben.“Der ehe­ma­li­ge Strah­len­schüt­zer des Bun­des saß als Ver­tre­ter der Wis­sen­schaft bis 2016 in der Kom­mis­si­on für End­la­ge­rung. Heu­te sagt er: „Es ist nicht zu er­war­ten, dass in­fra­ge kom­men­de Re­gio­nen ei­nem Endlager po­si­tiv ge­gen­über­ste­hen wer­den. Streit und Kon­flikt sind zu er­war­ten, so­bald po­ten­zi­ell ge­eig­ne­te Re­gio­nen be­nannt wer­den.“Und wei­ter: „Ge­gen ei­ne Re­gi­on wird ein Endlager letzt­lich nicht durch­setz­bar sein.“

BUND-Mit­ar­bei­ter Becker be­rich­tet von Kreis­tags­be­schlüs­sen in Bayern, Ba­den-Würt­tem­berg und Thü­rin­gen, die sich kri­tisch mit ei­nem Atom­end­la­ger aus­ein­an­der­set­zen. Ei­ne ent­spre­chen­de Prä­senz des BfE sei aber nicht er­kenn­bar. „War­um geht man dort nicht hin, wenn man mit kom­mu­na­len Ver­tre­tern ins Ge­spräch kom­men möch­te? Es bringt nichts, den Aus­ein­an­der­set­zun­gen aus dem Weg zu ge­hen“, sagt Becker. Was über Be­tei­li­gung im Stand­ort­aus­wahl­ge­setz ste­he, vor al­lem vor der Be­nen­nung mög­li­cher Ge­bie­te, sei zu we­nig. „Nie­mand hin­dert das BfE, frü­he­re Be­tei­li­gungs­for­men zu eta­blie­ren.“

Das BfE sieht sich als Bun­des­amt im Auf­bau, be­rich­tet von ge­plan­ten Ver­an­stal­tun­gen im Ver­lauf des Jah­res, um Städ­te, Land­krei­se und Kom­mu­nen früh­zei­tig über die End­la­ger­su­che zu in­for­mie­ren. „Un­se­re Ver­ant­wor­tung liegt dar­in, un­ab­hän­gig von In­ter­es­sen­la­gen breit und um­fas­send über das Ver­fah­ren zu in­for­mie­ren“, sagt Kö­nig. Zu­künf­tig ge­he es auch dar­um, in Kir­chen und Schu­len zu ge­hen, jun­ge Men­schen an­zu­spre­chen, die heu­te noch gar nicht in Ver­ant­wor­tung ste­hen. Je nach Ziel­grup­pe bie­te man nun Dia­log- und In­for­ma­ti­ons­for­ma­te an. „Wel­che Be­dürf­nis­se aber ei­ne Be­völ­ke­rung in zehn bis 15 Jah­ren ar­ti­ku­liert, kön­nen wir heu­te nicht mit Si­cher­heit sa­gen. Des­halb brau­chen wir ein ler­nen­des Ver­fah­ren und müs­sen da­bei auch un­ser Vor­ge­hen lau­fend hin­ter­fra­gen.“

Auch die Vor­be­rei­tun­gen zur Aus­rich­tung der Kon­fe­renz, auf der Mit­te 2020 die in­fra­ge kom­men­den Re­gio­nen für ein Endlager vor­ge­stellt wer­den, sei­en be­reits an­ge­lau­fen. Wie viel

Öf­fent­lich­keit letzt­lich in­vol­viert sein wird, wel­che Ak­teu­re und die Ge­wich­tung zwi­schen

Po­li­tik, Wis­sen­schaft und ge­sell­schaft­li­chen Grup­pen, ist laut BfE völ­lig of­fen. Dies sei auch ab­hän­gig von den po­ten­zi­el­len Re­gio­nen, die die Bun­des­ge­sell­schaft für End­la­ge­rung er­mitt­le. Nun ge­he es dar­um, Ver­trau­en auf­zu­bau­en, so Kö­nig.

Kö­nig spielt auf den Pas­sus im baye­ri­schen Ko­ali­ti­ons­ver­trag an, der ein Endlager im Frei­staat aus­schlie­ßen soll. „Es wi­der­spricht dem Ver­fah­ren, auf das sich auch Bayern mit al­len an­de­ren Bun­des­län­dern ver­stän­digt hat. Das sind Si­gna­le, die das Ver­trau­en in ein fai­res Ver­fah­ren ent­zie­hen kön­nen“, sagt Kö­nig. „Nur Sach­grün­de und nicht po­li­ti­sche Gren­zen kön­nen ge­gen die nä­he­re Un­ter­su­chung ein­zel­ner Re­gio­nen spre­chen.“Kri­tik übt Kö­nig auch an der Pu­bli­ka­ti­on der Anti-Atom-Or­ga­ni­sa­ti­on „.aus­ge­strahlt“, die auf Grund­la­ge geo­lo­gi­scher Kar­ten mög­li­che Stand­or­te be­nennt. „Es ist kei­ne be­son­de­re Leis­tung, aus dem In­ter­net al­te geo­lo­gi­sche Kar­ten her­aus­zu­zie­hen und die­se für sei­ne par­ti­el­len In­ter­es­sen zu in­ter­pre­tie­ren“, sagt Kö­nig. „Mit ei­nem ver­ant­wor­tungs­vol­len, sys­te­ma­ti­schen und wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Vor­ge­hen, wie es das Stand­ort­aus­wahl­ge­setz ver­langt, hat das je­den­falls nichts zu tun.“

Wenn es um Ver­trau­en geht, dann spie­len auch zeit­li­che Ab­läu­fe ei­ne Rol­le. Sie sind im Ge­setz fest­ge­legt. „In der End­la­ger­kom­mis­si­on hieß es, Trans­pa­renz und Of­fen­heit sind die Grund­prin­zi­pi­en des Stand­ort­aus­wahl­ver­fah­rens. Doch ent­schei­den­de Ak­teu­re halten sich nicht dar­an“, sagt Thom­aus­ke. Die End­la­ger­su­che wer­de noch Jahr­zehn­te dau­ern, der Öf­fent­lich­keit wer­de dies aber nicht kom­mu­ni­ziert. „Man star­tet so­mit mit ei­ner An­fangs­lü­ge in ei­nen Pro­zess, der Glaub­wür­dig­keit vor­aus­setzt.“Man tue gut dar­an, hin­sicht­lich der Her­aus­for­de­run­gen und des Zeit­plans de­mü­tig zu blei­ben, so Kö­nig. „Die Ent­schei­dungs­ab­läu­fe müs­sen eng ge­tak­tet sein, da­mit das Endlager in ver­tret­ba­rer Zeit an­ge­bo­ten wer­den kann.“

Die meis­ten Fra­gen sind noch völ­lig of­fen

Fo­to: Jan Woi­tas/pa/dpa

Ge­fähr­li­cher Müll. Mit Bro­schü­ren will das Bun­des­amt über die Su­che auf­klä­ren. Das ist zu we­nig, sa­gen sei­ne Kri­ti­ker.

Kö­nig

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