Wenn der Arzt geht

Spahn ha­dert mit Ab­wan­de­rung in die Schweiz

Der Tagesspiegel - - POLITIK - Rainer Wo­ratsch­ka

Ber­lin - Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn will die Ab­wan­de­rung deut­scher Ärz­te und Pfle­ger in die Schweiz und an­de­re Län­der durch neue EU-Re­geln ver­rin­gern. Klar sei, „dass die­se Fach­leu­te in Deutschland feh­len“, sag­te der CDU-Po­li­ti­ker der Schwei­zer Zei­tung „Sonn­tags­Blick“. In Deutschland ar­bei­te­ten „dann pol­ni­sche Ärz­te, die wie­der­um in Po­len feh­len“. Das kön­ne so nicht rich­tig sein. „Des­halb soll­ten wir dar­über nach­den­ken, ob wir die Ab­wer­bung von Fach­leu­ten aus be­stimm­ten Be­rufs­grup­pen in­ner­halb der EU nicht neu re­geln müs­sen.“

Al­ler­dings wol­le er die Frei­zü­gig­keit in Eu­ro­pa nicht grund­sätz­lich in­fra­ge stel­len, ver­si­cher­te Spahn. Ent­spre­chen­de Ab­kom­men ge­be es be­reits in der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on. Das kön­ne Vorbild sein. Auf je­den Fall hät­te er die in die Schweiz ab­ge­wan­der­ten Ärz­te und Pfle­ger „ger­ne zu­rück“. Auch wenn er sie ver­ste­he: Die Schweiz sei „ein schö­nes Land“.

Was Spahn nicht sagt: dass Ärz­te und Pfle­ge­kräf­te in der Schweiz weit mehr ver­die­nen. Auch des­halb ist die Al­pen­re­pu­blik für sie seit Lan­gem das mit Ab­stand be­lieb­tes­te Aus­wan­der­er­land. Da­zu kom­men das Feh­len von Sprach­bar­rie­ren und bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen. Im Jahr 2017 nah­men der Bun­des­ärz­te­kam­mer zu­fol­ge 641 Ärz­te, die vor­her in Deutschland prak­ti­ziert hat­ten, in der Schweiz ei­nen Job an. Nach Ös­ter­reich wan­der­ten 268 Me­di­zi­ner ab, in die USA 84. Auf Platz 4 lag Grie­chen­land mit 69 Ab­wan­de­rern – wo­bei es sich vor al­lem um­Rück­keh­rer han­delt. Nach Groß­bri­tan­ni­en ver­ab­schie­de­ten sich 54 Me­di­zi­ner. Ins­ge­samt wan­der­ten in dem ge­nann­ten Zei­t­raum 1965 Ärz­te ins Aus­land ab. Al­ler­dings be­trug der deut­sche An­teil un­ter den Ab­wan­de­rern nur knapp 60 Pro­zent.

Ein be­son­de­res Pro­blem ist die Ab­wan­de­rung in die Schweiz für Ba­den-Würt­tem­berg. Grenz­nah ge­le­ge­ne Kli­ni­ken ha­ben dort seit Jah­ren enor­me Pro­ble­me, Per­so­nal zu fin­den. Der Schwei­zer Ärz­te­ver­band FMH mel­de­te An­fang 2017, dass 17,7 Pro­zent der in dem Land ar­bei­ten­den Ärz­te ei­nen deut­schen Pass hät­ten. Ins­ge­samt wä­ren das mehr als 6000 Personen. Oh­ne deut­sche Ärz­te, so be­rich­te­ten Schwei­zer Me­di­en, wä­re die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung in der Al­pen­re­pu­blik mitt­ler­wei­le ge­fähr­det.

Tat­säch­lich pro­fi­tiert Deutschland men­gen­mä­ßig aber deut­lich stär­ker von zu­ge­wan­der­ten Me­di­zi­nern, als es un­ter ab­ge­wan­der­ten leidet. Die Zahl der neu ge­mel­de­ten aus­län­di­schen Ärz­te lag 2017 mit 4088 et­wa dop­pelt so hoch wie die der ver­lo­ren ge­gan­ge­nen. Das Pro­blem ist nur, dass die­se Mi­gra­ti­on den Ärz­te­man­gel auf dem Land nicht zu be­he­ben ver­mag, denn aus­län­di­sche Me­di­zi­ner prak­ti­zie­ren vor­zugs­wei­se in Kli­ni­ken. Die meis­ten kom­men­aus Ru­mä­ni­en (4505), ge­folgt von Sy­ri­en (3632), Grie­chen­land (3147) und Ös­ter­reich (2642). Die­ser „Brain Drain“ver­ur­sacht ge­ra­de ar­men Län­dern gro­ße Pro­ble­me. Al­lein 2017 ver­lie­ßen wie­der 220 ru­mä­ni­sche Me­di­zi­ner ihr Hei­mat­land. Dort wer­den Ärz­te und Pfle­ge­kräf­te im­mer ra­rer. Vor al­lem in länd­li­chen Re­gio­nen steht das Ge­sund­heits­sys­tem vor dem Kol­laps.

Spahn

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