„Sau­di-Ara­bi­ens Kron­prinz bleibt der star­ke Mann“

Ex­per­te Sons über die Fol­gen des Khas­hog­gi-Mords und bin Sal­mans Image­pro­ble­me

Der Tagesspiegel - - POLITIK -

Herr Sons, Kon­fron­ta­ti­on oder Kom­pro­mis­se: Was ist vom sau­di­schen Kron­prin­zen in den nächs­ten Mo­na­ten zu er­war­ten? Ei­ne Mi­schung von bei­dem. Ich kann mir gut vor­stel­len, dass der Mord am Re­gime­kri­ti­ker Ja­mal Khas­hog­gi der Kö­nigs­fa­mi­lie klar­ge­macht hat: Wir müs­sen Mo­ham­med bin Sal­man ein­he­gen, ihm er­fah­re­ne Kräf­te an die Sei­te stel­len. Die Stel­lung des Thron­fol­gers be­ruht ja auf sei­ner Re­pu­ta­ti­on. Das gilt nicht nur für Sau­di-Ara­bi­en selbst, son­dern auch fürs Aus­land. Der Golf­staat braucht drin­gend aus­län­di­sche In­ves­ti­tio­nen. Die sind ex­trem ein­ge­bro­chen. Doch das Geld ist für die Wirt­schafts­re­for­men un­er­läss­lich. Al­so muss ver­lo­ren ge­gan­ge­nes Ver­trau­en zu­rück­ge­won­nen wer­den. Bin Sal­man wird des­halb wo­mög­lich kon­zes­si­ons­be­rei­ter sein, aber si­cher­lich nicht lamm­fromm.

Wie kann der Kron­prinz sein Image auf­po­lie­ren?

Ich se­he vier Punk­te. Ers­tens könn­te er et­was in Sa­chen Men­schen­rech­te tun. Zum Bei­spiel po­li­ti­sche Ge­fan­ge­ne frei­las­sen. Zwei­tens wä­re es für bin Sal­man mög­lich, im Je­men-Kon­flikt zu punk­ten. Da­zu müss­te sich der 33-Jäh­ri­ge ge­sprächs­be­reit zei­gen und von sei­nem un­ver­söhn­li­chen Kampf ge­gen den Iran et­was Ab­stand neh­men. Der drit­te Punkt ist die Ka­tar-Kri­se. Auch da könn­te sich ei­ne vor­sich­ti­ge An­nä­he­rung für Sau­di­Ara­bi­en von Vor­teil er­wei­sen. Ge­ra­de in den USA, dem wich­tigs­ten Ver­bün­de­ten, wür­de das ver­mut­lich auf Wohl­wol­len sto­ßen.

Und der vier­te Punkt?

Sein Mo­der­ni­sie­rungs­kurs. Der Prinz muss lie­fern. Die Eu­pho­rie lässt nach, Ver­trau­en geht ver­lo­ren. Das hängt auch mit dem Mord an Khas­hog­gi zu­sam­men.

In­wie­fern?

Vie­le Sau­dis sind em­pört, ja, re­gel­recht scho­ckiert. Dass ei­ner ih­rer Lands­leu­te im ge­schütz­ten Raum ei­nes Kon­su­lats ums Le­ben ge­kom­men ist, halten sie für un­is­la­misch und ei­ne Schan­de für ih­re Hei­mat – ob­wohl vie­le nicht glau­ben, dass der Kron­prinz da­hin­ter­steckt. Trotz­dem stellt das fürs Kö­nigs­haus ein gro­ßes Pro­blem dar, da die Loya­li­tät der Be­völ­ke­rung ge­gen­über den Herr­schern die Ba­sis für den Macht­er­halt bil­det. Wenn die­se Ein­heit Scha­den nimmt, dann wird es auch für bin Sal­man per­sön­lich ge­fähr­lich.

Wie sehr ist das Ver­trau­en in die Mon­ar­chie er­schüt­tert?

Es brö­ckelt, vor al­lem in Tei­len der Mit­tel­schicht. Ge­ra­de sie hat im Kron­prin­zen ei­ne Kraft ge­se­hen, die das Land ver­än­dern und öff­nen kann. Sie ha­ben nach dem Khas­hog­gi-Mord den Ein­druck: Wir ste­hen jetzt mit dem Iran und Nord­ko­rea auf ei­ner Schur­ken­stu­fe. Die­sen Un­mut kön­nen vie­le im Kö­nigs­haus nach­voll­zie­hen. Und ihnen ist klar, dass ge­gen­ge­steu­ert wer­den muss.

Se­bas­ti­an Sons ist Sau­di-Ara­bi­en-Ex­per­te der Deut­schen Ge­sell­schaft für Aus­wär­ti­ge Po­li­tik und ar­bei­tet beim For­schungs­in­sti­tut Car­po, das den Dia­log mit der ara­bi­schen Welt för­dert.

Ist das der Grund für die jüngs­te Ka­bi­netts­um­bil­dung?

Ja, und die Bot­schaft lau­tet: Wir set­zen auf Sta­bi­li­tät, Ein­heit und Kon­ti­nui­tät. Das zeigt schon die Be­ru­fung des frü­he­ren Fi­nanz­mi­nis­ters Ibra­him al As­saf zum neu­en Au­ßen­mi­nis­ter. Der Mann gilt auch im Wes­ten als in Wirt­schafts­be­lan­gen er­fah­ren. Er soll si­cher­lich Ver­trau­en bei aus­län­di­schen In­ves­to­ren wie­der­her­stel­len. Die Be­ru­fung hat zu­dem noch ei­ne an­de­re span­nen­de Kom­po­nen­te.

Wel­che?

Al As­saf ge­hör­te im No­vem­ber 2017 zu je­nen Mit­glie­dern der Eli­te, die we­gen Kor­rup­ti­on fest­ge­setzt wur­den. Jetzt hat man ihn re­ha­bi­li­tiert, er kehrt in den Schoß der Fa­mi­lie zu­rück. Dies soll wohl als Si­gnal an all je­ne ver­stan­den wer­den, die sich durch bin Sal­mans ag­gres­si­ven Re­gie­rungs­stil aus­ge­grenzt füh­len. Doch fest steht auch: Trotz der Ka­bi­netts­um­bil­dung bleibt der Thron­fol­ger der star­ke Mann. Er hat kei­nes sei­ner Äm­ter ver­lo­ren. Auch sei­ne Günst­lin­ge ha­ben kaum Ein­fluss ein­ge­büßt.

Kron­prinz bin Sal­man ge­nießt al­so nach wie vor das Ver­trau­en der Ent­schei­der im Herr­scher­hau­ses bis hin­auf zu Kö­nig Sal­man?

Da­von ge­he ich aus. Ich se­he kei­nen Riss, der durch das Kö­nigs­haus geht. Was vor al­lem dar­auf grün­det, dass er als al­ter­na­tiv­los gilt. Und die sau­di­sche Kö­nigs­fa­mi­lie weiß ge­nau: Wenn die in­ne­re Ein­heit in­fra­ge steht, dann steht die na­tio­na­le Ein­heit auf dem Spiel. Falls es in­ter­ne Zer­würf­nis­se gibt, dann sol­len sie mög­lichst nicht öf­fent­lich wer­den.

Das heißt, bin Sal­man wird wie vor­ge­se­hen der künf­ti­ge Kö­nig?

Da­nach sieht es aus. Nichts deu­tet mo­men­tan dar­auf hin, dass ir­gend­je­mand den Kron­prin­zen ernst­haft her­aus­for­dern könn­te. Bin Sal­man hat in­ner­halb des Kö­nig­reichs das Khas­hog­gi-De­sas­ter recht gut über­stan­den.

An­ge­nom­men, bin Sal­man be­steigt den Thron – wie sehr wird er Sau­di-Ara­bi­en und die Re­gi­on prä­gen?

Das ist schon jetzt der Fall. Zum ers­ten Mal in der jün­ge­ren Ge­schich­te sei­nes Lan­des macht er Po­li­tik für die jun­gen Men­schen. Das ha­ben sei­ne Vor­gän­ger ver­säumt. Die ha­ben am Status quo stur fest­ge­hal­ten. Bin Sal­man da­ge­gen er­weckt bei der Ju­gend den Ein­druck ei­nes mo­der­nen Re­for­mers. Sie füh­len sich von ihm ver­stan­den. Die­sen in­ne­ren Wan­del wird bin Sal­man vor­an­trei­ben.

Und re­gio­nal­po­li­tisch?

Da wird er wohl sei­nen anti-ira­ni­schen Kurs fort­set­zen und des­halb die Nä­he zu Do­nald Trumps Ame­ri­ka und Benjamin Ne­tan­ja­hus Is­ra­el su­chen. Da­zu ge­hört auch, Stär­ke zu zei­gen. Da ist er ein echter Po­pu­list. Aber wenn bin Sal­man sei­ne Macht erst ein­mal ge­si­chert hat, wä­re es wün­schens­wert, dass er auf ei­nen prag­ma­ti­schen, we­ni­ger har­schen Kurs um­schwenkt. Al­so zu den Grund­prin­zi­pi­en tra­di­tio­nel­ler sau­di­scher Au­ßen­po­li­tik zu­rück­kehrt.

— Das Ge­spräch führ­te Christian Böh­me.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.