Die Blu­men blie­ben im Os­ten

Heu­te vor 70 Jah­ren kon­sti­tu­ier­te sich das Stadt­par­la­ment im Wes­ten Ber­lins. Da­mals wur­de das Rat­haus Schö­ne­berg be­zo­gen, wo die Po­li­tik bis zum Mau­er­fall blieb

Der Tagesspiegel - - STADTLEBEN - Von Ul­rich Za­wat­ka-Ger­lach 30 Jah­re

Es fehl­te der Blu­men­schmuck. Für die ers­te Sit­zung der Ber­li­ner Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung, die im De­zem­ber 1948 nur in den West­sek­to­ren der Stadt neu ge­wählt wor­den war, soll­te der Fest­saal im Rat­haus Schö­ne­berg schön ge­macht wer­den. Dar­aus wur­de nichts, weil die Ra­bat­ten und Pflan­zen­kü­bel von ei­ner Fir­ma im Os­ten Ber­lins ge­lie­fert wer­den soll­ten. Doch am Bran­den­bur­ger Tor wur­de das fri­sche Grün von SED-ge­steu­er­ten Po­li­zei­kräf­ten be­schlag­nahmt. Die Kon­sti­tu­ie­rung des neu­en Stadt­par­la­ments vor ge­nau 70 Jah­ren, im Wes­ten der po­li­tisch ge­teil­ten Stadt, konn­ten die Kom­mu­nis­ten al­ler­dings nicht ver­hin­dern.

„Die Spal­ter Ber­lins und ih­re aus­län­di­schen Hin­ter­män­ner ha­ben zum 14. Ja­nu­ar ihr Spal­ter­par­la­ment ins Rat­haus Schö­ne­berg ein­be­ru­fen“, ätz­te da­mals das „Neue Deutschland“. Was in dem Be­richt nicht er­wähnt wur­de: Die im Herbst 1946 in der ers­ten de­mo­kra­ti­schen Wahl nach Kriegs­en­de für das ge­sam­te Ber­lin ge­wähl­te Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung ge­riet zwei Jah­re spä­ter in schwe­re Be­dräng­nis. Der Vor­ste­her des weit­ge­hend so­zi­al­de­mo­kra­tisch do­mi­nier­ten Stadt­par­la­ments, Ot­to Suhr, sah sich am 6. Sep­tem­ber 1948 ge­zwun­gen, we­gen der zu­neh­men­den Pö­be­lei­en und of­fe­nen Ge­walt am Neu­en Stadt­haus im Os­ten Ber­lins den Ta­gungs­ort in das Stu­den­ten­haus am Char­lot­ten­bur­ger St­ein­platz zu ver­le­gen.

In Ab­we­sen­heit der SED-Frak­ti­on wur­den dort Neu­wah­len für den West­teil der Stadt be­schlos­sen, doch nach der Wahl such­te man pas­sen­de­re Rä­um­lich­kei­ten – und fand sie im Rat­haus des Be­zirks Schö­ne­berg. Ein stol­zes Ge­bäu­de, das in den Bom­ben­näch­ten am En­de des Zwei­ten Welt­kriegs schwer ge­lit­ten hat­te. Doch bis zum 14. Ja­nu­ar 1949 wur­de der Bür- ger­saal in al­ler Ei­le not­dürf­tig her­ge­rich­tet und Be­zirks­bür­ger­meis­ter Erich Wend­land, ge­lern­ter Buch­dru­cker und SPD-Mann, hieß die Stadt­ver­ord­ne­ten in sei­nem Rat­haus herz­lich will­kom­men. Erst ein Jahr spä­ter wur­de die Thea­ter- büh­ne aus­ge­baut und ein echter Plenar­saal ent­stand, in dem das West-Ber­li­ner Par­la­ment mehr als vier Jahr­zehn­te tag­te. Als sich die Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung vor 70 Jah­ren kon­sti­tu­ier­te, hat­te wohl nie­mand ge­ahnt, welch dau­er­haf­tes Pro­vi­so­ri­um im ge­müt­li­chen Schö­ne­berg ent­ste­hen soll­te, das zum Par­la­ments­und Re­gie­rungs­sitz wur­de. Mit Frei­heits­glo­cke und John-F.-Ken­ne­dy-Platz.

Zur ers­ten Sit­zung wa­ren auch die Kom­man­dan­ten der drei West­sek­to­ren ge­la­den, man schrieb den 204. Tag der Blo­cka­de Ber­lins. Der Kom­men­ta­tor des Ta­ges­spie­gels fass­te die Si­tua­ti­on 1949 so zu­sam­men: „Was vor drei­ein­halb Jah­ren nur we­ni­ge ahn­ten und nie­mand aus­zu­spre­chen wag­te, dass näm­lich Ber­lin zu ei­nem ge­fähr­li­chen Brenn­punkt der Welt­po­li­tik wer­den müs­se, ist heu­te ei­ne ab­ge­dro­sche­ne Weis­heit.“Nie ha­be ei­ne Stadt­ver­wal­tung „der­ar­ti­gem ge­gen­über­ge­stan­den“. Ot­to Suhr, der als Vor­ste­her des Par­la­ments ein­stim­mig wie­der­ge­wählt wur­de, stimm­te die Kol­le­gen in sei­ner Er­öff­nungs­re­de auf die neue Auf­ga­be ein: Die neue Stadt­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung wer­de sich „als Ar­beits­par­la­ment und zu­gleich als Tri­bü­ne des ent­schie­de­nen frei­en Wil­lens der Ber­li­ner Be­völ­ke­rung“er­wei­sen müs­sen.

Erst 1993, nach dem Mau­er­fall, en­de­te das Pro­vi­so­ri­um im Rat­haus Schö­ne­berg und das ers­te Ge­samt­ber­li­ner Ab­ge­ord­ne­ten­haus zog in den ehe­ma­li­gen Preu­ßi­schen Land­tag in Mit­te um.

CDRe­vo­lu­ti­on und Mau­er­fall 1989–2019: Un­se­re Sei­te zum Mau­er­fall-Ju­bi­lä­ums­jahr fin­den Sie hier:

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Nie­mals ver­ges­sen: Die Bil­der des Mau­er­strei­fens mit­ten durch Ber­lin un­ter

www.ta­ges­spie­gel.de/mau­er­strei­fen

Fo­to: Im­a­go/Ar­nulf Hett­rich

Ber­li­ner Le­gen­de. Erst 1993 en­de­te das Pro­vi­so­ri­um im Rat­haus Schö­ne­berg und das ers­te Ge­samt­ber­li­ner Ab­ge­ord­ne­ten­haus zog nach Mit­te um.

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