Der Dol­met­scher des Fried­hofs

Sein Hob­by: Wind­sur­fen. Sein Ar­beits­platz: zwi­schen Grä­bern. Olaf Ih­le­feldt hat den Süd­west­kirch­hof in 30 Jah­ren zu ei­nem be­son­de­ren Ort ge­macht

Der Tagesspiegel - - BERLIN / BRANDENBURG - Von Eva Schmid, Stahns­dorf

Den Frei­brief hat er vom Bi­schof per­sön­lich be­kom­men. Der da­mals am­tie­ren­de Wolf­gang Hu­ber er­laub­te Olaf Ih­le­feldt auf dem Süd­west­kirch­hof Nos­fe­ra­tu, ei­ne Ad­ap­ti­on von Bram Sto­kers Ro­man Dra­cu­la, zu zei­gen – di­rekt ne­ben dem Gr­ab des Re­gis­seurs Fried­rich Wil­helm Murnau, bei Dun­kel­heit und Ker­zen­schein. Ein Skan­dal, nicht nur in der geist­li­chen Welt. Heu­te wun­dert sich kei­ner mehr über Ih­le­feldts zum Teil ver­rück­te Ideen.

Vor 30 Jah­ren be­ginnt die Kar­rie­re des heu­te 51-Jäh­ri­gen auf ei­ner der welt­weit be­deu­tends­ten Be­gräb­nis­stät­ten, dem Pro­mif­ried­hof von Stahns­dorf.

Der An­fang ist al­ler­dings un­spek­ta­ku­lär: „Hier stan­den die Be­wer­ber nicht Schlan­ge“, sagt Ih­le­feldt und lacht. Er stammt aus ei­ner Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie. Sei­ne El­tern ar­bei­te­ten seit den 60er Jah­ren in ih­rem ei­ge­nen Elek­tro­nik­fach­markt, die zwei Brü­der von Ih­le­feldt füh­ren das Ge­schäft heu­te wei­ter. Al­le in der Fa­mi­lie be­geis­tern sich für Tech­nik, Ih­le­feldt zieht es ins Grü­ne. Er mach­te an der päd­ago­gi­schen Hoch­schu­le Pots­dam im Bo­ta­ni­schen Gar­ten sei­ne Aus­bil­dung zum Gärt­ner. Büf­felt la­tei­ni­sche Fach­be­grif­fe, ar­bei­tet in Pots­dams Schlös­ser­gär­ten und ist noch heu­te be­geis­tert von Pe­ter Jo­seph Len­né. Auch Ih­le­feldt geht es um Sicht­ach­sen, ver­schlun­ge­ne We­ge und Gar­ten­kunst in ih­rer höchs­ten Form. „Es war nicht leicht, ei­ne Gärt­ner­fir­ma zu fin­den, die nach der Aus­bil­dung pass­te.“Es pass­te kei­ne. Für den Süd­west­kirch­hof und Ih­le­feldt ein Glücks­fall.

Ein al­ter Fried­hofs­gärt­ner, ein Nach­bar aus Gü­ter­fel­de, gibt dem jun­gen Gärt­ner­meis­ter den Tipp, auf Stahns­dorfs Fried­hof mal nach­zu­fra­gen. Ih­le­feldt geht hin, denkt sich nicht viel da­bei und kommt mit ei­nem Ar­beits­ver­trag zu­rück. Nur ein Jahr spä­ter wird er mit 22 Jah­ren Deutsch­lands jüngs­ter Fried­hofs­ver­wal­ter. Ein Job, der we­nig se­xy klingt.

„Der mir aber bis heu­te viel Spaß macht“, sagt Ih­le­feldt. En­den sei­ne acht St­un­den als Ver­wal­ter, dann geht die „schö­ne Ar­beit“los. Dann plant Ih­le­feldt al­ler­lei kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen. „Wir wa­ren die ers­ten in den 90er Jah­ren, die Musik in der Fried­hofs­ka­pel­le spiel­ten.“Klar, es wa­ren an­fangs nur de­zen­te Or­gel­kon­zer­te. Doch Ih­le­feldt tas­te­te sich vor – lo­te­te die Gren­zen aus. Es folg­ten Le­sun­gen, er eta­blier­te Füh­run­gen über den Süd­west­kirch­hof, er weck­te das In­ter­es­se bei Kin­dern am The­ma Fried­hof, sein letz­ter Coup: QR-Co­des an den Gr­ab­stät­ten.

„Wenn je­mand was zu er­zäh­len hat, dann die be­rühm­ten To­ten“, sagt Ih­le­feldt. Er ver­ste­he sich als de­ren Dol­met­scher. Be­gra­ben sind auf Deutsch­lands zweit­größ­tem Fried­hof un­ter an­de­rem Heinrich Zil­le, Wal­ter Gro­pi­us, Gus­tav Er ist hier der Chef.

Lan­gen­scheidt, Die­ter Tho­mas Heck, Man­fred Krug und vie­le wei­te­re Prominente.

Zum Neu­jahrs­spa­zier­gang über den Süd­west­kirch­hof ka­men 120 Be­su­cher. Al­les Men­schen, die sich am ers­ten Tag des Jah­res auf den Weg zum Fried­hof mach­ten. Das mag be­fremd­lich wir­ken, für Ih­le­feldt aber ist es ein Zei­chen, dass er mit sei­ner Stra­te­gie auf dem rich­ti­gen Weg ist. Dass die Ar­beit auf de­mF­ried­hof mehr um­fasst als die ei­nes To­ten­grä­bers, hat Ih­le­feldt schon früh er­kannt. In sei­nem ers­ten Jahr be­ob­ach­te­te und ra­cker­te er: grub Grä­ber um, trug Sär­ge, hark­te Laub und fäll­te Bäu­me. Viel­fäl­tig sei die Ar­beit – bis

Es lohnt sich, den Fried­hof, sei­ne Bau­ten und Grä­ber zu er­kun­den – aber Zeit soll­te man für den Aus­flug ein­pla­nen. heu­te. Die da­ma­li­gen Kol­le­gen – man­che durch­aus ge­wöh­nungs­be­dürf­tig, sagt Ih­le­feldt. Denn zu DDR-Zei­ten heu­er­ten bei der Kir­che vor al­lem Aus­rei­se­wil­li­ge an. Die sei­en dann be­son­ders ger­ne auf Fried­hö­fen ein­ge­setzt wor­den. Die Ei­n­ar­bei­tung ging schnell.

Für Ih­le­feldt ei­ne kom­plett neue Welt. Je mehr Zeit er auf dem Süd­west­kirch­hof ver­bringt, um­so mehr ver­liebt er sich in den Ort. Auch das mag be­fremd­lich klin­gen, aber es gibt we­ni­ge Men­schen, die so sehr für ih­re Ar­beit, ih­re Mis­si­on bren­nen wie der Gü­ter­fel­der.

Ih­le­feldts Frau kommt zum Glück aus der­sel­ben Bran­che, auf ei­nem Lehr­gang hat sich das Paar ken­nen­ge­lernt. Sie zog bei ihm ein, mit ih­rer ge­mein­sa­men, mitt­ler­wei­le 15-jäh­ri­gen Toch­ter woh­nen sie in der Fried­hof­s­in­spek­to­ren­woh­nung mit­ten auf dem Süd­west­kirch­hof.

Und da ist noch et­was, das ihn aus sei­ner Kind­heit bis heu­te be­glei­tet: sein Glau­be. Der er­leich­te­re ihm oft die Ar­beit, gibt ihm und vie­len Trau­ern­den Hoff­nung. Be­son­ders bei Fäl­len, die be­son­ders tra­gisch und trau­rig sind. Wenn El­tern Kin­der ver­lie­ren, wenn Partner plötz­lich ster­ben – das neh­me ihn auch noch nach 30 Jah­ren mit.

Ihnen, aber auch al­len an­de­ren Men­schen, die sich nicht di­rekt mit dem The­ma Tod be­fas­sen müs­sen, will Ih­le­feldt ver­mit­teln, dass der Fried­hof zum Le­ben da­zu­ge­hört. „Er soll in un­se­rer Ge­sell­schaft nicht ver­ges­sen wer­den“, for­dert der Mann mit der Kurz­haar­fri­sur und der dunk­len Klei­dung. Und man weiß, dass er al­les dar­an­setzt, das Image des Fried­hofs um­zu­po­len, mehr aus ihm zu ma­chen als ei­ne rei­ne Be­gräb­nis­stät­te.

Dass er da­für auch un­ge­wöhn­li­che We­ge ge­hen muss, war ihm schon früh klar: Sei­ne ers­te Pres­se­mit­tei­lung schrieb er kurz nach der Wen­de auf der Schreib­ma­schi­ne und ver­schick­te das Pa­pier per Fax in die Re­dak­tio­nen. Da­mals schon mach­te er Wer­bung für Fried­hofs­füh­run­gen. „Wie soll­te ich an­ders die Leu­te hier­her­lo­cken.“Und wenn sie ein­mal da wa­ren, sei­en fast al­le be­geis­tert von der Wei­te, der Schön­heit und Stil­le des Or­tes, sagt Ih­le­feldt – von den vie­len al­ten Gr­ab­stät­ten, mit Moos be­wach­sen, aus­ge­fal­len, den Mau­so­le­en, dem dich­ten Wald. „Und erst die Sicht­ach­sen!“Man könn­te glau­ben, dass er nur un­gern sei­nen Fried­hof ver­lässt und hin­aus­geht in die lau­te, grel­le, bunte Welt.

Aber auch der Fried­hofs­ver­wal­ter muss mal ab­schal­ten von sei­nen 60-St­un­den-Wo­chen. Dann ge­he es fast im­mer in die Dü­nen, dort über­nach­te er im Zelt auf der In­sel Rü­gen. Und glei­tet mit sei­nem Wind­surf­brett über die Ost­see, ta­ge­lang – bei Wind und Wet­ter. Es ist fast der ein­zi­ge Aus­gleich, den er sich gönnt. Und wäh­rend er über die Wel­len glei­tet, kom­me­nihm wie­der neue Ideen. Auf de­mSüd­west­kirch­hof will er bis zu sei­ner Ren­te blei­ben. „Aber die Zeit bis da­hin reicht lei­der nicht aus, um noch al­le mei­ne Ideen zu ver­wirk­li­chen.“

Fo­to: Man­fred Tho­mas

Olaf Ih­le­feldt, 50, Ver­wal­ter des zweit­größ­ten Fried­hofs in Deutschland.

Ziem­lich le­ben­dig.

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