In der Ge­fah­ren­zo­ne

Von we­gen Toi­let­te: Die Kü­che ist der wahre Hort für Kei­me in der Woh­nung. Doch wer nor­mal putzt, muss nichts be­fürch­ten. Ei­ni­ge Tipps vom Hy­gie­ne­fach­arzt Ernst Ta­bo­ri

Der Tagesspiegel - - BERLIN GESUND -

Herr Ta­bo­ri, neu­lich im Dro­ge­rie­markt hat­te ich ei­ne Rol­le Müll­beu­tel mit dem Auf­druck „an­ti­bak­te­ri­ell“in der Hand und war kurz in Ver­su­chung, sie zu kau­fen. Das ist wirk­lich mit der größ­te Un­fug, den man ma­chen kann. Und zwar in Be­zug auf den Scha­den, den Sie da­mit der Um­welt und wo­mög­lich so­gar sich selbst zu­fü­gen kön­nen. Sie set­zen sich ei­nem un­nö­ti­gen Kon­takt und ge­ge­be­nen­falls der Be­las­tung mit ei­nem Bio­zid aus. Im bes­ten Fall sind die­se Müll­tü­ten le­dig­lich un­schäd­lich. Wie soll das auch funk­tio­nie­ren? Wenn da an­ti­bak­te­ri­ell wirk­sa­mes Zink­salz auf­ge­bracht ist, sitzt das an der Tü­te, es ist al­so aus­ge­schlos­sen, dass sämt­li­cher Müll da­mit in Be­rüh­rung kom­men kann. War­um al­so gön­nen wir den Bak­te­ri­en nicht das kur­ze Ver­gnü­gen im Müll­beu­tel, bis die Tü­te eh’ ver­brannt wird? Ganz ab­ge­se­hen da­von wird Zink­salz mitt­ler­wei­le sehr kri­tisch ge­se­hen und steht im Ver­dacht, Was­ser­or­ga­nis­men zu scha­den.

An­ti­bak­te­ri­el­le Sub­stan­zen sind al­so nicht per se ei­ne gu­te Sa­che?

Ei­ne an­ti­bak­te­ri­el­le Sub­stanz wirkt bio­zid, soll al­so Bak­te­ri­en tö­ten. Da­von aus­zu­ge­hen, dass die­se Wir­kung sich auf Bak­te­ri­en be­schränkt, wä­re na­iv. Na­no­par­ti­kel et­wa wer­den von un­se­rem Kör­per auf­ge­nom­men. Was sie dann in uns ver­ur­sa­chen, ist noch lan­ge nicht ab­schlie­ßend un­ter­sucht. Bei ei­ni­gen Sub­stan­zen aber wie Ph­tala­ten – Weich­ma­chern in Kunst­stoff -, Tri­closan oder Et­hiny­lestra­di­ol wis­sen wir schon, dass sie schäd­lich sein kön­nen. Sie gel­ten als so­ge­nann­te en­do­kri­ne Dis­rup­to­ren, kön­nen al­so un­ser Hor­mon­sys­tem aus dem Gleich­ge­wicht brin­gen. In den USA ist es seit zwei Jah­ren un­ter­sagt, an­ti­bak­te­ri­el­le Sei­fe mit Tri­closan her­zu­stel­len. Das in der An­ti­ba­by­pil­le ent­hal­te­ne Hor­mon Et­hiny­lestra­di­ol lässt sich am Aus­lass von Klär­wer­ken kon­zen­triert nach­wei­sen. Mit Fol­gen: Fische, die in der Nä­he le­ben, sind häu­fig ver­weib­licht. In den Ever­gla­des, ein Sumpf­ge­biet im Sü­den des US-Bun­des­staa­tes Flo­ri­da, hat man Al­li­ga­to­ren mit ge­schrumpf­ten Pe­nis­sen ge­fun­den und konn­te das auf Et­hiny­lestra­di­ol zu­rück­füh­ren. Auch wenn die Fol­gen an­de­rer Sub­stan­zen sich nicht so di­rekt mit dem Zoll­stock nach­wei­sen las­sen, sind sie nicht we­ni­ger po­tent.

Al­so ha­be ich in mei­nem Müll lie­ber Bak­te­ri­en als an­ti­bak­te­ri­el­le Sub­stan­zen? Ab­so­lut. Das, was Sie weg­wer­fen, tut Ihnen nichts mehr, Sie ha­ben es aus der Ge­fah­ren­zo­ne ge­bracht. Das ist wie beim Hän­de­wa­schen: Sie spü­len die Kei­me ins Ab­was­ser. Da ma­chen Sie sich doch auch kei­ne Sor­gen, wie Sie das Ab­was­ser an­ti­bak­te­ri­ell be­han­deln kön­nen.

Man liest im­mer wie­der, nicht die Toi­let­te, son­dern die Kü­che sei der Keim­herd in ei­ner Woh­nung.

Das ist voll­kom­men rich­tig und liegt schlicht dar­an, dass Sie in der Kü­che mit sehr vie­len un­ter­schied­li­chen Sub­stan­zen han­tie­ren: Fleisch, Fisch, Eier, mit Er­d­res­ten ver­schmier­tes Ge­mü­se. Je­der, der weiß, wie es in ei­nem Schlacht­hof zu­geht, weiß, dass das kein OP-Saal ist. Da wer­den die Där­me von Rin­dern und Schwei­nen ge­leert und kom­men mit dem Fleisch in Kon­takt, das spä­ter ver­kauft wird. Un­ter­su­chun­gen ha­ben ge­zeigt, dass mehr als drei Vier­tel des Ge­flü­gel­flei­sches aus her­kömm­li­cher Mast­hal­tung mit mul­ti­re­sis­ten­ten Er­re­gern wie dem Darm­bak­te­ri­um Esche­ri­chia Co­li be­sie­delt wa­ren. Ge­hen Sie al­so da­von aus, dass je­des Stück Fleisch, dass Sie in der Kü­che be­ar­bei­ten, ganz si­cher mit Kei­men ver­se­hen ist – auch wenn na­tür­lich nicht al­le da­von krank­ma­chend sind. An sich ist das un­pro­ble­ma­tisch, die dür­fen halt nur nicht in un­se­ren Kör­per ge­lan­gen. Das Stück Fleisch kon­ta­mi­niert al­les, wo­mit es in Kon­takt kommt: das Schnei­de­brett, das Mes­ser und vor al­lem Ih­re Hän­de. Aber auch die Kühl­schrank­tür, wenn Sie noch schnell was raus­ho­len wol­len. Die fasst kurz dar­auf je­mand an­de­res an und schon hat er die Kei­me an den Fin­gern. Der Weg über Au­gen, Na­se und Mund in den Kör­per ist dann kurz.

Ge­nau ge­nom­men darf ich das Fleisch al­so nicht es­sen, will ich nicht das Ri­si­ko ein­ge­hen, an ei­nen pa­tho­ge­nen Keim zu ge­ra­ten. Doch, na­tür­lich dür­fen Sie. Sie sen­ken das In­fek­ti­ons­ri­si­ko, in­dem Sie ei­ne akri­bi­sche Kü­chen­hy­gie­ne ein­hal­ten. Und im­mer wie­der Hän­de wa­schen, das ist ge­ne­rell die wich­tigs­te Maß­nah­me zum Schutz vor Krank­hei­ten. Ich kom­me mir manch­mal schon blöd vor, das im­mer wie­der zu pre­di­gen, aber es ist auch er­staun­lich, wie we­nig Vor­stel­lungs­kraft man­che Men­schen ha­ben, wenn es um Keim- und In­fek­ti­ons­über­tra­gun­gen geht. Wich­tig: Fleisch, Fisch und Eier­spei­sen gut durch­ga­ren. Da­bei wer­den die Kei­me, die sich im und am Fleisch be­fin­den, zer­stört. Schon Lu­ther pre­dig­te: Iss, was gar ist – trink, was klar ist – red’, was wahr ist. Er hat­te sehr recht. Un­ge­müt­lich.

Was ist mit ei­nem Steak me­di­um?

Ich möch­te nie­man­dem vor­schrei­ben, was er wie zu es­sen hat. Aber je­der soll­te mög­li­che Ri­si­ken ken­nen und selbst ent­schei­den. Ich bin kein Freund von ro­hem Fleisch, es kann Kei­me und Pa­ra­si­ten über­tra­gen. Pil­ze soll­ten eben­falls gut ge­gart wer­den, sie sind sehr emp­fäng­lich für Schim­mel­pil­ze und Bak­te­ri­en. An­sons­ten: Halten Sie ein­fach Ih­re Kü­che sau­ber. Was ma­che ich mit Ge­schirr­tü­chern und Spül­schwäm­men?

Die ge­ben Sie am bes­ten mehr­mals pro Wo­che in die Wasch­ma­schi­ne. In ei­nem Spül­schwamm ver­blei­ben im­mer Res­te von Ei­weiß und Fett, auch wenn Sie den von Hand aus­spü­len. Da­zu ist er feucht und im War­men, ein Pa­ra­dies für Bak­te­ri­en und Pil­ze. Weil er im Zen­trum nie rich­tig aus­trock­net, ex­plo­diert die Zahl der Kei­me be­reits nach kur­zer Zeit. Un­ter­su­chun­gen ha­ben pro Gramm Spül­schwamm mehr als 300 Mil­lio­nen Kei­me ge­fun­den. Zum Ver­gleich: Pro Qua­drat­zen­ti­me­ter Toi­let­ten­sitz wur­den un­ter 300 Kei­me ge­zählt.

Okay, das ist ein Ar­gu­ment.

Und noch lan­ge nicht al­les. Denn wäh­rend un­ter den Bak­te­ri­en auf dem Toi­let­ten­sitz et­wa fünf Pro­zent co­li­for­me wa­ren, al­so Darm­bak­te­ri­en, lag de­ren Zahl im Spül­schwamm bei 80 Pro­zent. Des­halb ge­hört so ein Spül­schwamm re­gel­mä­ßig in die Wä­sche – am bes­ten bei 60 Grad. Ganz si­cher geht, wer ein Voll­wasch­mit­tel ver­wen­det. Dann ar­bei­ten beim Wasch­vor­gang ne­ben der ho­hen Tem­pe­ra­tur, den wasch­ak­ti­ven Sub­stan­zen und der star­ken Ver­dün­nung auch noch Sau­er­stoff­ab­spal­ter als Auf­hel­ler mit, die gleich­zei­tig des­in­fi­zie­rend wir­ken.

Kei­me auf Fleisch, Fisch und Ge­mü­se, ein per­ma­nent ver­seuch­ter Spül­schwamm. Da scheint es ab­so­lut sinn­voll, we­nigs­tens in der Kü­che al­les or­dent­lich zu des­in­fi­zie­ren.

Wer des­in­fi­ziert, re­du­ziert le­dig­lich die Men­ge der vor­han­de­nen Kei­me, in­dem er ei­ni­ge ab­tö­tet, so­dass kei­ne aku­te In­fek­ti­ons­ge­fahr be­steht. Hin­zu kommt, dass gar nicht al­le Stel­len et­was ab­krie­gen, wenn Sie ein­fach drü­ber­sprü­hen; ein Teil des Bio­zids lan­det mit der Atem­luft in der Lun­ge. Ei­ne sau­be­re, tro­cke­ne Ober­flä­che ist der na­tür­li­che Feind al­ler Kei­me. Das schaf­fen Sie spie­lend mit ei­nem nor­ma­len Haus­halts­rei­ni­ger oder ei­ner gu­ten Sei­fe. Da muss nichts aggressiv oder an­ti­bak­te­ri­ell sein.

Für den Kühl­schrank wer­den Stäb­chen ge­prie­sen, die man ein­mal knickt, rein­hängt und die dann ei­nen Mo­nat lang da­für sor­gen, dass die Le­bens­mit­tel län­ger frisch blei­ben, weil sich Kei­me we­ni­ger schnell ver­meh­ren.

Der dort ver­wen­de­te Stoff ist das Bio­zid Chl­or­di­oxid, das bei Raum­tem­pe­ra­tur zu ei­nem gif­ti­gen Gas wird. Um wir­ken zu kön­nen, muss es sich in ei­ner ge­wis­sen Kon­zen­tra­ti­on im Kühl­schrank an­rei­chern und kommt na­tür­lich mit den Nah­rungs­mit­teln in Kon­takt und kann ein­drin­gen. Vor we­ni­gen Jah­ren war der Auf­schrei groß, als be­kannt wur­de, dass Hühn­chen­fleisch mit Chlor­lö­sung des­in­fi­ziert wor­den ist. Aber jetzt hängt man sich die ver­teu­fel­te Sub­stanz in den Kühl­schrank?

Wenn da doch die Kei­me sind?

Die ur­ei­ge­ne Auf­ga­be des Kühl­schranks ist es, das Keim­wachs­tum zu re­du­zie­ren. Das ge­lingt her­vor­ra­gend, wenn die Tem- pe­ra­tur zwi­schen vier und sie­ben Grad Cel­si­us liegt. Sal­mo­nel­len zum Bei­spiel bil­den bei Zim­mer­tem­pe­ra­tur in­ner­halb von 30 Mi­nu­ten ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on, im Kühl­schrank brau­chen sie da­für fünf bis sechs Mal län­ger. Dort ist es für ein Bak­te­ri­um ein­fach nicht ge­müt­lich, es teilt sich nicht mehr so gern. Wen­nSie jetzt noch dar­auf ach­ten, die Flä­chen im Kühl­schrank sau­ber zu halten und zum Bei­spiel But­ter­fle­cken zü­gig be­sei­ti­gen, brau­chen Sie sich in­ner­halb des emp­foh­le­nen Auf­be­wah­rungs­zeit­rau­mes um das Keim­wachs­tum dort kei­ne Sor­gen zu ma­chen. Wie sieht es aus mit an­ti­mi­kro­bi­el­ler Sport­klei­dung oder Un­ter­wä­sche? Die Sa­chen stin­ken dann nicht so schnell.

All die­se an­ti­mi­kro­bi­ell be­schich­te­ten Be­klei­dungs­pro­duk­te sind mei­ner Mei­nung nach blan­ker Un­sinn. Wenn Sie Sport ma­chen, schwit­zen Sie. Füh­len Sie sich dann woh­ler in den Sa­chen, weil sie vi­el­leicht et­was we­ni­ger rie­chen, wenn die ein­ge­brach­ten Na­no­sub­stan­zen das Keim­wachs­tum ein­däm­men? Das ist in et­wa so, als wenn man das Ba­de­zim­mer dick mit Raum­spray über­zieht, nach­dem man auf der Toi­let­te war. Der Dreck und meist auch der Ge­ruch sind ja den­noch da. Ich se­he den Nut­zen nicht. Viel­mehr se­he ich eher die Gefahr, dass wir mit Sub­stan­zen in Be­rüh­rung kom­men, von de­nen wir noch nicht wis­sen, wel­chen Ein­fluss sie auf un­se­re Kör­per­zel­len ha­ben.

Ge­setzt den Fall, ich neh­me es mit dem Put­zen und Spül­schwamm­wa­schen nicht so ge­nau: Wie groß ist die Gefahr, die von Kei­men aus­geht?

Das lässt sich nicht pau­schal be­ant­wor­ten, son­dern hängt vom Keim und den Um­stän­den ab. Holt man sich Sal­mo­nel­len, wird das für ein Klein­kind, äl­te­re Men­schen oder sol­che mit ei­nem schwa­chen Im­mun­sys­tem schnell auch le­bens­ge­fähr­lich. Holt man sich ei­nen mul­ti­re­sis­ten­ten Esche­ri­chia Co­li, macht der Ihnen vi­el­leicht gar nichts. Aber es kann auch sein, dass sie den Keim ir­gend­wo an den Händen spa­zie­ren tra­gen, wenn sie in den nächs­ten Ta­gen zum Blut ab­neh­men oder zu ei­ner Un­ter­su­chung ins Kran­ken­haus müs­sen – dort ge­nü­gen ein paar Hand­grif­fe, und der Keim ge­langt in Lun­ge oder Blut­bahn, was eben­falls sehr ge­fähr­lich wer­den kann. Wenn Sie nor­mal put­zen und al­le be­spro­che­nen Maß­nah­men ein­hal­ten, müs­sen Sie sich als im­mun­kom­pe­ten­ter Mensch kei­ne Ge­dan­ken ma­chen. Und ob­wohl oft das Ge­gen­teil be­haup­tet wird: Aus Sicht der In­fek­ti­ons­prä­ven­ti­on spielt es kei­ne gro­ße Rol­le, wie oft Sie Ih­re Bett­wä­sche wech­seln.

Schon Lu­ther pre­dig­te: „Iss, was gar ist – trink, was klar ist – red’, was wahr ist“

In Spül­schwäm­men wur­den pro Gramm 300 Mil­lio­nen Kei­me ge­fun­den

— Das Ge­spräch führ­te Clau­dia Füß­ler. Ernst Ta­bo­ri ist Fach­arzt für Hy­gie­ne und Um­welt­me­di­zin, Fach­arzt für Gy­nä­ko­lo­gie und Ge­burts­hil­fe so­wie In­fek­tio­lo­ge (DGI). Seit 2009 ist er Ärzt­li­cher Di­rek­tor des Deut­schen Be­ra­tungs­zen­trums für Hy­gie­ne in Freiburg.

Fo­to: dpa/Chris­tin Klose

Kei­me füh­len sich im Kühl­schrank nicht wohl. Den­noch soll­ten die Flä­chen re­gel­mä­ßig ge­säu­bert wer­den.

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