Fahr­plan ge­sucht

Kon­zern­chef Lutz will mit ei­ner Re­form des Bahn­vor­stands und dem Ver­kauf der Toch­ter Ar­ri­va auf die Kri­tik aus dem Bund re­agie­ren

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT - D. Del­ha­es, D.Fo­cken­brock (HB)

Ber­lin/Düs­sel­dorf - Am Di­ens­tag­mor­gen wird die Welt für Richard Lutz nicht ih­ren nor­ma­len Gang neh­men. Der Chef der Deut­schen Bahn wird um sie­ben Uhr zu­mRap­port bei Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU) ein­tref­fen. Lutz soll dann ei­nen Plan vor­le­gen, wie er mit der Bahn Rich­tung Zu­kunft fah­ren will, bes­ser or­ga­ni­siert, sau­ber und pünkt­lich, mit mehr Men­schen und Gü­tern, di­gi­tal mo­dern, um­sich ge­gen den Luft- und Stra­ßen­ver­kehr zu be­haup­ten und Markt­an­tei­le zu gewinnen.

Un­ter­stützt von sei­nem neu­en Fi­nanz­chef Alex­an­der Doll und In­fra­struk­tur­vor­stand Ro­nald Po­fal­la will Lutz zwei Vor­schlä­ge zum Mi­nis­ter­früh­stück mit­brin­gen. Nach In­for­ma­tio­nen des „Han­dels­blatts“aus Bahn-Krei­sen wird Lutz vor­schla­gen, den Vor­stand der Bahn um zwei auf acht Köp­fe zu er­wei­tern. Sei­ne Wunsch­kan­di­da­ten sind der jet­zi­ge Stra­te­gie­chef, Ma­nu­el Reh­kopf, so­wie der Vor­stands­vor­sit­zen­de der Kon­zern­toch­ter DB Car­go, Ro­land Bosch. Grund­sätz­lich sol­len künf­tig die Vor­stands­chefs der Töch­ter DB Car­go, DB Re­gio und DB Fern­ver­kehr in den Kon­zern­vor­stand auf­rü­cken. Ziel ist es, bes­ser aufs ope­ra­ti­ve Ge­schäft durch­zu­grei­fen. Im Ge­gen­zug ent­fie­len Vor­stands­pos­ten auf der zwei­ten Ebe­ne. Au­ßer­dem will Lutz die Aus­land­s­toch­ter Ar­ri­va ver­kau­fen, um die Fi­nanz­pro­ble­me der Bahn kurz­fris­tig zu mil­dern. Ein Kom­plett­ver­kauf könn­te nach in­ter­nen Schät­zun­gen zwi­schen vier und 4,5 Mil­li­ar­den Eu­ro ein­brin­gen.

Seit Wo­chen wächst der Druck auf die Bahn, grund­le­gen­de Re­for­men ein­zu­lei­ten. Es be­gann mit ei­nem Brand­brief, in dem Lutz An­fang Sep­tem­ber of­fen­bar­te, dass es nicht gut be­stellt sei um die Bahn. Auf Drän­gen des Auf­sichts­rats lie­fer­te er im No­vem­ber dann auf 200 Sei­ten ei­ne scho­nungs­lo­se Ana­ly­se und 50 mög­li­che kurz­fris­ti­ge Maß­nah­men, vor al­lem um Pünkt­lich­keit und Qua­li­tät zu ver­bes- sern. 2018 war ein Vier­tel al­le ICE und IC ver­spä­tet, im Gü­ter­ver­kehr so­gar ein Drit­tel der Zü­ge. Die „Agen­da für ei­ne bes­se­re Bahn“des Vor­stands reich­te aber dem Bahn­be­auf­trag­ten Enak Fer­le­mann aus dem Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um nicht. Kurz vor Weih­nach­ten stell­te er öf­fent­lich ein Ul­ti­ma­tum: Bis März müs­se der Vor­stand dem Auf­sichts­rat ein Kon­zept vor­le­gen. Am Di­ens­tag will Lutz lie­fern.

Scheu­er wird mit sei­ner Haus­lei­tung an­tre­ten. Vier Staats­se­kre­tä­re wer­den beim Frühstück im Mi­nis­ter­bü­ro da­bei sein: Die Be­am­ten Ger­hard Schulz, der die neue Ei­sen­bahn­ab­tei­lung un­ter sich hat, und Gui­do Beer­mann, Auf­sichts­rat der Bahn AG. Hin­zu kom­men die par­la­men­ta­ri­schen Staats­se­kre­tä­re Enak Fer­le­mann und Stef­fen Bil­ger. Auch der Lei­ter der Zen­tral­ab­tei­lung so­wie die stell­ver­tre­ten­den Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den von Uni­on und SPD so­wie de­ren ver­kehrs­po­li­ti­sche Spre­cher sol­len mit am Tisch sit­zen.

Es soll nicht um De­tail­fra­gen ge­hen wie den Aus­bau des zen­tra­len ICE-Be­triebs­werks in Köln, der sich im Maß­nah- Rich­tungs­fra­ge.

Am Di­ens­tag muss Bahn­chef Richard

Lutz (rechts) Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ter Andre­as Scheu­er (CSU) ein Kon­zept für die Zu­kunft der Deut­schen Bahn prä­sen­tie­ren. men­ka­ta­log der Agen­da fin­det. Viel­mehr steht ei­ne Struk­tur­re­form der Deut­schen Bahn AG be­vor – so, wie die Bun­des­bahn vor 25 Jah­ren mit ei­nem po­li­ti­schen Kon­zept aus dem Be­hör­den­da­sein in ei­ne pri­vat­recht­li­che Ak­ti­en­ge­sell­schaft ent­las­sen wur­de. Nun soll die Bahn selbst Vor­schlä­ge un­ter­brei­ten. Da­bei sei das doch ein Job des Mi­nis­te­ri­ums, wun­dern sich Bran­chen­in­si­der. Auch SPD-Frak­ti­ons­vi­ze Sö­ren Bar­tol for­dert „kla­re Vor­ga­ben des zu­stän­di­gen Bun­des­ver­kehrs­mi­nis­ters“. Der Chef der Ei­sen­bah­ner­ge­werk­schaft EVG, Alex­an­der Kirch­ner, spricht be­reits von ei­ner „Bahn­re­form 2“.

Die Ge­le­gen­heit für ei­nen er­neu­ten Um­bau der Bahn sei sel­ten so gut wie jetzt ge­we­sen, heißt es im Mi­nis­te­ri­um. Noch nie ha­be sich ein Ko­ali­ti­ons­ver­trag auf so vie­len Sei­ten der Zu­kunft der Bahn ge­wid­met. Kri­ti­ker nen­nen das al­ler­dings ei­ne Po­li­ti­sie­rung des Un­ter­neh­mens, soll doch in den Sta­tu­ten des Kon­zerns ei­ne Ge­mein­wohlori­en­tie­rung fest­ge­schrie­ben wer­den. Prio­ri­tät soll mehr Ver­kehr ha­ben, nicht der Ge­winn der Bahn.

Mi­nis­ter Scheu­er for­dert neue Struk­tu­ren, da­mit der Vor­stand bes­ser durch­grei­fen kann. Zu häu­fig ar­bei­te je­de der mehr als 700 Un­ter­ge­sell­schaf­ten auf ei­ge­ne Faust, „was dem Ge­samt­sys­tem scha­det“, heißt es. Ob ei­ne Neu­ord­nung des Vor­stands dem Mi­nis­ter rei­chen wird, wird sich zei­gen. Mög­lich wä­re auch, die drei ope­ra­ti­ven Töch­ter auf­zu­lö­sen.

Wich­ti­ger noch scheint Scheu­er zu sein, dass die Zu­stän­dig­kei­ten von Bund und Bahn kla­rer ge­trennt wer­den. Was muss der Staat fi­nan­zie­ren, was die Bahn? Der Mi­nis­ter will da­mit auch der Kri­tik des Bun­des­rech­nungs­hofs ent­ge­gen­tre­ten, der man­gel­haf­te Trans­pa­renz in den Fi­nanz­strö­men mo­niert hat und in we­ni­gen Ta­gen ei­ne Stel­lung­nah­me vor­le­gen will. Im Mi­nis­te­ri­um ist von ei­ner „grund­sätz­li­chen Re­form der Ver­ant­wort­lich­kei­ten“die Re­de. Es könn­te auf ei­ne neu­er­li­che De­bat­te hin­aus­lau­fen, ob das Schie­nen­netz aus dem Kon­zern her­aus­ge­löst wird. CDU und CSU sind da­für, wo es aber auch pes­si­mis­tisch heißt: „Das ist mit der SPD nicht zu dis­ku­tie­ren.“

Un­um­strit­ten ist, dass der Bund für die

Fi­nan­zie­rung der

Schie­nen­we­ge ver­ant­wort­lich zeich­net, für Neu­bau und Re­pa­ra­tur. Be­trei­ben und fi­nan­zie­ren muss die Bahn sie ei­gen­ver­ant­wort­lich. Volks­wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen und be­triebs­wirt­schaft­li­che Kenn­zah­len kol­li­die­ren, wenn­die Po­li­tik un­ren­ta­ble Stre­cken oder kaum ge­nutz­te Gü­ter­gleis­an­schlüs­se er­hal­ten will. Auch der ge­wünsch­te Deutsch­land­takt mit pass­ge­nau­en An­schluss­zü­gen funk­tio­niert nicht oh­ne un­ren­ta­ble Zug­fahr­ten, mei­nen Ex­per­ten. Soll der Staat sie sub­ven­tio­nie­ren? Oder die Di­gi­ta­li­sie­rung des Bahn­net­zes, die laut McKin­sey-Gut­ach­ten 30 Mil­li­ar­den Eu­ro ver­schlin­gen wird? Si­gna­le an den Stre­cken wird es kei­ne mehr ge­ben, statt­des­sen di­gi­ta­li­sier­te Lo­ko­mo­ti­ven. Die aber hat die Bahn bis­lang fi­nan­ziert. Wie lässt sich das tren­nen? Beim Bund heißt es, mit ei­nem Kon­zept sei ein Son­der­pro­gramm denk­bar: „Aber es gibt noch kein Kon­zept.“

Noch of­fen ist, wie die Bahn den Fi­nanz­be­darf deckt, der mit der Mo­der­ni­sie­rung ent­steht. Der Bund rech­net bis 2021 mit fünf Mil­li­ar­den Eu­ro zu­sätz­lich, von de­nen gut zwei Mil­li­ar­den be­reits die­ses Jahr fäl­lig wer­den. Auch hier will der Bund Klar­heit: Geht es ums Netz, zahlt der Staat. An­sons­ten muss die Bahn sich Geld be­sor­gen. Lutz schlägt des­halb die Tren­nung von Ar­ri­va vor. Doch Ver­kehrs­mi­nis­ter Scheu­er lehnt es ab, pro­fi­ta­ble Töch­ter ab­zu­sto­ßen. Die Haus­halts­po­li­ti­ker im Bun­des­tag, der Fi­nanz­mi­nis­ter so­wie die Ex­per­ten im Wirt­schafts­res­sort stüt­zen da­ge­gen den Plan. „Wir müs­sen klä­ren, ob die Bahn ein glo­ba­ler Lo­gis­tik­kon­zern sein soll oder ein deut­sches Un­ter­neh­men, das Personen und Gü­ter trans­por­tiert“, heißt es. Die Al­ter­na­ti­ve zum Ver­kauf wä­ren neue Schul­den oder ei­ne Ka­pi­tal­er­hö­hung. Doch die Be­reit­schaft er­neut Mil­li­ar­den in die Bahn zu pum­pen, ist ge­ring. Erst letz­tes Jahr über­wies der Fi­nanz­mi­nis­ter ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro, um das Ka­pi­tal auf­zu­fri­schen.

Mi­nis­ter Scheu­er hat zwei St­un­den für das Ge­spräch mit der Bahn-Troi­ka frei­ge­hal­ten. An­schlie­ßend wird Lutz in sei­ner wö­chent­li­chen Vor­stands­sit­zung die üb­ri­gen Kon­zern­vor­stän­de in­for­mie­ren und Ar­beits­auf­trä­ge ver­tei­len. Am 30. Ja­nu­ar ist schon der nächs­te Ter­min mit dem Mi­nis­ter an­be­raumt. Im März soll das Kon­zept ste­hen, im Ju­ni vom längst mit Po­li­ti­kern be­setz­ten Auf­sichts­rat der Bahn ver­ab­schie­det wer­den.

Was die Bahn und was der Bund zahlen soll, ist um­strit­ten

— Mei­nungs­sei­te

Fo­to: Brit­ta Pedersen/dpa

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