Falsch und ge­fähr­lich

Der Tagesspiegel - - SPORT - Lou­is Rich­ter

Der Grat zwi­schen ge­ziel­ter Pro­vo­ka­ti­on und plum­per Dumm­heit ist oft ein sehr schma­ler. Das zei­gen die jüngs­ten Aus­sa­gen der Hand­bal­lI­ko­ne Ste­fan Kretz­sch­mar zum The­ma Mei­nungs­frei­heit im All­ge­mei­nen und Mei­nungs­frei­heit im Sport im Spe­zi­el­len. Pro­fi­sport­ler wür­den sich kaum noch zu po­li­ti­schen oder ge­sell­schaft­li­chen Themen äu­ßern, weil sie für je­den kri­ti­schen Kom­men­tar so­fort „eins auf die Fres­se“krie­gen, sagt Kretz­sch­mar im In­ter­view mit „t-on­li­ne.de“. So weit, so nach­voll­zieh­bar. Der Wunsch nach mün­di­gen Sport­lern ist weit ver­brei­tet.

Doch was ein Ap­pell von Kretz­sch­mar für mehr Mut hät­te wer­den kön­nen, drif­tet in ei­ne fal­sche Rich­tung ab. „Kei­ner steckt den Kopf hö­her raus als er muss. Es sei denn, es ist die po­li­ti­sche Main­stream-Mei­nung“, sagt er. Als Bei­spiel für „Main­stream“führt der frü­he­re Pro­fi vom SC Mag­de­burg To­le­ranz für Ge­flüch­te­te und das Ein­set­zen für ei­ne bunte Ge­sell­schaft an. Ei­ne „ei­ni­ger­ma­ßen kri­ti­sche Mei­nung“dür­fe man „in die­sem Land“nicht sa­gen. Meint Kretz­sch­mar. Weil es in die­sem Land „kei­ne Mei­nungs­frei­heit“im „ei­gent­li­chen Sin­ne“ge­be. „Wir Sport­ler müs­sen im­mer mit Re­pres­sa­li­en von un­se­rem Ar­beit­ge­ber oder von Wer­be­part­nern rech­nen.“

Nun muss man wis­sen, dass Kretz­sch­mar ger­ne mal an­eckt, um mehr Auf­merk­sam­keit für ge­wis­se Themen und sei­nen Sport zu ge­ne­rie­ren. Man muss die­se Aus­sa­gen aber auch als das ein­ord­nen, was sie sind: falsch und ge­fähr­lich. Es ist wich­tig, dass Sport­ler und Trai­ner klar Stel­lung be­zie­hen zu Themen, die für Kretz­sch­mar „Main­stream“sind. So setzt sich et­wa Christian Streich, der Trai­ner des Fuß­ball-Bun­des­li­gis­ten SC Freiburg, im­mer wie­der für To­le­ranz und ge­gen Ras­sis­mus ein. Kretz­sch­mar aber ent­wer­tet die Be­deu­tung von To­le­ranz in Zei­ten, in de­nen sich im­mer mehr Men­schen of­fen trau­en, rech­te Po­si­tio­nen ein­zu­neh­men. So ließ es sich die AfD Hei­del­berg nicht neh­men, Kretz­sch­mars Aus­sa­gen prompt für ih­re Zwe­cke zu miss­brau­chen – und da­mit auf Twit­ter zu wer­ben.

Au­ßer­dem ver­kennt Kretz­sch­mar, dass Sport­ler ge­ra­de in Deutschland sehr wohl kri­ti­sche und vi­el­leicht auch nicht un­be­dingt kon­sens­fä­hi­ge Mei­nun­gen ver­tre­ten dür­fen. Da­zu ha­ben sie je­des Recht. Sie müs­sen dann aber auch mit ei­nem ent­spre­chen­den Echo rech­nen. Denn die Mei­nungs­frei­heit hört nicht bei ei­ner ein­zel­nen Aus­sa­ge auf, je­der darf sich viel­mehr auch zu ei­ner Mei­nung ei­ne Mei­nung bil­den und sie kund­tun. So läuft das „in die­sem Land“. Zum Glück. Schrei, wenn du kannst.

Fo­tos: Ju­li­an Stra­ten­schul­te/dpa, Tobias Schwarz/AFP

Andre­as Wolff vom THW Kiel (links) und Sil­vio Hei­ne­vet­ter von den Füch­sen Ber­lin gel­ten bei­de als ex­tro­ver­tiert und ein biss­chen ver­rückt.

über die Aus­sa­gen von Ste­fan Kretz­sch­mar zur Mei­nungs­frei­heit

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.