Ein Fall für zwei

Andre­as Wolff und Sil­vio Hei­ne­vet­ter kon­kur­rie­ren um den Platz im Tor des Hand­ball-Na­tio­nal­teams – und brau­chen sich ge­gen­sei­tig

Der Tagesspiegel - - SPORT - Von Christoph Dach

Ber­lin - Mit zwei zen­tra­len Maß­ga­ben sind Deutsch­lands Hand­ball-Na­tio­nal­spie­ler in die Heim-Welt­meis­ter­schaft ge­star­tet: auch dem team­in­ter­nen Mit­be­wer­ber um Spiel­zeit auf der ei­ge­nen Po­si­ti­on mal et­was gön­nen zu kön­nen – und nicht ego­is­tisch zu sein. Auf die klei­nen zwi­schen­mensch­li­chen Ges­ten wird es im Ti­tel­ren­nen al­so an­kom­men. Sie sol­len in der Sum­me den Un­ter­schied aus­ma­chen.

Bis­lang klappt das sehr or­dent­lich, auch im zwei­ten Vor­run­den­spiel ge­gen Bra­si­li­en am ver­gan­ge­nen Sams­tag (34:21) lie­fer­te die Mann­schaft von Christian Prokop rei­hen­wei­se Sze­nen, die Ge­schlos­sen­heit sug­ge­rier­ten und dem Bun­des­trai­ner ge­fal­len ha­ben dürf­ten. Auch sein Tor­hü­ter-Ge­spann, Andre­as Wolff vom THW Kiel und Sil­vio Hei­ne­vet­ter von den Füch­sen Ber­lin, mach­te dies­be­züg­lich kei­ne Aus­nah­me.

Wolff war nach 40 Mi­nu­ten ausgewechselt wor­den, hat­te sich ge­ra­de die Trai­nings­ja­cke mit dem Bun­des­ad­ler auf der Brust an­ge­zo­gen und auf der Er­satz­bank Platz ge­nom­men – da stand er auch schon wie­der, schwer auf Ad­re­na­lin, ball­te die Faust, brüll­te, ju­bel­te und freu­te sich mit Hei­ne­vet­ter, der für sei­ne ers­te Pa­ra­de nur we­ni­ge Se­kun­den An­lauf­zeit ge­braucht hat­te. Hei­ne­vet­ter er­wi­der­te den Blick, zwin­ker­te Wolff zu und reck­te eben­falls die Faust in die Luft.

In die­sem Mo­ment stand es 24:17 für den Gast­ge­ber, die Ge­gen­wehr der Bra­si­lia­ner schwand zu­se­hends, das Spiel war längst ent­schie­den, das Schau­lau­fen konn­te be­gin­nen. Und trotz­dem fei­er­ten die Na­tio­nal­spie­ler sich und ein­an­der für je­de ge­lun­ge­ne Ak­ti­on.

Tor­hü­ter sind in je­der Sport­art spe­zi­el­le und mit­un­ter ei­gen­wil­li­ge Ty­pen. Wer stellt sich schon frei­wil­lig zwi­schen zwei Pfos­ten und op­fert den ei­ge­nen Kör­per zur Ab­wehr des Balls? Im Hand­ball gilt das aus un­ter­schied­li­chen Grün­den ganz be­son­ders. Zum ei­nen er­laubt das Re­gel­buch un­end­lich vie­le Wech­sel, es gibt al­so meis­tens kei­ne kla­re Num­mer eins und kei­ne kla­re Num­mer zwei; je­der muss auch gön­nen kön­nen. Das führt da­zu, dass die Tor­hü­ter gut mit­ein­an­der aus­kom­men müs­sen, so­fern sie ih­re Vor­der­leu­te un­ter­stüt­zen wol­len.

„Ein funk­tio­nie­ren­des Ge­spann zeich­net sich da­durch aus, dass der ei­ne da ist, wenn der an­de­re ei­nen schlech­ten Tag hat“, sagt Hei­ne­vet­ter. Bis­lang ha­ben bei­de Na­tio­nal­tor­hü­ter gu­te Ein­drü­cke hin­ter­las­sen: Wolff be­gann zwei Mal, hielt bei­de Ma­le stark und mach­te je­weils knapp 20 Mi­nu­ten vor Schluss Platz für Hei­ne­vet­ter, der ihm in nichts nach­stand. „Wir wis­sen al­le, dass wir zwei star­ke Tor­hü­ter brau­chen, wenn wir weit kom­men wol­len“, sagt Bun­des­trai­ner Christian Prokop.

Sei­ne Tor­hü­ter sind ei­ne Art klei­nes Team im gro­ßen. Mit dem An­griffs­spiel ha­ben sie oh­ne­hin nichts zu tun – und auch sonst ko­chen sie wei­test­ge­hend ihr ei­ge­nes Süpp­chen. Bei Aus­zei­ten ste­hen Wolff und Hei­ne­vet­ter im­mer ein biss­chen ab­seits, dis­ku­tie­ren, ana­ly­sie­ren und wer­ten aus. „Ge­nau ge­nom­men sind wir gar kei­ne Hand­bal­ler“, sagt Hei­ne­vet­ter, „wir sind Tor­hü­ter und da­zu ge­hört, dass wir viel mit­ein­an­der zu tun ha­ben, uns un­ter­stüt­zen und stän­dig aus­tau­schen.“

Al­ler­dings gab es im­mer wie­der Ge­rüch­te, dass Hei­ne­vet­ter und Wolff nicht ge­ra­de gut mit­ein­an­der aus­kom­men. Micha­el Kraus, frü­he­rer Na­tio­nal­spie­ler und Welt­meis­ter von 2007, hat ge­nau die­se Ge­schich­te kürz­lich in ei­nem In­ter­view mit den „Stutt­gar­ter Nach­rich­ten“ver­brei­tet. Es sei ein of­fe­nes Ge­heim­nis, dass Wolff und Hei­ne­vet­ter „kei­ne gu­ten Ka­me­ra­den“sei­en, sag­te Kraus. Al­les Blöd­sinn, ent­geg­net Hei­ne­vet­ter, „wir ver­ste­hen uns gut und ha­ben kein Pro­blem mit­ein­an­der, auch wenn das im­mer wie­der an­ders dar­ge­stellt wird.“

So oder so: In je­dem Fall sind sich die Na­tio­nal­tor­hü­ter vor den Spie­len ge­gen Russ­land amMon­tag und Frank­reich amDi­ens­tag ih­rer Ver­ant­wor­tung im Team und ih­rer psy­cho­lo­gi­schen Be­deu­tung be­wusst. „Ab­wehr und Tor­hü­ter im Zu­sam­men­spiel sind in je­der Mann­schaft, bei je­dem Tur­nier wich­ti­ge Fak­to­ren“, sagt Hei­ne­vet­ter, „wenn wir da un­se­re Leis­tung ab­ru­fen, muss uns nicht ban­ge sein.“

Obend­rein pro­fi­tiert stets auch die Of­fen­si­ve von ei­ner schwer zu über­win­den­den Ver­tei­di­gung, es ist ein Wech­sel­spiel. „Der An­griff be­kommt viel mehr Si­cher­heit, wenn klar ist, dass wir nicht mit je­dem Ball­be­sitz ein Tor ma­chen müs­sen“, sagt Hei­ne­vet­ter. Und wenn die ers­ten WM-Spie­le mit deut­scher Be­tei­li­gung ei­nes ge­zeigt ha­ben, ist es die Tat­sa­che, dass die Zu­schau­er ein­fa­che, von den Tor­hü­tern ein­ge­lei­te­te Kon­ter­to­re be­son­ders laut fei­ern.

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