Der Pro­vo­ka­teur

Der frü­he­re Hand­ball-Na­tio­nal­spie­ler Ste­fan Kretz­sch­mar eckt mit sei­nen Kom­men­ta­ren häu­fi­ger mal an

Der Tagesspiegel - - SPORT - Christoph Dach

Ber­lin - Ste­fan Kretz­sch­mar war schon im­mer ein Freund der lau­ten Wor­te. „Wenn­man hin und wie­der an­eckt und un­po­pu­lä­re Sa­chen sagt, gibt es eben auch ein Echo, das man nor­ma­ler­wei­se nicht er­zie­len wür­de“, hat der ehe­ma­li­ge Hand­ball-Na­tio­nal­spie­ler und Bot­schaf­ter der Welt­meis­ter­schaft 2019 erst vor zwei Wo­chen im In­ter­view mit dem Ta­ges­spie­gel ge­sagt. Nun hat Kretz­sch­mar wie­der ein paar Sät­ze raus­ge­hau­en, die zu ei­nem gro­ßen Echo ge­führt ha­ben.

Es ging ihm im In­ter­view mit dem In­ter­net­por­tal t-on­li­ne.de zu­nächst um den Pro­fi­sport­ler von heu­te, der sich nach Kretz­sch­mars Da­für­hal­ten zu sel­ten in ge­sell­schaft­li­che oder po­li­ti­sche Themen ein­mischt. Sport­ler und ih­re Aus­sa­gen sind in der Tat be­lie­big ge­wor­den. Ein Typ wie Kretz­sch­mar hebt sich da­von an­ge­nehm ab. Nor­ma­ler­wei­se. Al­ler­dings sag­te er nun: „Ei­ne ei­ni­ger­ma­ßen kri­ti­sche, auch ge­sell­schafts- oder re­gie­rungs- kri­ti­sche Mei­nung darf man in die­sem Land nicht sa­gen“, weil es „in Deutschland kei­ne Mei­nungs­frei­heit „im ei­gent­li­chen Sin­ne“ge­be. „Wir müs­sen im­mer mit Re­pres­sa­li­en von un­se­rem Ar­beit­ge­ber oder von Wer­be­part­nern rech­nen“, sag­te Kretz­sch­mar. „Des­we­gen äu­ßert sich heu­te kei­ner mehr kri­tisch.“Es sei denn, es sei die „po­li­ti­sche Main­stream­Mei­nung“. Dar­un­ter ver­steht der 45-Jäh­ri­ge un­ter an­de­rem To­le­ranz für ge­flüch­te­te Men­schen und das Ein­set­zen für ei­ne bunte Ge­sell­schaft.

Dass Kretz­sch­mar mit die­sen Sät­zen über das Ziel hin­aus­ge­schos­sen ist, wird spä­tes­tens bei ei­nem Blick auf die wei­te­ren Ver­tei­ler sei­ner Aus­sa­gen deut­lich. In den so­zia­len Netz­wer­ken hat sich et­wa die AfD Hei­del­berg sei­ner The­sen be­dient und das In­ter­view ge­teilt. Kretz­sch­mar, der sich zu ak­ti­ven Zei­ten die Haa­re grün färb­te und das Image des Hand­ball-Punks be­saß, wird da­mit in ei­ne Ecke ge­stellt, in Ger­ne im Ram­pen­licht. der er wohl be­stimmt nicht ste­hen möch­te. Ge­ra­de in sei­ner Funk­ti­on als Bot­schaf­ter der WM, die der­zeit in Deutschland und Dä­ne­mark statt­fin­det, wird er die­ser Ta­ge ge­nau be­äugt. Als er vor dem Er­öff­nungs­spiel am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag ge­mein­sam mit ehe­ma­li­gen Kol­le­gen den WM-Po­kal in die Are­na am Ber­li­ner Ost­bahn­hof brach­te, gab es lang an­hal­ten­den Ap­plaus für die sport­li­chen Hel­den von einst.

Kretz­sch­mars Aus­füh­run­gen über­ra­schen auch des­halb, weil er in der Hälf­te ei­nes ge­teil­ten Lan­des re­spek­ti­ve ei­ner ge­teil­ten Stadt groß ge­wor­den ist, in der Mei­nungs­frei­heit bes­ten­falls auf dem Pa­pier exis­tier­te. Der spä­te­re Welt­klas­seLinks­au­ßen kam 1973 in Leip­zig zur Welt, drei Jah­re vor der Aus­bür­ge­rung des Lie­der­ma­chers Wolf Bier­mann und knapp 15 Jah­re be­vor die fried­li­che Re­vo­lu­ti­on von Leip­zig aus ih­ren Lauf nahm. Spä­ter zog die Fa­mi­lie nach Ber­lin um: Va­ter Pe­ter ar­bei­te­te als Trai­ner der Hand­ball-Na­tio­nal­mann­schaft der Frau­en, Mut­ter Wal­traud ge­hör­te zum Team und über­haupt zu den größ­ten Spie­le­rin­nen ih­rer Zeit, bei­de ver­star­ben im ver­gan­ge­nen Jahr. Die Fa­mi­lie Kretz­sch­mar – sie war ei­ne gro­ße Num­mer in der DDR.

In sei­ner ers­ten Bio­gra­fie, die vor zehn Jah­ren er­schie­nen ist und den Ti­tel „An­ders als er­war­tet“trägt, liest man Kretz­sch­mars So­zia­li­sa­ti­on in fast je­der Zei­le her­aus. An ei­ni­gen Stel­len glo­ri­fi­ziert er den Ar­bei­ter- und Bau­ern­staat re­gel­recht. Kürz­lich hat Kretz­sch­mar nun ein neu­es Buch ge­schrie­ben: In „Höl­le­lu­ja“spricht ein deut­lich re­flek­tier­te­rer Mensch über sei­ne Kar­rie­re und das Er­leb­te. Kretz­sch­mar, so scheint es beim Le­sen des Bu­ches, ist sehr viel er­wach­se­ner und rei­fer ge­wor­den. Hof­fent­lich täuscht die­ser Ein­druck an­ge­sichts sei­ner jüngs­ten Wort­mel­dun­gen nicht.

Fo­to: Cars­ten­sen/dpa

Ste­fan Kretz­sch­mar kennt die Kraft der Wor­te.

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