Auf Ku­schel­kurs mit dem Feind

Bes­te Ab­sich­ten, kon­fu­ser Film: „Fah­ren­heit 11/9“, Micha­el Moo­res Abrech­nung mit US-Prä­si­dent Trump

Der Tagesspiegel - - KULTUR - Von Andre­as Bu­sche

Micha­el Moore hat sich über die Jah­re ei­ne Men­ge Feinde ge­macht. Und ei­ni­ge Fans, auf die er durch­aus ver­zich­ten könn­te. Zu de­nen ge­hör­te auch mal Do­nald Trump. „Ich mag ,Ro­ger & Me’“, sag­te Trump En­de der Neun­zi­ger über Moo­res De­büt­film von 1989, der jetzt auch schon wie­der 30 Jah­re zu­rück­liegt. Und lach­te: „Ich hof­fe, er wird nie ei­nen Film über mich ma­chen“. Das hät­te sich Moore si­cher auch ge­wünscht. Aber wie das Le­ben spielt: Man trifft sich im­mer zwei­mal.

Der Fern­sehaus­schnitt fin­det ei­nen pro­mi­nen­ten Platz in „Fah­ren­heit 11/9“, des­sen An­kunft in den deut­schen Ki­nos et­was un­zei­tig an­mu­tet. Der Film war Moo­res Bei­trag zu den Mid­term-Wah­len im No­vem­ber, er woll­te noch ein­mal Wäh­ler mo­bi­li­sie­ren. Wenn es den De­mo­kra­ten nicht ge­län­ge, den Kon­gress zu­rück­zu­er­obern, ver­kün­de­te er da­mals auf sei­ner PR-Tour, stün­de Ame­ri­ka ei­ne düs­te­re Zu­kunft be­vor. Der Coup ge­lang be­kannt­lich, ei­gent­lich hat­te sich sein An­lie­gen da­mit er­le­digt. 2004 war Moore mit dem in Can­nes aus­ge­zeich­ne­ten „Fah­ren­heit 9/11“noch mit sei­nem Pro­jekt ge­schei­tert, den Irak-Krie­ger Bush aus dem Wei­ßen Haus zu ja­gen.

Auch „Fah­ren­heit 11/9“zielt nicht pri­mär auf ein eu­ro­päi­sches Pu­bli­kum ab. Dass der Film trotz­dem noch in den deut­schen Ki­nos star­tet, hat nicht zu­letzt mit Micha­el Moo­res hier­zu­lan­de an­hal­ten­der Po­pu­la­ri­tät als auf­rech­ter Lin­ker zu tun. Zwi­schen­zei­tig war man sei­ner schon ein we­nig über­drüs­sig ge­wor­den. Moo­res Hemds­är­me­lig­keit und sein Hang zur ver­kürz­ten Ana­ly­se in Ver­bin­dung mit teils lus­ti­gen, teils selbst­ver­lieb­ten Strei­chen wa­ren in den Fil­men „Sicko“(2007) über das US-Ge­sund­heits­sys­tem, „Ca­pi­ta­lism: A Lo­ve Sto­ry“(2009) und der Europe-Elo­ge „Whe­re to In­va­de Next“(2015) zur Ma­sche ver­kom­men. Doch wie so vie­le Me­di­en­prot­ago­nis­ten pro­fi­tier­te auch Moore vom Auf­stieg Trumps.

Micha­el Moore warn­te frü­her als al­le an­de­ren pun­dits, den zahl­lo­sen Polit-Ex­per­ten, die in den ein­schlä­gi­gen Talk­shows von CNN bis MSNBC beim Wahl­kampf 2016 in sich dra­ma­tisch mul­ti­pli­zie­ren­den Split­screens um die Mei­nungs­ho­heit ran­gen, vor ei­nem künf­ti­gen Prä­si­den­ten Do­nald Trump. Im Fernsehen pro­fi­lier­te er sich mehr als zu­letzt mit sei­nen Fil­men als struk­tu­rier­ter, un­po­le­mi­scher Er­klä­rer der US-Po­li­tik. Und als ein­fühl­sa­mer Ver­ste­her der klei­nen Leu­te im geo­gra­fi­schen Zen­trum Ame­ri­kas, die sich frus­triert vom eli­tä­ren Po­lit­be­trieb ab­ge­wandt hat­ten.

Moo­res Ana­ly­sen wa­ren Bal­sam auf die ge­schun­de­nen See­len der ein­fa­chen Ame­ri­ka­ne­rin­nen und Ame­ri­ka­ner, die – die­se stei­le The­se be­legt der Film mit Zahlen – im Her­zen im­mer schon li­be­ral ge­we­sen sei­en. Nur ein­mal bei den letz­ten sie­ben Prä­si­dent­schafts­wah­len ging die Mehr­heit der Stim­men an ei­nen Re­pu­bli­ka­ner. Der Ti­tel „Fah­ren­heit 11/9“ist ei­ne An­spie­lung auf sei­nen be­kann­tes­ten Film: In der Nacht des 9. No­vem­ber 2016 ver­kün­de­ten die Nach­rich­ten­sen­der den Sieg Trumps. „How the fuck did this hap­pen?“, fragt Moore noch im­mer ent­geis­tert.

„Fah­ren­heit 11/9“be­schreibt die­ses Phä­no­men sehr poin­tiert, der Fil­me­ma­cher nimmt sich selbst von der Kri­tik nicht aus. Auch er ist als Mit­glied der Me­di­en­öf­fent­lich­keit, die von Trumps Es­ka­pa­den gut lebt, Teil des Pro­blems. Ste­ve Ban­non ver­dien­te in sei­nem frü­he­ren Le­ben als Film­pro­du­zent Geld mit Moore, der in gar nicht mal so al­ten Auf­nah­men auch von Trumps Wahl­kampf­stra­te­gin Kel­lyan­ne Con­way ge­herzt wird. Das ver­gif­tets­te Lob al­ler­dings er­hielt er von Ja­red Kush­ner: „Micha­el ist gut dar­in, ein Ar­gu­ment zu­sam­men­zu­zur­ren und es für Leu­te leicht ver­dau­lich zu prä­sen­tie­ren“. Auf Ku­schel­kurs mit dem Feind. „Ein bös­ar­ti­ger Nar­zisst hat die Me­di­en zum Nar­ren ge­hal­ten“, kon­sta­tiert Moore in „Fah­ren­heit 11/9“zer­knirscht. Oder in den Wor­ten des da­ma­li­gen CBS-Chefs Les­lie Moon­ves: „Trump mag nicht gut sein für Ame­ri­ka, aber er ist gut für CBS“.

Auch Moon­ves ist längst Ge­schich­te, aus dem Chef­ses­sel ge­fegt von ei­ner Welle von Miss­brauchs­vor­wür­fen. Wie üb­ri­gens so manch an­de­rer Y-Chro­mo­so­men­trä­ger des „Old Boys Club“in den Me­di­en, die sich ge­nüss­lich an der Kan­di­da­tin Hil­la­ry Cl­in­ton ab­ar­bei­te­ten. Zu­vor hat­te man den Wäh­lern schon de­ren „so­zia­lis­ti­schen“Ge­gen­kan­di­da­ten Ber­nie San­ders ma­dig ge­macht. Trump hin­ge­gen hat al­le Stür­me über­lebt.

Moore zieht dar­aus den rich­ti­gen Schluss: Trump ist nicht das Grund­übel der ame­ri­ka­ni­schen Po­li­tik, bloß de­ren Sym­ptom. Das Prä­si­den­ten-Ba­shing er­le­di­gen schon die La­te-Night-Talk­shows in zu­neh­mend er­mü­den­der Mo­no­to­nie. Moore ver­sucht lie­ber zu er­klä­ren, wie so ein Prä­si­dent über­haupt mög­lich wur­de.

Dass er aus­ge­rech­net Ame­ri­kas Schwie­ger­sohn Nr.1, Ja­red Kush­ner, als Kron­zeu­gen vor­führt, ent­behrt nicht ei­ner ge­wis­sen Iro­nie – in dop­pel­ter Hin­sicht. Denn „Fah­ren­heit 11/9“ist bei al­len gu­ten Ab­sich­ten ein kon­fu­ser Film, der sei­ne Ar­gu­men­te sel­ten strin­gent zu En­de führt, sich manch­mal un­nö­tig lan­ge auf Ne­ben­schau­plät­zen auf­hält oder sich in in­di­vi­du­el­len Schick­sa­len ver­liert. „Zu­sam­men­ge­zurrt“be­schreibt die­ses Kon­vo­lut an gu­ten und gut ge­mein­ten Ideen ganz tref­fend. Ei­ne durch­dach­te Dra­ma­tur­gie wä­re ziel­füh­ren­der ge­we­sen.

Den­noch ist Micha­el Moore als Kom­men­ta­tor un­schätz­bar wert­voll, weil er – im Ge­gen­satz zu den Po­lit­ex­per­ten in den Küs­ten­me­tro­po­len – tat­säch­lich noch aus dem heart­land auf Ame­ri­ka blickt. Sei­ne Hei­mat­stadt Fl­int im Bun­des­staat Mi­chi­gan, der im No­vem­ber an die Re­pu­bli­ka­ner ging, dient in fast al- len sei­nen Pro­duk­tio­nen als Seis­mo­graf für die pre­kä­re Ar­bei­ter­klas­se. In sei­nem Erst­ling „Ro­ger & Me“zog er ge­gen den Ge­ne­ral-Mo­tors-Boss Ro­ger Smith in den Kampf, der 30000 Ar­beits­plät­ze von Fl­int nach Me­xi­ko ver­le­gen woll­te. Jah­re vor sei­ner Kri­tik an Bill Cl­in­tons Nafta-Po­li­tik ahn­te Moore da nicht ein­mal, als wie pro­phe­tisch sich sein Film er­wei­sen wür­de.

Im über­zeu­gends­ten Seg­ment von „Fah­ren­heit 11/9“er­in­nert er an die so­ge­nann­te Was­ser­kri­se in Fl­int 2014, die in Hil­la­ry Cl­in­tons Wahl­kampf zum zen­tra­len The­ma wur­de. Moore be­haup­tet, Trump ha­be sich Mi­chi­gans Gou­ver­neur Rick Sny­der zum Vorbild ge­nom­men. Sny­der hat­te die Pri­va­ti­sie­rung der Ver­wal­tung vor­an­ge­trie­ben und kapp­te im Zu­ge des­sen auch die Frisch­was­ser­zu­fuhr Fl­ints. Die Be­völ­ke­rung wur­de über Mo­na­te mit dem blei­hal­ti­gen Brack­was­ser der lo­ka­len Au­to­in­dus­trie ver­sorgt.

Als nach fast zwei Jah­ren Ba­rack Oba­ma in Fl­int me­di­en­wirk­sam an ei­nem Glas Lei­tungs­was­ser nipp­te – statt den Not­stand aus­zu­ru­fen – , ha­be die Po­li­tik ih­ren Kre­dit end­gül­tig ver­spielt. „Oba­ma kam als mein Prä­si­dent“, er­zählt ei­ne Afro­ame­ri­ka­ne­rin, „als er uns ver­ließ, war er es nicht mehr.“Moore nennt die Ver­gif­tung der Be­völ­ke­rung ei­ne „eth­ni­sche Säu­be­rung“: In Fl­int le­ben über­wie­gend Schwar­ze. Sny­der wird wohl un­ge­scho­ren da­von kom­men. Wie ver­mut­lich auch Trump. Wer die ei­ge­ne Be­völ­ke­rung der­art skru­pel­los im Stich lässt, so Moore, dür­fe sich nicht wun­dern, wenn die Men­schen ir­gend­wann den Glau­ben an die De­mo­kra­tie ver­lie­ren. Die 100 Mil­lio­nen Nicht­wäh­ler nennt er die stärks­te Par­tei in Ame­ri­ka.

Auch des­we­gen ver­bringt er viel Zeit mit Alex­an­dria Oca­sio-Cor­tez, dem Shoo­ting Star der de­mo­kra­ti­schen Par­tei, mit den Über­le­ben­den des Par­k­land-Schul­mas­sa­kers, die für här­te­re Waf­fen­ge­set­ze de­mons­trie­ren, und den Leh­re­rin­nen und Leh­rern in West-Vir­gi­nia, die ei­ne lan­des­wei­te Pro­test­ak­ti­on für die Stär­kung ih­rer Rech­te in­iti­iert ha­ben. Moore ho­fiert, wie Ber­nie San­ders, de­man­de­ren „An­gry Whi­te Man“der ame­ri­ka­ni­schen Lin­ken, die Mill­en­ni­als, de­ren Zu­kunft auf dem Spiel steht. Er war schon im­mer mehr Gras­wur­zel­ak­ti­vist als Do­ku­men­tar­fil­mer.

Denn sei­ne po­pu­lis­ti­schen St­unts sind dem 64-Jäh­ri­gen wohl nicht mehr aus­zu­trei­ben, ob er nun Rick Sny­der mit Hil­fe der Feuerwehr des­sen ei­ge­nes Was­ser in den Gar­ten pumpt oder im Schluss­plä­doy­er Trump mit Hit­ler ver­gleicht. Wohl­wis­send, wie ten­den­zi­ös sei­ne Me­tho­de ist, hakt er al­le Dik­ta­to­ren-Eigenschaften für Trump ab, zieht in der Ma­nier rech­ter Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker so­gar ei­ne Par­al­le­le von 9/ 11 zum Reichs­tags­brand.

An­de­rer­seits: Ha­ben wir tat­säch­lich schon wie­der den Fehl­alarm über Ha­waii vor ei­ni­gen Mo­na­ten ver­ges­sen, als Ame­ri­ka sich zwei Mi­nu­ten lang im Kriegs­zu­stand wähn­te? Moore nicht. Die Fra­ge, ob der Prä­si­dent ge­fähr­lich ist oder nur ein irr­lich­tern­der Nar­zisst, be­ant­wor­tet er un­miss­ver­ständ­lich: Bis­her ha­be Trump noch je­de sei­ner ver­meint­lich scherz­haf­ten Dro­hun­gen wahr ge­macht. Für sein Ver­spre­chen ei­ner me­xi­ka­ni­schen Grenz­mau­er lässt das nichts Gu­tes er­ah­nen.

Trump ist bloß das Sym­ptom, nicht das Grund­übel der US-Po­li­tik

— Ab Don­ners­tag in den Ki­nos

Fo­to: Mid­wes­t­ern Films LLC

Prä­si­dent als Nacht­ge­stalt. Das Em­pi­re Sta­te Buil­ding mit Trump-Pro­jek­ti­on. Micha­el Moore warn­te schon früh da­vor, den Mann zu un­ter­schät­zen.

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