Ro­tes Herz, roter Back­stein

Zum 100. To­des­tag von Lu­xem­burg und Lieb­knecht: ei­ne Er­in­ne­rung an das Re­vo­lu­ti­ons­denk­mal von Mies van der Ro­he

Der Tagesspiegel - - KULTUR - The­re­se Maus­bach

Nur ei­ne Bron­ze­ta­fel er­in­nert auf dem Zen­tral­fried­hof Fried­richs­fel­de noch an das statt­li­che, aus ku­bi­schen Baustein­qua­dern be­ste­hen­de Re­vo­lu­ti­ons­denk­mal von Mies van der Ro­he. Einst er­in­ner­te es an die Er­mor­dung von Karl Lieb­knecht, Ro­sa Lu­xem­burg und ih­ren Mit­strei­tern am 15. Ja­nu­ar 1919. Ein Da­tum, dem am gest­ri­gen Sonn­tag wie je­des Jahr der tra­di­tio­nel­le Ge­denk­marsch der mit ro­ten Nel­ken be­wehr­ten So­zia­lis­ten ge­wid­met war.

1935 lie­ßen die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten das Denk­mal ab­tra­gen und eb­ne­ten die Grä­ber der kom­mu­nis­ti­schen Hel­den auf dem Zen­tral­fried­hof Fried­richs­fel­de ein. Von Be­ginn an war die Ge­denk­stät­te po­li­tisch um­kämpft. 100 000 Men­schen ver­ab­schie­de­ten sich im Ja­nu­ar 1919 von den 32 er­mor­de­ten Re­vo­lu­ti­ons­op­fern, dar­un­ter Karl Lieb­knecht und ein lee­rer Sarg für die ver­miss­te Ro­sa Lu­xem­burg.

Scharf kon­trol­lier­ten der Ber­li­ner Ma­gis­trat und der Rat der Volks­be­auf­trag­ten un­ter Fried­rich Ebert die Ak­ti­vi­tä­ten der KPD, die sich mit der ab­ge­le­ge­nen Ru­he­stät­te am nörd­lichs­ten En­de des ein Ki­lo­me­ter lan­gen Land­schafts­fried­hofs zu­frie­den ge­ben muss­te.

Lu­xem­burgs ver­spä­te­te Bei­set­zung am 13. Ju­ni 1919 ver­an­lass­te die Par­tei­an­hän­ger zu zwei Ge­denk­ver­an­stal­tun­gen im Jahr. Da die Po­li­tik Trau­er­de­mons­tra­tio­nen zur ent­le­ge­nen Gr­ab­stät­te ver­hin­der­te, ver­sam­mel­ten sich die zahl­rei­chen Sym­pa­thi­san­ten aus ganz Deutschland im Ber­li­ner Zen­trum. Stell­ver­tre­tend leg­ten klei­ne Par­tei­ge­sandt­schaf­ten Krän­ze in Fried­richs­fel­de nie­der. Zur fünf­ten Trau­er­fei­er im Ju­ni 1924 be­rich­tet die Par­tei­zeit­schrift „Die Ro­te Fah­ne“öf­fent­lich von der Grund­stein­le­gung, bei wel­cher der Über­le­ben­de des Ja­nu­ar­auf­stands Wil­helm Pieck die Er­in­ne­rungs­ar­chi­tek­tur „zur Er­fül­lung re­vo­lu­tio­nä­rer Pflich­ten ge­gen­über Ge­fal­le­nen und Zu­künf­ti­gen“an­kün­digt, de­ren Ent­wurf das KPD-Denk­mal­ko­mi­tee erst ein Jahr spä­ter vor­stell­te. Ei­ne Mau­er soll­te sym­bo­li­sie­ren „wie vie­le un­se­rer Ge­nos­sen von der Bour­geoi­sie zur Er­mor­dung an die Mau­er ge­stellt wur­den“, so Pieck.

Als Er­gän­zung dien­ten Bron­ze­ta­feln, Feu­er­be­cken und ei­ne Skulp­tur des fran­zö­si­schen Bild­hau­ers Au­gus­te Ro­din von 1883, die in ih­rer schrei­en­den Häss­lich­keit ein schmerz­vol­les Pen­dant zur Gol­delse bil­det. Die Plas­tik ge­hör­te dem Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Edu­ard Fuchs. Der Kunst­mä­zen be­wohn­te ein von Lud­wig Mies van der Ro­he ent­wor­fe­nes Pri­vat­haus in Zeh­len­dorf. Der Le­gen­de nach zeig­te Fuchs Mies die Idee, die der Ar­chi­tekt als „herr­li­ches Denk­mal für ei­nen Ban­kier“la­chend kom­men­tier­te und selbst den Auf­trag er­hielt.

Das Re­vo­lu­ti­ons­denk­mal von Mies van der Ro­he wur­de am 13. Ju­ni 1926 ent­hüllt, der Zeit­punkt sei­nes ar­chi­tek­to­ni­schen Wen­de­punkts: „Es war ein Jahr des gro­ßen Ge­wahr­wer­dens, oder des be­wuss­ten Er­ken­nens.“Die Zeit war reif für sei­ne mo­der­nen Ar­chi­tek­tur­ge­dan­ken, die er bis­her nur theo­re­tisch in Zeich­nun­gen und Schrif­ten fest­hielt. Bis da­to blie­ben rea­le Auf­trä­ge dem tra­di­tio­nel­len Stil ver­haf­tet.

Trotz al­ler ra­di­ka­ler Ve­rän­de­run­gen, wie der Ein­satz von in­dus­tri­el­len Bau­ma­te­ria­li­en, hielt Mies dem kon­ven­tio­nel­len Mo­nu­men­tal.

Mies van der Ro­hes ein­zi­ge Ge­denk­skulp­tur wur­de 1926 ein­ge­weiht und knapp zehn Jah­re spä­ter von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zer­stört. Back­stein die Treue: „Wie geist­voll ist schon das klei­ne, hand­li­che, für je­den Zweck brauch­ba­re For­mat. Wel­che Lo­gik zeigt sein Ver­bands­ge­fü­ge. Wel­che Le­ben­dig­keit sein Fu­gen­spiel. Wel­chen Reich­tum be­sitzt noch die ein­fachs­te Wand­flä­che.“Ra­tio­nal lös­te er mit dem Back­stein­qua­der als kleins­te ar­chi­tek­to­ni­sche Ein­heit Bau­auf­ga­ben.

Sein Ent­wurf zu ei­nem Land­haus aus Back­stein von 1923/24 kün­dig­te das Haus Wolf in Gu­ben und das Re­vo­lu­ti­ons­denk­mal als sei­ne ers­ten ku­bi­schen Bau­wer­ke an. Sei­ne Ent­wurfs­zeich­nung sieht die In­schrift „Ich war Ich bin Ich wer­de sein. Den to­ten Hel­den der Re­vo­lu­ti­on“für das Denk­mal vor, das sich als sechs Me­ter ho­he, zwölf Me­ter brei­te und vier Me­ter tie­fe Exe­ku­ti­ons­mau­er hin­ter den Hel­den­grä­bern mah­nend er­hebt.

Die ein­zel­nen Back­stei­ne lö­sen sich in ver­grö­ßer­ten zu­ein­an­der ver­setzt an­ge­ord­ne­ten Klin­ker­mo­du­len auf, rechts er­gänzt durch ei­nen Fah­nen­mast so­wie ei­nen stäh­ler­nen So­wjet­stern mit Ham­mer und Si­chel vom Bild­hau­er Her­bert Gar­be. An ei­nem Stahl­ge­rüst kon­stru­iert fü­gen sich die Klin­ker­mo­du­le zu ei­ner asym­me­tri­schen Wand­for­ma­ti­on zu­sam­men.

Zeit­los und klar ver­weist die rhyth­misch struk­tu­rier­te Skult­pur in ex­pres­sio­nis­ti­schem Back­stein auf die geis­ti­gen We­sens­zü­ge je­ner so­li­da­ri­schen Ge­mein­schaft, die Ro­sa Lu­xem­burg und Karl Lieb­knecht vor­schweb­te. Es soll­te das ein­zi­ge je von Mies van der Ro­he ge­bau­te Denk­mal blei­ben.

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