Jetzt re­den die Op­fer

Me­Too im Pop: die US-Do­ku über R. Kelly

Der Tagesspiegel - - KULTUR - Inga Bart­hels

Es sind ver­stö­ren­de sechs St­un­den Fernsehen, die der­zeit in den USA für Auf­se­hen sor­gen. In der Do­ku-Se­rie „Sur­vi­ving R. Kelly“, aus­ge­strahlt auf dem Sen­der Li­fe­time, be­rich­ten meh­re­re Frau­en von ih­ren Er­fah­run­gen mit dem R’n’B-Sän­ger. Dar­un­ter auch sei­ne Ex-Frau Andrea, die drei­zehn Jah­re lang mit Kelly ver­hei­ra­tet war und drei Kin­der mit ihm hat. Die Frau­en er­zäh­len von kör­per­li­cher und emo­tio­na­ler Miss­hand­lung, von de­mü­ti­gen­den se­xu­el­len Hand­lun­gen.

Fast al­le von ihnen wa­ren Teen­ager, als sie Kelly ken­nen­lern­ten, vie­le noch min­der­jäh­rig. Oft ha­be der Sän­ger den Mäd­chen ei­ne Kar­rie­re im Show­ge­schäft ver­spro­chen, um sie dann nach und nach zu iso­lie­ren und stren­gen Re­geln zu un­ter­wer­fen. Die Frau­en be­rich­ten, dass sie Kelly stets „Dad­dy“nen­nen soll­ten, nicht mit an­de­ren Men­schen spre­chen durf­ten und um Er­laub­nis fra­gen muss­ten, wenn sie es­sen oder die Toi­let­te be­nut­zen woll­ten. Kelly selbst be­strei­tet sämt­li­che An­schul­di­gun­gen und will ge­gen die Ma­cher der Do­ku ju­ris­tisch vor­ge­hen.

In Deutschland ist die Se­rie vom 18. bis 20. Mai auf dem Sen­der A & E zu se­hen. Ne­ben den be­trof­fe­nen Frau­en kom­men dort auch die Me­Too-Grün­de­rin Ta­ra­na Bur­ke und der Sän­ger John Le­gend zu Wort. Die Pro­du­zen­tin Dream Hamp­ton er­zähl­te, dass sie vie­le Prominente an­ge­fragt hat, bei der Do­ku mit­zu­wir­ken – Le­gend sei der ein­zi­ge ge­we­sen, der zu­sag­te.

Da­bei sind die Vor­wür­fe ge­gen R. Kelly schon lan­ge be­kannt. Be­reits 1994 hei­ra­te­te der da­mals 27-Jäh­ri­ge die 15-jäh­ri­ge Sän­ge­rin Aa­liyah in ei­ner ge­hei­men Ze­re­mo­nie in Chi­ca­go. Die Ehe wur­de spä­ter für un­gül­tig er­klärt. Seit­dem wur­de Kelly im­mer wie­der von jun­gen Frau­en ver­klagt, mit de­nen er sich au­ßer­ge­richt­lich ei­nig­te. 2002 folg­te die Ver­haf­tung für Kin­der­por­no­gra­fie, nach­dem ein Vi­deo auf­tauch­te, das den Sän­ger an­geb­lich beim Sex mit ei­ner 14-Jäh­ri­gen zeigt. Sechs Jah­re spä­ter wur­de er frei­ge­spro­chen, da Kelly und das be­trof­fe­ne Mäd­chen aus­sag­ten, nicht die Personen auf dem Vi­deo zu sein. Ge­scha­det ha­ben die An­schul­di­gun­gen Kel­lys Kar­rie­re nie. 1998 er­reich­te sie mit dem Welt­hit „I Be­lie­ve I Can Fly“ih­ren Hö­he­punkt, vier Jah­re nach­dem die il­le­ga­le Hoch­zeit mit Aa­liyah an die Öf­fent­lich­keit ge­langt war. 2002 trat R. Kelly so­gar bei der Er­öff­nung der Olym­pi­schen Win­ter­spie­le in Salt La­ke Ci­ty auf, wäh­rend die Staats­an­walt­schaft in Chi­ca­go die An­kla­ge we­gen Kin­der­por­no­gra­fie vor­be­rei­te­te.

In dem Fall las­sen sich vie­le di­rek­te Par­al­le­len zu Har­vey Wein­stein zie­hen, von den jah­re­lan­gen Zah­lun­gen ho­her Sum­men an Frau­en, da­mit sie schwei­gen, über ein Team, das den sys­te­ma­ti­schen Miss­brauch un­ter­stützt, bis zur ge­sam­ten Musik- be­zie­hungs­wei­se Film­in­dus­trie, die die Vor­wür­fe igno­riert. Doch die Do­ku­men­ta­ti­on macht auch den Un­ter­schied zu Wein­stein deut­lich. Zu Wein­steins Op­fer zäh­len auch prominente Frau­en, bei R. Kel­lys Op­fern han­delt es sich um jun­ge Frau­en und Mäd­chen of Co­lour, die oft aus ar­men Ver­hält­nis­sen stam­men. Ei­ne dis­kri­mi­nier­te Min­der­heit oh­ne Platt­form, de­nen oft die Glaub­wür­dig­keit ab­ge­spro­chen wird. Ei­ner der Ju­ro­ren in Kel­lys Ge­richts­ver­fah­ren sagt vor der Ka­me­ra aus, er ha­be den Frau­en auf dem Zeu­gen­stand nicht ge­glaubt, weil er nicht moch­te, wie sie aus­sa­hen und re­de­ten. Der letz­te Teil der Se­rie trägt denn auch den Ti­tel „Black Girls Mat­ter“.

Mit der Mi­ni­se­rie und im Zu­ge der Me­Too- und Ti­me’s Up-Be­we­gun­gen fin­den Kel­lys Op­fer nun end­lich Ge­hör. Staats­an­walt­schaf­ten in meh­re­ren Bun­des­staa­ten wol­len Er­mitt­lun­gen auf­neh­men, Stars wie Lady Ga­ga und Chan­ce the Rap­per ent­schul­di­gen sich für ih­re Zu­sam­men­ar­beit mit Kelly, Strea­m­ing­diens­te be­wer­ben sei­ne Musik nicht mehr. Auch wächst der Druck auf Kel­lys La­bel RCA, sich von dem Sän­ger zu tren­nen. Die Zeit scheint um zu sein für R. Kelly. Es hat mehr als 20 Jah­re ge­dau­ert.

Fo­to: Scott Ol­son/AFP

Auf­ruf zum Boy­kott. Vor dem Stu­dio des Sän­gers, nach der Aus­strah­lung der Mi­ni-Se­rie „Sur­vi­ving R. Kelly“.

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