Mü­ßig­gang und Irr­sinn

Alon­dra de la Par­ra am Pult des RSB

Der Tagesspiegel - - KULTUR -

AmEn­de­tobt der Saal, Pfif­fe, Ru­fe, Fuß­ge­tram­pel. Kein Zwei­fel, das Pu­bli­kum im aus­ver­kauf­ten Ber­li­ner Kon­zert­haus liebt die me­xi­ka­ni­sche Di­ri­gen­tin Alon­dra de la Par­ra: die Frei­heit, mit der sie ih­re lin­ke Hand be­wegt, ihr Pro­gramm mit Wer­ken von Ra­vel, Korn­gold und Mil­haud, die coo­le Kon­trol­le über das Rund­funk-Sin­fo­nie­or­ches­ter Ber­lin in Größt­for­ma­ti­on, die smar­ten Hüft­be­we­gun­gen beim Di­ri­gie­ren, die an die Art Leo­nard Bern­steins er­in­nern, das ver­bind­li­che Lä­cheln bei ih­ren Ver­beu­gun­gen.

Vi­el­leicht mö­gen die Zu­hö­ren­den auch das Pail­let­ten­glit­zern der schwar­zen Tu­ni­ka von de la Par­ra. Wer sie an­schaut, wird buch­stäb­lich ge­blen­det. Und wer an ihr vor­bei­schaut, ver­fehlt We­sent­li­ches, schließ­lich steht im Zen­trum des Sym­pho­nie­kon­zerts, auch dar­an lässt die­ser Abend den­ken, die Per­son am Pult. Im­mer­hat das Di­ri­gie­ren et­was von Schlan­gen­be­schwö­rung, Zir­kus und Domp­teu­ren­tum, im­mer macht es sicht­bar, was zu hö­ren ist und zu hö­ren sein soll. Al­les das er­le­digt die 1980 ge­bo­re­ne de la Par­ra, die ge­gen­wär­tig Chefin des Queens­land Sym­pho­ny Orches­tra und zum wie­der­hol­ten Ma­le beim RSB zu Gast ist, mit ge­las­se­ner Meis­ter­schaft.

Un­ter­des­sen braucht die­ser Kon­zert­abend Zeit, um aus den Pu­schen zu kom­men. Ob es Stra­te­gie ist, dem Ap­peal der Par­ti­tu­ren, die we­nig gei­zen mit raf­fi­nier­ter Rhyth­mik und Tim­brie­rung und aus­ge­las­se­nen Laut­stär­ken, nicht so­fort nach­zu­ge­ben? Mau­rice Ra­vels „Rh­ap­so­die es­pa­gn­o­le“zu­min­dest, ein Sei­ten­blick des fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten auf das be­nach­bar­te Mu­sik­land, be­ginnt zäh, mit ei­nem „Pré­lude à la nuit“, das vor lau­ter Ver­hal­ten­heit nicht ein­mal den An­schein des An­he­bens von Musik er­weckt, trotz scharf­kan­ti­ger Wort­mel­dun­gen der Kla­ri­net­ten, trotz (oder we­gen) größ­ter Kon­trol­le durch de la Par­ra.

Selbst die „Ha­ba­ne­ra“er­klingt wie mit an­ge­zo­ge­ner Hand­brem­se, erst die „Fe­ria“gerät lo­cke­rer. Mit Erich Wolf­gang Korn­golds Vio­lin­kon­zert D-Dur, des­sen So­lo­par­tie Ara­bel­la St­ein­ba­cher mit dich­ter, ge­ra­de­zu un­ab­ge­setz­ter Bo­gen­füh­rung über­nimmt (spä­ter gibt sie ei­ne vir­tuo­se Kreis­ler-Zu­ga­be) wärmt man sich wei­ter auf – all­mäh­lich; noch der Mit­tel­satz „Ro­mance“droht an sei­ner Schön­heit und Be­däch­tig­keit zu er­sti­cken.

Alon­dra de la Par­ra

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