Hub­schrau­ber­lan­de­platz für die Kanz­le­rin

Der Bund plant ein neu­es Ver­wal­tungs­ge­bäu­de für das Kanz­ler­amt, für 640 Mil­lio­nen Eu­ro. Ab­seh­bar ist: Es wird viel teu­rer

Der Tagesspiegel - - BERLIN - Von Ralf Schön­ball

Ein Vier­tel­jahr­hun­dert hat es ge­dau­ert. Jetzt will die Re­gie­rung es wei­ter knüp­fen, das Band des Bun­des im Re­gie­rungs­vier­tel: Das Kanz­ler­amt be­kommt im Wes­ten jen­seits der Spree ein neu­es Bü­ro­haus mit Hub­schrau­ber­lan­de­platz. Die Ar­chi­tek­ten Axel Schul­tes und Char­lot­te Frank hat­ten den Ent­wurf in den 1990er Jah­ren ge­zeich­net und da­mit den Rea­li­sie­rungs­wett­be­werb ge­won­nen – so wie zu­vor den Mas­ter­plan für das Quar­tier. Dass au­ßer­dem noch das Bür­ger­fo­rum vor der „Wasch­ma­schi­ne“kommt, wie man­che das Kanz­ler­amt nen­nen, das wer­de er wohl nicht mehr er­le­ben, sagt Schulz: „Die Hoff­nung ha­be ich mit 75 Jah­ren auf­ge­ge­ben – aber Frau Frank vi­el­leicht, die ist 15 Jah­re jün­ger.“

Das Band des Bun­des ge­hört ne­ben dem Pots­da­mer Platz zu den größ­ten städ­te­bau­li­chen Pro­jek­ten der ers­ten Ber­li­ner Bau­wel­le nach dem Fall der Mau­er. Doch an­ders als beim von Daim­ler er­rich­te­ten Quar­tier, ver­lor der Bund recht bald nach dem Bau des Kanz­ler­am­tes und der Bü­ro­häu­ser für Ab­ge­ord­ne­te die Lust an dem Pro­jekt. Schul­tes er­klärt da­mit heu­te die teils schar­fe Kri­tik an dem mo­nu­men­ta­len Di­enst­sitz von An­ge­la Mer­kel: Er hät­te den Bau so nicht ge­stal­tet, wenn er ge­wusst hät­te, dass er ein So­li­tär blei­ben wür­de, oh­ne das Bür­ger­fo­rum. Mit der weit über 460 Mil­lio­nen Eu­ro teu­ren Er­wei­te­rung ent­steht bald we­nigs­tens im Wes­ten was Neu­es nach al­ten Plä­nen.

Bald heißt: in frü­hes­tens acht Jah­ren, wes­halb es an­ge­sichts der re­gel­mä­ßi­gen Ver­zö­ge­run­gen bei öf­fent­li­chen Bau­auf­ga­ben nicht völ­lig falsch ist, eher mit ei­nem Jahr­zehnt zu rech­nen. Ähn­li­ches gilt für die ge­nann­ten Bau­kos­ten von 460 Mil­lio­nen Eu­ro: „Die­se Schät­zung be­rück­sich­tigt nicht künf­ti­ge Bau­preis­stei­ge­run­gen“, sagt die Prä­si­den­tin des Bun­des­am­tes für Bau­we­sen und Raum­ord­nung (BBR), Pe­tra Wes­se­ler. Die Bau­prei­se stei- gen zur­zeit ra­sant, bei ei­nem Plus von zwei Pro­zent jähr­lich für die kom­men­den zehn Jah­re so­wie Rück­la­gen für „nicht vor­her­seh­ba­re Er­eig­nis­se im Bau­ab­lauf“, die das BBR aus­drück­lich er­wähnt, darf man ge­trost 100 Mil­lio­nen Eu­ro auf­schla­gen. Doch die Not ist groß im Kanz­ler­amt und zwingt zum Han­deln: Im „Alt­bau“gibt es Ar­beits­plät­ze für 410 Mit­ar­bei­ter. Die sind aber so „zu­sam­men­ge­rückt“und ha­ben auf Be­spre­chungs­räu­me ver­zich­tet, dass heu­te 710 An­ge­stell­te dort Platz ha­ben. Trotz­dem muss­ten wei­te­re 90 Be­am­te ex­tern un­ter­ge­bracht wer­den, teils im Neu­bau des Bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums, teils im Bun­des­pres­se­amt. Das stel­le die „Ar­beits­ab­läu­fe vor Her­aus­for­de­run­gen“, so der Chef des Bun­des­kanz­ler­amts Hel­ge Braun. Der Neu­bau mit 400 wei­te­ren Ar­beits­plät­zen wer­de die­se Pro­ble­me lö­sen.

Der bo­gen­för­mi­ge Neu­bau ent­steht im „Kanz­ler­park“im Tier­gar­ten. Zwei dop­pel­stö­cki­ge 90 Me­ter lan­ge Brü­cken, ei­ne da­von steht schon, sol­len sich über die Spree span­nen und Bü­ro­haus und Kanz­ler­amt ver­bin­den: mit ei­ner Fahr­spur und ei­nem Fuß­weg oben. Da­zu soll auf ei­nem an­gren­zen­den Grund­stück ein „Post- und Lo­gis­tik­be­reich“kom­men, als Zu­fahrt für Lie­fer­fahr­zeu­ge.

„Die Ar­chi­tek­tur nimmt sich sehr zu­rück, das soll­te man nicht so hoch hän­gen“, sagt Schul­tes zu dem Ent­wurf, es hand­le sich ja nur um ei­nen Ver­wal­tungs­bau. Trotz­dem stellt sich die Fra­ge, war­um das Kanz­ler­amt kei­nen Wett­be­werb zur Rea­li­sie­rung des 500-Mil­lio­nen-Pro­jek­tes aus­lob­te. Weil die­ses Ge­bäu­de „vor­ge­dacht“sei im städ­te­bau­li­chen Wett­be­werb zum Band des Bun­des, den Schul­tes und Frank ge­won­nen hat­ten, sagt BBR-Che­fin Pe­tra Wes­se­ler. Wä­re der Bund ab­ge­wi­chen von die­sen Plä­nen, hät­te er wie­der­um mit Kla­gen zum Ur­he­ber­recht rech­nen müs­sen. Kurz­um, das Vor­ge­hen sei „ju­ris­tisch ge­prüft“.

An­ders als das Kanz­ler­amt wird der Neu­bau nicht durch ei­nen gro­ßen Zaun ge­schützt – da­für aber wie ein Boll­werk auf zwei fens­ter­lo­sen un­te­ren Ge­schos­sen ste­hen, de­ren Be­ton Ex­plo­sio­nen von 20 Ki­lo TNT stand­hält. Wein soll an die­sem Fort hoch­ran­ken und ihm sei­ne Wuch­tig­keit neh­men. Grün wird auch der wei­te In­nen­hof, um den sich das ge­schwun­ge­ne Ver­wal­tungs­ge­bäu­de legt. Licht dringt auch durch die glä­ser­nen Ein­schnit­te in den Bau­kör­per.

Vor der hei­ßen Som­mer­son­ne sol­len La­mel­len schüt­zen, die, an­ders als im Kanz­ler­amt, au­ßen an­lie­gen. Schulz sag­te, das ver­bes­se­re die Dämm­wir­kung. Leh­ren aus den Er­fah­run­gen mit dem „Alt­bau“wol­len die Pla­ner auch bei der Fas­sa­de zie­hen: Kalk­sand­stein soll beim Neu­bau zum Ein­satz kom­men statt Sand­stein, weil die­ser an­fäl­lig für Mi­kro­or­ga- Go West. Das Band des Bun­des der Ar­chi­tek­ten Schul­tes und Frank über­zeug­te vor 25 Jah­ren die Ju­ry und den da­ma­li­gen Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl. Jetzt wird das Band nach Wes­ten ver­län­gert mit ei­nem ge­schwun­gen ge­form­ten Neu­bau für rund 400 An­ge­stell­te des Kanz­ler­am­tes. Zur­zeit sind die­se ver­teilt über an­de­re Bun­des­bau­ten und sit­zen in über­be­leg­ten Bü­ros und Be­spre­chungs­räu­men des Kanz­ler­am­tes. Die run­de Lan­de­flä­che (vor­ne im klei­nen Bild oben) ist für Hub­schrau­ber vor­ge­se­hen. nis­men sei, die sicht­bar wer­den an den dunk­len Strei­fen an der Au­ßen­haut von Mer­kels Di­enst­sitz.

Und wann be­gin­nen die Bau­ar­bei­ten? In vier Jah­ren. „Noch ist die Pla­nung nicht fer­tig“, sag­te BBR-Prä­si­den­tin Wes­se­ler. Da­zu müss­ten nun erst mal Trag­werk­pla­ner und Bau­phy­si­ker, Gut­ach­ter und Ge­ne­ral­pla­ner an­ge­heu­ert wer­den; Vor­aus­set­zung da­für sind Aus­schrei­bun­gen. Da­nach be­ginnt die Ar­beit an der „Ent­wurfs­pla­nung“. Au­ßer­dem müs­sen vie­le Ge­neh­mi­gun­gen ein­ge­holt wer­den, weil Fra­gen des Luft­ver­kehrs we­gen des Hub­schrau­ber­lan­de­plat­zes zu klä­ren sind, zum Bun­des­was­ser­stra­ßen­recht we­gen der ge­plan­ten Brü­cke. Es ste­hen auf­wen­di­ge Si­cher­heits­ab­stim­mun­gen mit den Kri­mi­nal­äm­tern von Bund und Land an. Das Land Ber­lin muss au­ßer­dem Bau­recht schaf­fen. Und au­ßer­dem müs­sen die Plä­ne durch den Haus­halts­aus­schuss, auch das kos­tet Zeit.

Ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit pri­va­ten Bau­fir­men, ein Pu­blic-Pri­va­te-Part­nership, sei we­gen der er­höh­ten Si­cher­heits­an­for­de­run­gen nicht in­fra­ge ge­kom­men. Im Re­gie­rungs­vier­tel ringt das BBR schon mit der Er­wei­te­rung des Eli­sa­beth-Lü­ders-Hau­ses, die Zeit- und Kos­ten­bud­gets sprengt. Dass man mit ei­ner wei­te­ren Auf­ga­be über­for­dert sein könn­te, weist Che­fin Wes­se­ler zu­rück. Man freue sich auf die neue Auf­ga­be.

Si­mu­la­tio­nen (3): Schul­tes Frank Ar­chi­tek­ten; Bild un­ten: Bernd von Ju­trc­zen­ka / dpa

Schö­ne Plä­ne. Die Ar­chi­tek­ten Axel Schul­tes und Char­lot­te Frank zei­gen BBR-Che­fin Pe­tra Wes­se­ler (2. v. r.) und dem Chef des Bun­des­kanz­ler­am­tes Hel­ge Braun (l.) am Mo­dell den Neu­bau.

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