Der Wech­sel ist fäl­lig

Der Tagesspiegel - - VORDERSEITE - Von Jost Mül­ler-Neu­hof

Es hat ge­dau­ert, doch nun dringt ein in im­mer mehr Tren­nungs­fa­mi­li­en ge­leb­tes Mo­dell mit Wucht in die fa­mi­li­en­po­li­ti­sche De­bat­te. Wenn El­tern aus­ein­an­der­ge­hen, sol­len die Kin­der bei bei­den auf­wach­sen kön­nen – und weil sie sich nicht tei­len kön­nen, sol­len sie eben ab­wech­selnd bei Mut­ter und Va­ter woh­nen. Am Mitt­woch be­rät der Bun­des­tag ei­nen Vor­schlag der FDP, das so­ge­nann­te Wech­sel­mo­dell als Re­gel­fall fest­zu­schrei­ben, in be­wuss­ter Ab­kehr vom prak­tisch häu­figs­ten „Re­si­denz­mo­dell“mit ei­nem Le­bens­mit­tel­punkt bei ei­nem El­tern­teil und Um­gangs­recht für den an­de­ren. Auch im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um wird ge­prüft, ob Re­form­be­darf be­steht.

Doch Re­form von was? Dass Ge­set­ze in der­art schwie­ri­gen Le­bens­si­tua­tio­nen Kon­flik­te nicht lö­sen kön­nen, ist ei­ne Er­fah­rung, die al­le Be­trof­fe­nen tei­len. Es kann nur dar­um ge­hen, die La­ge nicht wei­ter zu ver­schlim­mern. Wenn An­wäl­tin­nen und Rich­ter über For­men des künf­ti­gen Ge­trennt­le­bens ver­han­deln und ent­schei­den müs­sen, ist im Paarz­wist meist ei­ne Es­ka­la­ti­ons­stu­fe er­reicht, bei der die Be­tei­lig­ten ne­ben al­lem Ver­ständ­nis für ihr pri­va­tes Han­deln vor al­lem Mit­ge­fühl ver­die­nen. Am meis­ten die Kin­der. Dass es ge­nug Hil­fe für al­le gibt, dass El­tern er­mu­tigt wer­den, sie zu er­grei­fen, ist viel­leicht das wich­tigs­te An­ge­bot, das Po­li­tik hier be­reit­stel­len kann.

An­sons­ten ist ei­ne ge­wis­se Zu­rück­hal­tung, wie sie die Re­gie­rungs­par­tei­en an den Tag le­gen, kein fal­sches Kon­zept. In den öf­fent­lich ge­führ­ten Dis­kus­sio­nen um Sor­ge und Um­gang kul­mi­nie­ren The­men mit er­höh­tem Wal­lungs­wert, al­len vor­an das der Ge­schlech­ter­rol­len und -ver­hält­nis­se. Voran­pre­schen kann in die Ir­re füh­ren. Als der Re­form­ge­setz­ge­ber vor ei­ni­gen Jah­ren mein­te, Frau­en sei­en mo­dern ge­nug, um nach der Schei­dung schnell für sich al­lein zu sor­gen, ha­ben die Ge­rich­te nach­steu­ern müs­sen. Auch in den auf­ge­klär­tes­ten Paar­be­zie­hun­gen mit ein­ge­schal­te­tem Gleich­heits­tur­bo ver­läuft die Fahrt ab Ge­burt von mehr als ei­nem Kind oft in be­kann­ten Spu­ren. Er Haupt­ver­die­ner, sie Teil­zeit. Er spielt mit den Kin­dern, sie kocht, lernt mit ih­nen, bringt sie zum Arzt, wäscht die Wä­sche. Kein Wun­der, dass sich dar­aus die Ver­hält­nis­se nach der Tren­nung ab­lei­ten: Er be­zahlt, sie be­treut.

Das Mo­dell weist ge­wiss nicht in die Zu­kunft, spie­gelt je­doch ei­ne häu­fi­ge Ge­gen­wart – und die ist es, die der Ge­setz­ge­ber an­ge­mes­sen zu er­fas­sen hat. Zer­strit­te­ne El­tern und ih­re über die Tren­nung oft trau­ri­gen Kin­der auch noch da­mit zu be­las­ten, die ge­sam­te Ge­sell­schaft ge­schlech­ter­ge­recht zu mo­der­ni­sie­ren, über­schrei­tet ih­re Ka­pa­zi­tä­ten.

Gleich­wohl gibt es Re­form­be­darf. Er liegt in der An­er­ken­nung des­sen, dass Vä­ter viel­fach in das Fa­mi­li­en­le­ben vor­drin­gen wie Müt­ter in das Be­rufs­le­ben. Dass sich dies auf Tren­nungs­fra­gen aus­wir­ken muss, hat der Bun­des­ge­richts­hof längst ge­se­hen und ei­nen An­spruch auf das Wech­sel­mo­dell zu­min­dest nicht aus­ge­schlos­sen. Die For­mel vom Kin­des­wohl ist die, die hier al­les ent­schei­det. Für vie­le ist es noch im­mer schwer vor­stell­bar, dass Vä­ter da­zu eben­so viel bei­tra­gen kön­nen wie Müt­ter – nur weil sie vor der Tren­nung als Haupt­ein­kom­mens­be­schaf­fer we­ni­ger Zeit für die Kin­der hat­ten. Aber das lie­ße sich nach ei­ner Tren­nung ja än­dern. Das Wech­sel­mo­dell muss kein neu­es fa­mi­li­en­po­li­ti­sches Leit­bild wer­den; es ge­nügt ein durch­setz­ba­rer An­spruch, je­den­falls dann, wenn das Kin­des­wohl nicht ent­ge­gen­steht.

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