Har­te Vor­wür­fe zur Si­cher­heits­po­li­tik

Be­richt: Re­gie­rung fehlt Wil­le zu in­ter­na­tio­na­len Ein­sät­zen / In vie­len Kon­flik­ten droht ei­ne Ver­schär­fung

Der Tagesspiegel - - VORDERSEITE - Von Chris­toph von Mar­schall

Ber­lin - Die in­ter­na­tio­na­le Ord­nung zer­fällt, warnt Wolf­gang Ischin­ger, der Vor­sit­zen­de der Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz, und es sei un­klar, wer sie noch schüt­zen kön­ne und wol­le. Jetzt müs­se Eu­ro­pa be­wei­sen, dass die Eu­ro­päi­sche Uni­on „wohl­auf ist“und trotz Kri­sen und Br­ex­it „be­reit ist, für ih­re Selbst­be­haup­tung und ih­re In­ter­es­sen zu kämp­fen“.

Von Frei­tag an tref­fen sich 35 Staats­und Re­gie­rungs­chefs so­wie 80 Au­ßen­und Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter aus al­ler Welt zur 55. Münch­ner Si­cher­heits­kon­fe­renz, dar­un­ter Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und US-Vi­ze­prä­si­dent Mi­ke Pence. Der jähr­li­che Si­cher­heits­be­richt der Kon­fe­renz schil­dert ei­ne Welt, die wie ein „gro­ßes Puz­zle“aus­se­he, aber nie­mand wis­se, wer „die Tei­le zu­sam­men­setzt“. Deutsch­land „könn­te we­sent­lich mehr zur stra­te­gi­schen Stär­ke und Hand­lungs­kraft Eu­ro­pas bei­tra­gen, in­dem es sei­ne kon­ven­tio­nel­len Fä­hig­kei­ten wei­ter ver­bes­sert“, sagt Ischin­ger. Der Be­richt mo­niert, es feh­le der Wil­le, die Bun­des­wehr un­ter den­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen in in­ter­na­tio­na­le Ein­sät­ze zu schi­cken, wie Frank­reich das tue. Pa­ris wol­le Eu­ro­pa mi­li­tä­risch stär­ken. Für Ber­lin sei mi­li­tä­ri­sche Ko­ope­ra­ti­on vor al­lem ein Mit­tel für ver­tief­te In­te­gra­ti­on.

Die in­ter­na­tio­na­le La­ge lässt ei­ne Ver­schär­fung vie­ler Kon­flik­te er­war­ten. Die USA kon­zen­trie­ren sich un­ter Do­nald Trump dar­auf, den Auf­stieg Chi­nas zur neu­en Groß­macht ein­zu­däm­men: im Han­del, aber auch geo­stra­te­gisch. Russ­land rich­te sich in selbst ge­wähl­ter Iso­la­ti­on ein und nut­ze je­de Ge­le­gen­heit, die die USA ihm las­sen, um sein Macht­ge­biet aus­zu­wei­ten, von der Ukrai­ne bis nach Sy­ri­en. Nach der Aus­set­zung des INF-Ver­trags, der land­ge­stütz­te ato­ma­re Mit­tel­stre­cken­ra­ke­ten ver­bo­ten hat, droht ei­ne neue Pha­se des ato­ma­ren Wett­rüs­tens.

Die gro­ßen Staa­ten der EU, Deutsch­land, Frank­reich und Groß­bri­tan­ni­en, müss­ten in der La­ge sein, das ei­ge­ne Ge­biet und die Nach­bar­re­gio­nen zu sta­bi­li­sie­ren, not­falls auch mi­li­tä­risch. Zwei Jah­re nach Trumps Amts­an­tritt sei­en sie da­zu wei­ter nicht in der La­ge. „Wir hof­fen, dass Eu­ro­pa sich in die­sem Jahr in die La­ge ver­setzt, die­se wich­ti­ge Rol­le zu über­neh­men“, sagt Ischin­ger.

In der EU spricht man bei die­sem Ziel ent­we­der von „stra­te­gi­scher Au­to­no­mie“oder von der „Welt­po­li­tik­fä­hig­keit“. Der bri­ti­sche His­to­ri­ker und Best­sel­ler­au­tor Ti­mo­thy Gar­ton Ash nann­te die Um­fra­gen zur deut­schen und fran­zö­si­schen Sicht auf die Welt­la­ge „er­staun­lich und be­un­ru­hi­gend“. Dem­nach ist das Ver­trau­en in die tra­di­tio­nel­len Su­per­mäch­te dra­ma­tisch ge­sun­ken, ganz vor­an in die USA. Auf die Fra­ge, wel­chem Staats- und Re­gie­rungs­chef sie zu­trau­ten, die rich­ti­gen Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, nen­nen Deut­sche und Fran­zo­sen drei­mal öf­ter den Chi­ne­sen Xi Jin­ping als Trump. Auch Wla­di­mir Pu­tin trau­en sie mehr zu als Trump, die Deut­schen se­hen den Rus­sen noch po­si­ti­ver als den Chi­ne­sen. Trump kommt in der Um­fra­ge des Pew-For­schungs­in­sti­tuts auf zehn Pro­zent Zu­trau­en in Deutsch­land und neun Pro­zent in Frank­reich; Pu­tin auf 35 Pro­zent in Deutsch­land und 20 Pro­zent in Frank­reich; Xi auf 30 Pro­zent in Deutsch­land und 26 Pro­zent in Frank­reich. Weit mehr trau­en Deut­sche und Fran­zo­sen Kanz­le­rin Mer­kel und Prä­si­dent Ma­cron.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.