„Je­der hat das Recht, mich zu kri­ti­sie­ren“

SPD- Che­fin Nah­les ge­winnt Zeit

Der Tagesspiegel - - POLITIK - Hans Mo­nath

Ber­lin - Viel Grund für gu­te Lau­ne hat­te An­drea Nah­les nicht in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten – zu mies wa­ren die Um­fra­ge­wer­te der SPD, zu laut die Kri­tik an ih­rem Agie­ren aus den ei­ge­nen Rei­hen. Doch am En­de der zwei­tä­gi­gen Vor­stands­klau­sur zur Re­form des So­zi­al­staats zeig­te sich die Par­tei­che­fin am Mon­tag in be­tont auf­ge­räum­ter Stim­mung. „Ins­ge­samt hat­ten wir sehr gu­te, in­ten­si­ve, kon­struk­ti­ve De­bat­ten, ein­stim­mi­ge Be­schlüs­se und gu­te Lau­ne“, ver­kün­de­te sie: „So kann es wei­ter­ge­hen.“Es sei ein wich­ti­ges Si­gnal, dass die SPD nun mit Schwung in die­ses wich­ti­ge po­li­ti­sche Jahr 2019 ge­he.

Tat­säch­lich hält das Wahl­jahr 2019 mit der Eu­ro­pa­wahl und der Land­tags­wahl in Bre­men En­de Mai so­wie mit drei Land­tags­wah­len im Os­ten für die SPD und ih­re Vor­sit­zen­de schwe­re Prü­fun­gen be­reit. Das Si­gnal, dass die SPD sich vom bis­he­ri­gen Hartz-IV-Sys­tem ver­ab­schie­det und et­wa län­ger Ar­beits­lo­sen­geld 1 be­zah­len will, so hof­fen Mit­glie­der der Par­tei­füh­rung, kom­me recht­zei­tig, um bei den Wah­len noch Wir­kung zu zei­gen. Leich­te Zu­ge­win­ne in Um­fra­gen, die der SPD nun bis zu 17 Pro­zent be­schei­ni­gen, stüt­zen den vor­sich­ti­gen Op­ti­mis­mus.

Im­mer­hin ge­lang es den So­zi­al­de­mo­kra­ten in den ver­gan­ge­nen Ta­gen, was ih­nen lan­ge nicht ge­lun­gen war: mit ei­ge­nen Be­schlüs­sen The­men zu set­zen, an de­nen sich die Öf­fent­lich­keit und an­de­re Par­tei­en ab­ar­bei­ten. Dass die Uni­on das neue So­zi­al­staats­kon­zept hart kri­ti­sier­te und als An­griff auf die so­zia­le Markt­wirt­schaft gei­ßel­te, ge­fiel nicht nur Par­tei­vi­ze Ralf Steg­ner. „Wenn der Klas­sen­geg­ner wie­der Angst vor den So­zi­al­staats­kon­zep­ten der SPD hat, sind wir auf ei­nem gu­ten Weg“, twit­ter­te er. Auch Nah­les ver­kün­de­te, die SPD ha­be sich klar po­si­tio­niert: „Wenn die an­de­ren sich dran rei­ben – gut. Das ist Po­li­tik. Da­von brau­chen wir mehr.“

Die Vor­sit­zen­de, an der bis vor Kur­zem wich­ti­ge Funk­ti­ons­trä­ger der SPD im Schutz der An­ony­mi­tät har­te Kri­tik ge­übt hat­ten, re­kla­mier­te die Ei­nig­keit am En­de der Vor­stands­klau­sur als ei­ge­ne Leis­tung: „Das ist auch ei­ne Me­tho­de, die­se Par­tei zu füh­ren.“Sie selbst ha­be die Dis­kus­si­on über die Re­form des So­zi­al­staats an­ge­sto­ßen, die nun zu kla­ren Be­schlüs­sen ge­führt ha­be. Die Be­schlüs­se sei­en ei­ne „wich­ti­ge Wei­chen­stel­lung für un­se­re Po­li­tik in den nächs­ten Jah­ren“. Der SPD ge­he es um ei­ne Po­li­tik, die „für ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­halt“ste­he.

Auch nach der har­ten Kri­tik an ihr von Vor­gän­ger Sig­mar Ga­b­ri­el und Alt­kanz­ler Ger­hard Schrö­der wur­de Nah­les am Mon­tag ge­fragt. Die per­sön­li­chen An­grif­fe hat­ten die an­ge­schla­ge­ne Vor­sit­zen­de in der Par­tei nicht ge­schwächt, son­dern im Ge­gen­teil zu ei­nem So­li­da­ri­sie­rungs­ef­fekt mit ihr ge­führt. Nah­les, die mit der Vor­stands­klau­sur zu­min­dest Zeit ge­won­nen hat, gab sich groß­zü­gig. „Je­der hat hier ein Recht dar­auf, mich zu kri­ti­sie­ren“, mein­te sie. Dass der Vor­stand die Par­tei für die Zu­kunft auf­ge­stellt ha­be, sei „ge­wich­ti­ger und be­deut­sa­mer als al­les an­de­re“.

Den neu­en Links­kurs mit ei­nem hö­he­ren Min­dest­lohn, der Strei­chung vie­ler Hartz-IV-Sank­tio­nen, der Ab­si­che­rung von Kin­dern und dem Recht auf Ho­me-Of­fice-Ar­beit se­hen man­che in der Par­tei­füh­rung schon als mög­li­che Be­grün­dung für ei­nen Aus­stieg aus der gro­ßen Ko­ali­ti­on, wenn En­de des Jah­res die ver­ein­bar­te Re­vi­si­on der Re­gie­rungs­ar­beit an­steht. Nah­les wies sol­che Über­le­gun­gen al­ler­dings brüsk zu­rück. Der Aus­stieg aus der gro­ßen Ko­ali­ti­on sei bei der Klau­sur „null The­ma“ge­we­sen, sag­te sie. Viel­mehr wol­le die SPD die im Ko­ali­ti­ons­ver­trag ver­ab­re­de­te Halb­zeit­bi­lanz des Re­gie­rungs­bünd­nis­ses mit der Uni­on ge­mein­sam zie­hen.

Ob es En­de des Jah­res dann Nah­les sein wird, die ge­mein­sam mit der Uni­on die­se Bi­lanz zieht, dürf­te al­ler­dings auch vom Aus­gang der an­ste­hen­den Wah­len im Jahr 2019 ab­hän­gen.

Fo­to: An­der­sen/AFP

Klar po­si­tio­niert. An­drea Nah­les lobt das neue So­zi­al­staats­kon­zept.

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