„Ich bin ei­ne Gei­sel“

Di­lek Dündar, Frau des Exil­jour­na­lis­ten Can Dündar, darf die Tür­kei nicht ver­las­sen und wird schi­ka­niert

Der Tagesspiegel - - POLITIK - Su­san­ne Güs­ten

Istan­bul - Die Frau des in Ber­lin le­ben­den tür­ki­schen Exil-Jour­na­lis­ten Can Dündar hat der tür­ki­schen Re­gie­rung vor­ge­wor­fen, sie als „Gei­sel“in der Tür­kei fest­zu­hal­ten. Die Be­hör­den hät­ten ihr oh­ne Ge­richts­ent­schei­dung den Pass weg­ge­nom­men, so dass sie seit zwei­ein­halb Jah­ren nicht aus­rei­sen dür­fe, sag­te Di­lek Tur­ker Dündar in ei­ner Vi­deo­bot­schaft, die am Mon­tag von Can Dündars In­ter­net-Nach­rich­ten­platt­form „Öz­gü­r­üz“(Wir sind frei) ver­öf­fent­licht wur­de. Die Ent­schei­dung, sie im Land fest­zu­hal­ten sei „völ­lig un­recht­mä­ßig, will­kür­lich und po­li­tisch mo­ti­viert“, sag­te Frau Dündar. „Ich wer­de als Gei­sel für mei­nen Mann fest­ge­hal­ten.“

Can Dündar hat­te als Chef­re­dak­teur der Op­po­si­ti­ons­zei­tung „Cumhu­riy­et“über an­geb­li­che Waf­fen­lie­fe­run­gen der Tür­kei an sy­ri­sche Re­bel­len be­rich­tet und war dar­auf zu ei­ner fünf­jäh­ri­gen Haft­stra­fe ver­ur­teilt wor­den. Als er vom Ver­fas­sungs­ge­richt auf frei­en Fuß ge­setzt wur­de, floh er nach Deutsch­land. Auch sein Sohn ist in der Bun­des­re­pu­blik. Di­lek Tur­ker Dündar wird da­ge­gen seit dem Jahr 2016 an der Aus­rei­se ge­hin­dert.

Wäh­rend des Ge­richts­ver­fah­rens ge­gen Dündar in der Tür­kei hat­te ein Rechts­na­tio­na­list im Mai 2016 ver­sucht, den Jour­na­lis­ten zu er­schie­ßen. Da­mals warf sich Di­lek Tur­ker Dündar vor ih­ren Mann; der Schüt­ze wur­de fest­ge­nom­men, Can Dündar blieb un­ver­letzt. In ih­rem Vi­deo wies Frau Dündar nun dar­auf hin, dass der At­ten­tä­ter von da­mals längst frei­ge­las­sen wor­den sei und sei­nen Pass zu­rück­be­kom­men ha­be.

In der Tür­kei sind nach An­ga­ben des Be­rufs­ver­ban­des TGC rund 140 Jour­na­lis­ten im Ge­fäng­nis. Re­gie­rungs­kri­ti­sche Me­di­en­ver­tre­ter müs­sen sich auf­grund ih­rer Ar­beit un­ter an­de­rem we­gen Ge­heim­nis­ver­rat oder Um­sturz­ver­su­chen ver­ant­wor­ten. Can Dündar ist für die Re­gie­rung ein be­son­ders ro­tes Tuch. Prä­si­dent Re- cep Tay­yip Er­do­gan be­zeich­ne­te ihn als Lan­des­ver­rä­ter und be­tei­lig­te sich als Ne­ben­klä­ger am Pro­zess ge­gen den Jour­na­lis­ten. Bei sei­nem jüngs­ten Be­such in Ber­lin im ver­gan­ge­nen Sep­tem­ber for­der­te Er­do­gan die Aus­lie­fe­rung von Dündar. An­ka­ra be­klagt sich im­mer wie­der, dass die Bun­des­re­pu­blik zum Zufluchts­ort tür­ki­scher Staats­fein­de ge­wor­den sei. Den­noch lehnt Deutsch­land ei­ne Aus­lie­fe­rung des Jour­na­lis­ten bis­her ab.

Di­lek Tur­ker Dündar un­ter­strich in ih­rem­knapp fünf­mi­nü­ti­gen Vi­deo, man ha­be ihr oh­ne wei­te­re Er­läu­te­rung mit­ge­teilt, dass ih­re Aus­rei­se ein Ri­si­ko für die na­tio­na­le Si­cher­heit der Tür­kei dar­stel­len kön­ne. Es ge­be we­der Er­mitt­lun­gen noch an­de­re Ver­fah­ren, die ei­ne Aus­rei­se­sper­re recht­fer­ti­gen könn­ten. We­gen des Ver­bots ha­be sie ih­ren Mann und ih­ren Sohn seit mehr als zwei Jah­ren nicht mehr be­su­chen kön­nen.

Die Schi­ka­nen gin­gen auch in ih­rem All­tag in der Tür­kei wei­ter, sag­te Frau Dündar. Weil sie den Kre­dit für das Haus der Fa­mi­lie nicht mehr ab­zah­len konn­te, ha­be sie ihr Fe­ri­en­häus­chen ver­kau­fen wol­len, was die Be­hör­den ver­hin­dert hät­ten. Sie kön­ne da­ge­gen Be­schwer­de ein­le­gen, wo sie wol­le, ha­be ihr der zu­stän­di­ge Be­am­te ge­sagt – es wer­de nichts nüt­zen. Des­halb sei ihr Haus jetzt ge­pfän­det wor­den, und sie müs­se aus­zie­hen. Auch ihr Bank­kon­to sei ge­sperrt wor­den. „Ich darf nicht aus­rei­sen, wer­de nun aber das Haus ver­las­sen müs­sen, in dem ich bis­her al­lein le­ben muss­te.“Sie wis­se nicht, ob po­ten­zi­el­le Tür­kei-In­ves­to­ren von sol­chen Zu­stän­den wüss­ten.

Trotz al­lem ver­traue sie wei­ter auf die Jus­tiz, un­ter­strich Di­lek Tur­ker Dündar. Ei­ne Flucht aus der Tür­kei auf il­le­ga­lem We­ge leh­ne sie ab, ob­wohl ihr viel­fach da­zu ge­ra­ten wor­den sei. Sie sei „ei­ne Frau der Re­pu­blik“, sag­te Di­lek Dündar, und an die tür­ki­sche Re­gie­rung ge­rich­tet: „Be­en­den sie die­ses Un­recht!“

Can und Di­lek Dündar bei ei­nem ge­mein­sa­men Auf­tritt

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