Vor­wurf: Re­bel­li­on

Vor Spa­ni­ens Obers­tem Ge­richts­hof müs­sen sich zwölf ka­ta­la­ni­sche Se­pa­ra­tis­ten­füh­rer ver­ant­wor­ten

Der Tagesspiegel - - POLITIK - Ralph Schul­ze

Ma­drid - Das Ge­richts­ge­bäu­de gleicht ei­ner Fe­s­tung. Hun­der­te Po­li­zis­ten be­wa­chen Spa­ni­ens Obers­ten Ge­richts­hof, der mit­ten im Zen­trum Ma­drids liegt. In die­sem ehr­wür­di­gen Pa­last aus dem 18. Jahr­hun­dert star­tet an die­sem Diens­tag ei­ner der wich­tigs­ten Pro­zes­se der spa­ni­schen De­mo­kra­tie­ge­schich­te. Von ei­nem „Jahr­hun­dert­pro­zess“ist die Re­de. Auf je­den Fall ist es ein his­to­ri­sches Mam­mut­ver­fah­ren, in dem der Un­ab­hän­gig­keits­kon­flikt in der nord­ost­spa­ni­schen Re­gi­on Ka­ta­lo­ni­en nun ju­ris­tisch auf­ge­ar­bei­tet wird.

Zwölf ka­ta­la­ni­sche Se­pa­ra­tis­ten­füh­rer müs­sen sich vor ei­ner sie­ben­köp­fi­gen Straf­kam­mer für die mut­maß­lich il­le­ga­len Un­ab­hän­gig­keits­be­schlüs­se im Herbst 2017 ver­ant­wor­ten. Ab­spal­tungs­be­schlüs­se, die die in zwei po­li­ti­sche La­ger ge­spal­te­ne Re­gi­on und ganz Spa­ni­en in ei­ne tie­fe Kri­se stürz­ten. Zugleich setz­te der Kon­flikt im Herbst 2017 ei­ne eu­ro­pa­wei­te De­bat­te dar­über in Gang, ob sich die Re­gi­on Ka­ta­lo­ni­en so ein­fach von Spa­ni­en los­sa­gen darf.

Im ge­richt­li­chen Nach­spiel geht es je­doch we­ni­ger um den Traum von der Un­ab­hän­gig­keit, son­dern viel­mehr um den kon­kre­ten Vor­wurf, dass die An­füh­rer der Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gung ge­gen die spa­ni­sche Ver­fas­sung und an­de­re Ge­set­ze verstoßen ha­ben. Dar­über hin­aus gilt das Ver­fah­ren als Prüf­stein für die De­mo­kra­tie Spa­ni­ens. Denn die An­ge­klag­ten se­hen sich als Op­fer ei­nes „un­fai­ren und po­li­ti­schen Pro­zes­ses“. Ein Vor­wurf, den Spa­ni­ens Jus­tiz zu­rück­weist und mit ma­xi­ma­ler Trans­pa­renz be­ant­wor­tet: Der Pro­zess wird per Li­ve-Strea­m­ing über­tra­gen, so­dass die gan­ze Welt im In­ter­net das Ge­sche­hen ver­fol­gen kann.

„Wir sind un­schul­dig“, schrieb Ori­ol Jun­queras aus dem Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis, in dem er die ver­gan­ge­nen 15 Mo­na­te ver­brach­te. Der 49-jäh­ri­ge Chef der Un­ab­hän­gig­keits­par­tei Re­pu­bli­ka­ni­sche Lin­ke und Ex-Vi­ze­mi­nis­ter­prä­si­dent Ka­ta­lo­ni­ens ist der Haupt­an­ge­klag­te. Der Staats­an­walt wirft ihm Re­bel­li­on vor, weil er die ka­ta­la­ni­sche Be­völ­ke­rung ge­gen den Staat auf­ge­wie­gelt ha­ben soll. Und Ver­un­treu­ung, weil Mil­lio­nen von Steu­er­gel­dern für un­ge­setz­li­che Un­ab­hän­gig­keits­ak­ti­vi­tä­ten aus­ge­ge­ben wor­den sein sol­len. Da­für dro­hen Jun­queras 25 Jah­re Haft.

Ne­ben Jun­queras neh­men wei­te­re pro­mi­nen­te Köp­fe auf der An­kla­ge­bank Platz. Zum Bei­spiel Jor­di Sàn­chez, ehe­ma­li­ger Chef der gro­ßen au­ßer­par­la­men­ta­ri­schen Se­pa­ra­tis­ten­be­we­gung ANC. Oder Car­me For­ca­dell, die frü­he­re Prä­si­den­tin des ka­ta­la­ni­schen Re­gio­nal­par­la­men­tes.

Den schwe­ren Vor­wurf der Re­bel­li­on be­grün­det die Staats­an­walt­schaft da­mit, dass die Se­pa­ra­tis­ten am 1. Ok­to­ber 2017 ei­gen­mäch­tig ein Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum durch­führ­ten, ob­wohl die­ses dem spa­ni­schen Grund­ge­setz wi­der­spro­chen ha­be. Auch ei­ne Un­ab­hän­gig­keits­er­klä­rung sei il­le­gal ge­we­sen. We­gen ih­rer Ent­schei­dun­gen war die von Carles Pu­ig­de­mont ge­führ­te Se­pa­ra­tis­ten­re­gie­rung von Ma­drid ab­ge­setzt wor­den.

Der frü­he­re ka­ta­la­ni­sche Pre­mier muss der­zeit aber nicht um sei­ne Frei­heit fürch­ten. We­nigs­tens so­lan­ge er im Aus­land bleibt, wo­hin er sich nach Be­ginn der straf­recht­li­chen Er­mitt­lun­gen ab­setz­te. Soll­te Pu­ig­de­mont aus Bel­gi­en, wo er sich auf­hält, nach Spa­ni­en zu­rück­kom­men, muss er aber mit ei­ner An­kla­ge rech­nen. Auf ei­ne Aus­lie­fe­rung Pu­ig­de­monts, der im Früh­jahr 2018 in Deutsch­land vor­über­ge­hend fest­ge­nom­men wor­den war, hat­te Spa­ni­en ver­zich­tet. Vor al­lem, weil die deut­schen Aus­lie­fe­rungs­rich­ter ei­ne Über­stel­lung nur we­gen des Vor­wurfs der Un­treue, aber nicht we­gen Re­bel­li­on für zu­läs­sig hiel­ten. Tau­sen­de Spa­ni­er

Fo­to: S. Pe­rez/Reu­ters

gin­gen am Wo­chen­en­de für die Ein­heit ih­res Lan­des auf die Stra­ße. Kon­ser­va­ti­ve und rechts­ex­tre­me Par­tei­en hat­ten da­zu auf­ge­ru­fen.

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