Dok­tor­ar­bei­ten oh­ne Scham un­ter­su­chen

Auch Nicht-Po­li­ti­ker auf Pla­gia­te prü­fen

Der Tagesspiegel - - MEINUNG - Von An­ja Küh­ne

Prü­fen und ge­ge­be­nen­falls die Kon­se­quen­zen zie­hen – das ist an deut­schen Unis kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­lich. Zu­min­dest un­ter­sucht die FU Ber­lin die Dok­tor­ar­beit von Fran­zis­ka Gif­fey, nach­dem Pla­gi­ats­jä­ger in meh­re­ren Dut­zend Fäl­len nicht kor­rek­te Zi­ta­tio­nen ent­deckt ha­ben wol­len. Auch hat die FU die Dis­ser­ta­ti­on des Ber­li­ner CDU-Po­li­ti­kers Frank Stef­fel ge­prüft und er­kann­te ihm den Dok­tor we­gen Täu­schun­gen ab.

Aber ei­ne Mehr­heit der Fach­be­rei­che geht Hin­wei­sen nicht nach, selbst wenn die­se er­drü­ckend schei­nen – so­fern es sich nicht um Dis­ser­ta­tio­nen pro­mi­nen­ter Po­li­ti­ker han­delt. Oder dem Pro­mo­vier­ten wird bloß ei­ne „Rü­ge“er­teilt. An der TU Ber­lin er­laub­te ein Fach­be­reich ei­nem Dok­to­rier­ten, fal­sche Zi­ta­te zu kor­ri­gie­ren und die Ar­beit noch ein­mal ein­zu­rei­chen.

Scheu­en die zu­stän­di­gen Kom­mis­sio­nen den Ar­beits­auf­wand? Schä­men sie sich, den Be­trug nicht recht­zei­tig er­kannt zu ha­ben? Wol­len sie die Dok­tor­el­tern, so sie noch am Fach­be­reich ak­tiv sind, nicht mit pein­li­chen In­ves­ti­ga­tio­nen ver­är­gern? Oder den­ken sie gar, bei ei­ner von jähr­lich bun­des­weit et­wa 25 000 Pro­mo­tio­nen kom­me es nicht so ge­nau drauf an?

Das wä­re ver­hee­rend. Dis­ser­ta­tio­nen sind ein Stück Wis­sen­schaft. Das We­sen der Wis­sen­schaft be­steht dar­in, dass bei der Su­che nach Er­kennt­nis­sen me­tho­di­schen Stan­dards ge­folgt wer­den muss. Da­mit Er­geb­nis­se dis­ku­tiert wer­den kön­nen, muss zu je­dem Zeit­punkt nach­voll­zieh­bar sein, wie es zu den Aus­sa­gen ge­kom­men ist und wer spricht. Er­klä­ren Wis­sen­schaft­ler Täu­schun­gen in ei­ner Dis­ser­ta­ti­on zu Ba­ga­tel­len, ma­chen sie Wis­sen­schaft zu Eso­te­rik.

Frag­wür­dig ist es dar­um, dass Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en vor drei Jah­ren von der Me­di­zi­ni­schen Hoch­schu­le Han­no­ver vom Pla­gi­ats­vor­wurf mit dem Ar­gu­ment frei­ge­spro­chen wur­de, die be­trof­fe­nen Stel­len hät­ten sich über­wie­gend in der Ein­lei­tung be­fun­den. Ganz so, als wür­den die Stan­dards in Ein­lei­tun­gen von Dis­ser­ta­tio­nen we­ni­ger gel­ten als in ih­rem Haupt­teil.

Skan­da­lös war es, wie zig nam­haf­te Pro­fes­so­ren im Pla­gi­ats­fall Scha­van ver­such­ten, die zur Auf­klä­rung ver­pflich­te­te Uni Düs­sel­dorf ein­zu­schüch­tern. Scha­vans Draht zur Kanz­le­rin er­schien weit wich­ti­ger als ihr Ver­stoß ge­gen die Kern­wer­te der Wis­sen­schaft.

Na­tür­lich er­schöp­fen sich die Pro­ble­me der Wis­sen­schaft nicht in pla­gi­ier­ten Dis­ser­ta­tio­nen. Da­von kün­den welt­weit gro­ße Fäl­schungs­skan­da­le und die Tat­sa­che, dass mas­sen­haft Stu­di­en pu­bli­ziert wer­den, die nicht re­pli­zier­bar sind, die al­so bei Wie­der­ho­lung nicht zum be­rich­te­ten Er­geb­nis füh­ren. Doch wie soll der Wis­sen­schaft auf die­sen schwie­ri­gen Ge­bie­ten Fort­schritt zu­ge­traut wer­den, wenn vie­le Pro­fes­so­ren schon ein­fa­che Pla­gi­ats­fäl­le nicht an­ge­hen wol­len?

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