Blick zu­rück in die Zu­kunft

Was Uni­on und SPD ge­ra­de be­ar­bei­ten, kann zur Hoff­nung für die­se Ko­ali­ti­on wer­den

Der Tagesspiegel - - MEINUNG - Von Ste­phan-Andre­as Cas­dorff

Ir­gend­wie klingt das Gan­ze nach ei­ner Zu­kunft, die aus der Ver­gan­gen­heit kommt. Wie das? Weil das, was CDU (plus CSU) und SPD die­ser Ta­ge be­schlie­ßen oder wor­an sie ar­bei­ten, in ih­ren bes­se­ren Ta­gen vor vie­len Jah­ren schon ein­mal The­ma war. IHR je­wei­li­ges The­ma, ge­winn­brin­gend da­zu.

Neh­men wir als Ers­tes die SPD. Ehr­lich, das, was da ge­ra­de von ih­rer Spit­ze kommt, klingt ganz nach den Pre­dig­ten Os­kar La­fon­tai­nes in Zei­ten, in de­nen er noch in der SPD war. Denn nach­dem sich in den ver­gan­ge­nen ein­ein­halb Jahr­zehn­ten die Be­din­gun­gen auf dem Ar­beits­markt tat­säch­lich und nicht nur be­haup­tet grund­le­gend ge­än­dert ha­ben, ist die SPD jetzt be­reit, ih­re po­li­ti­sche Kon­zep­ti­on an­zu­pas­sen. Heißt: dass der SPD-Vor- stand ein­stim­mig ei­ne Ab­kehr von Hartz IV und bes­se­re fi­nan­zi­el­le Leis­tun­gen für Kin­der be­schließt, au­ßer­dem ei­nen Min­dest­lohn von zwölf Eu­ro – das woll­te La­fon­tai­ne sei­ner­zeit schon. Üb­ri­gens im Ver­ein mit den Fran­zo­sen, da­mals an­ge­führt vom Kon­ser­va­ti­ven Ni­co­las Sar­ko­zy und dem So­zia­lis­ten Do­mi­ni­que Strauss-Kahn.

Das passt so­gar zu Ger­hard Schrö­der, dem Er­fin­der von „Agen­da“-Po­li­tik und Hartz-Re­for­men. Der sagt bis heu­te: Die Agen­da sind doch nicht die Ge­set­zes­ta­feln Mo­se, al­les hat sei­ne Zeit. Wahr­schein­lich auch des­halb kann Olaf Scholz, SPD-Ge­ne­ral­se­kre­tär un­ter Schrö­der und heu­te Kas­sen­wart der Re­pu­blik, sein Okay ge­ben. Auch wenn das ei­nen fi­nan­zi­el­len Kraft­akt be­deu­tet. So­zi­al­staat gibt es nicht zum Null­ta­rif, für Ge­nos­sen erst recht nicht. Im­mer­hin kommt ja noch der Plan von Hu­ber­tus Heil als So­zi­al­mi­nis­ter hin­zu, die Ein­füh­rung ei­ner Grund­ren­te. Nach der be­kom­men Mil­lio­nen Ge­ring­ver­die­ner für Mil­li­ar­den Eu­ro nach Ab­schluss ei­nes lan­gen Ar­beits­le­ben au­to­ma­tisch hö­he­re Ren­ten. Bei die­sem The­ma wird der SPD im Üb­ri­gen ih­re höchs­te Kom­pe­tenz zu­ge­stan­den. Und wenn sie das So­zi­al­staats­the­ma treibt, dann treibt es ih­re (Um­fra­ge-)Wer­te in die Hö­he.

Ähn­lich bei der Uni­on, wenn die bei ih­rem The­ma ist, das im wei­te­ren Sinn „Recht und Ord­nung“heißt. Was dann klingt wie wei­land Wolf­gang Schäu­b­le, als er noch CDU-Chef war. Der hat Kon­ser­va­ti­vi­tät näm­lich nach die­sen Maß­ga­ben buch­sta­biert, in al­len Be­rei­chen, und nicht zu­letzt in dem, der die Uni­on fast zer­ris­sen hät­te: der Mi­gra­ti­on.

Wer jetzt zum Bei­spiel in der Dis­kus­si­ons­run­de von CDU und CSU mit sei­ner Nach­nach­fol­ge­rin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er den Mi­gra­ti­ons­for­scher Ge­rald Kn­aus ge­hört hat, wie der für ei­nen „mo­ra­li­schen Rea­lis­mus“beim Um­gang mit Mi­gran­ten und Flücht­lin­gen plä­dier­te – das hät­te von Schäu­b­le stam­men kön­nen. Und das: Die Deut­schen rich­ten mit an­de­ren Eu­ro­pä­ern Auf­nah­me­la­ger am Mit­tel­meer ein, ver­ein­ba­ren be­grenz­te Kon­tin­gen­te für le­ga­le Ein­wan­de­rung und schi­cken an­sons­ten Mi­gran­ten von dort nach schnel­len Asyl­ver­fah­ren in ih­re Her­kunfts­län­der zu­rück.

Zu­kunft, die aus der Ver­gan­gen­heit kommt – pa­ra­do­xer­wei­se kann die Ver­bin­dung ei­ner Uni­on wie der un­ter Schäu­b­le mit ei­ner SPD wie der un­ter La­fon­tai­ne zur Hoff­nung für die­se Ko­ali­ti­on wer­den. Wenn je­der bei sich sel­ber ist, je­de Volks­par­tei, ist je­dem ge­dient. Am En­de so­gar dem Wäh­ler.

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