Ame­ri­ka liebt sei­ne Mil­li­ar­dä­re nicht mehr

Der Tagesspiegel - - MEINUNG - Von Max Tholl

Wie schlag­kräf­tig ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit sein kann, er­fuhr Rut­ger Breg­man En­de Ja­nu­ar. Der nie­der­län­di­sche His­to­ri­ker war als Gast­red­ner beim Da­vo­ser Welt­wirt­schafts­fo­rum und er­in­ner­te die an­we­sen­den Groß­ver­die­ner an ih­re Pflicht: Zahlt Steu­ern! Das Ge­re­de über Phil­an­thro­pie und Weltret­tung sei nur „Bull­s­hit“, so Breg­man. Wer wirk­lich hel­fen wol­le, müss­te an­ge­mes­se­ne Steu­ern zah­len, statt durch Fi­nanz­schlupf­lö­cher dem Fis­kus zu ent­flie­hen.

Wie ge­sagt, ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Doch über Nacht stand Breg­mans Re­de plötz­lich im Mit­tel­punkt ei­ner De­bat­te um Ge­rech­tig­keit und Ver­ant­wor­tung. Denn die­se Selbst­ver­ständ­lich­keit ist längst zur Aus­nah­me ge­wor­den.

Aus­ge­rech­net in Ame­ri­ka, dem Epi­zen­trum des Fi­nanz­ka­pi­ta­lis­mus, bahnt sich nun ein Men­ta­li­täts­wech­sel an. Der Wahl­kampf ums US-Prä­si­den­ten­amt avan­ciert ge­ra­de zur Schlacht der Fi­nanz­gi­gan­ten: Im Wei­ßen Haus sitzt Do­nald Trump, der selbst­er­klär­te Self­made-Mil­li­ar­där. Fonds­ma­na­ger Tom Stey­er will mehr als 40 Mil­lio­nen Dol­lar in­ves­tie­ren, um ihn des Amts zu ent­he­ben. Me­dien­ty­coon Micha­el Bloom­berg lieb­äu­gelt mit ei­ner Kan­di­da­tur für die De­mo­kra­ten, und der ehe­ma­li­ge Star­bucks-Chef Ho­ward Schultz will als un­ab­hän­gi­ger Kan­di­dat ge­gen die po­li­ti­sche Eli­te in den Wahl­kampf zie­hen. Be­son­ders Schultz’ Kan­di­da­tur sorg­te für reich­lich Auf­se­hen, weil er den De­mo­kra­ten An­ti-Trump-Stim­men klau­en, al­so Trump die Wie­der­wahl noch er­leich­tern könn­te.

Die­se Na­men und vor al­lem die­se Ver­mö­gen könn­ten den Ein­druck er­we­cken, ei­ne Art „Bil­lio­nai­re Boys Club“ha­be die US-Po­li­tik im Griff. Doch viel eher scheint das Ge­gen­teil der Fall zu wer­den: Die Su­per­rei­chen lie­fern den De­mo­kra­ten ein Top­the­ma.

So sehr sich näm­lich Trump, Bloom­berg und Schultz po­li­tisch un­ter­schei­den, was sie eint, ist ih­re Ab­leh­nung von hö­he­ren Steu­er­sät­zen für Mil­li­ar­dä­re. Ge­ra­de da­mit wol­len aber nam­haf­te De- mo­kra­ten im Wahl­kampf punk­ten. Senk­recht­star­te­rin Alex­an­dria Oca­sio-Cor­tez for­dert, den Spit­zen­steu­er­satz für Mil­li­ar­dä­re auf 70 Pro­zent zu he­ben, Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tin Eliz­a­beth War­ren will ei­ne zwei­pro­zen­ti­ge Rei­chen­steu­er auf Ver­mö­gen über 50 Mil­lio­nen Dol­lar ein­füh­ren und Lin­ken-Iko­ne Ber­nie San­ders hat ei­nen Ge­set­zes­ent­wurf für ei­ne hö­he­re Erb­schafts­steu­er auf Groß­ver­mö­gen vor­ge­legt.

Dass Trump und sei­ne Re­pu­bli­ka­ner die­se Plä­ne strikt ab­leh­nen, über­rascht we­nig. Doch selbst Bloom­berg und Schultz set­zen die Vor­schlä­ge mit wirt­schaft­li­chem Wahn­sinn gleich. Bloom­berg warnt vor „ve­ne­zo­la­ni­schen Ver­hält­nis­sen“, Schultz nennt die Idee, über das Steu­er­plus ei­ne uni­ver­sa­le Kran­ken­ver­si­che­rung mit­zu­fi­nan­zie­ren, schlicht „un­ame­ri­ka­nisch“. Denn Ame­ri­ka gönnt den Rei­chen ih­re Ver­mö­gen. Zu­min­dest war das mal so.

Die USA durch­le­ben ei­nen Sin­nes­wan­del. Wie Micha­el Hilt­zik von der „Los An­ge­les Ti­mes“kon­sta­tier­te: Ame­ri­ka liebt sei­ne Mil­li­ar­dä­re nicht mehr. Lan­ge gal­ten sie als Ver­kör­pe­rung des ame­ri­ka­ni­schen Traums, doch nach der Fi­nanz­kri­se wur­den sie all­mäh­lich zu Ame­ri­kas Alb­traum. Auch die Mär, dass wirt­schaft­li­cher Er­folg ei­nen smar­ten, po­li­ti­schen De­al­ma­ker macht, ist nicht zu­letzt an Trumps mau­er Er­folgs­quo­te zer­schellt. Mil­li­ar­dä­re mit po­li­ti­schen Am­bi­tio­nen ha­ben ein Image­pro­blem, das nicht zu un­ter­schät­zen ist. Die De­mo­kra­ten sind gut be­ra­ten, aus der Steu­er­de­bat­te ei­ne mora­li­sche Grund­satz­dis­kus­si­on um Ver­ant­wor­tung zu ma­chen, an­statt sie nur auf wirt­schaft­li­cher Ebe­ne zu füh­ren. Soll­ten sich Trump, Bloom­berg und Schultz der Dis­kus­si­on ver­wei­gern, könn­ten auch sie zu spü­ren be­kom­men, wie schlag­kräf­tig ei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit sein kann.

Um­fra­gen zu­fol­ge un­ter­stützt be­reits mehr als die Hälf­te der Be­völ­ke­rung ei­ne stren­ge­re Be­steue­rung der Su­per­rei­chen. Selbst ei­ne wach­sen­de An­zahl re­pu­bli­ka­ni­scher Wäh­ler freun­det sich mit der Idee an. Die US-Wirt­schaft boomt zwar, aber die ver­gan­ge­nen Kon­gress­wah­len ha­ben ge­zeigt, dass The­men wie Kran­ken- und Pfle­ge­ver­si­che­rung bei vie­len Wäh­lern an obers­ter Stel­le ste­hen. De­mo­kra­ten wie San­ders oder War­ren nut­zen das. Sie kon­zen­trie­ren sich nicht auf die Kul­tur­kämp­fe zwi­schen rechts und links, son­dern set­zen auf ei­nen pro­gres­si­ven Wirt­schafts­po­pu­lis­mus. Sie wer­fen der Re­gie­rung im­mer wie­der vor, das Land in ei­ne kor­rup­te Plu­to­kra­tie zu ver­wan­deln. Ih­re Steu­er­plä­ne, so pro­pa­gie­ren sie, sol­len da­bei hel­fen, die Sche­re zwi­schen Arm und Reich zu schlie­ßen. Rein wirt­schaft­lich ist die Be­haup­tung zwei­fel­haft, als Nar­ra­tiv aber um­so über­zeu­gen­der.

De­mo­kra­ten wol­len Su­per­rei­che schröp­fen – das kommt an

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