Am Frei­tag droht Cha­os

Die Ge­werk­schaft Ver­di ruft Mit­ar­bei­ter der BVG von Be­triebs­be­ginn bis mit­tags zum Streik auf. Bus­se, U-Bah­nen und Stra­ßen­bah­nen ste­hen wohl still, nur noch die S-Bahn fährt wei­ter

Der Tagesspiegel - - BERLIN / BRANDENBURG - Von Sil­via Per­do­ni

Es droht nicht we­ni­ger als ein Ver­kehrs­in­farkt. Für Frei­tag ruft die Ge­werk­schaft Ver­di Mit­ar­bei­ter der Ber­li­ner Ver­kehrs­be­trie­be (BVG) zu­mWarn­streik auf. VomBe­triebs­be­ginn bis 12 Uhr am Mit­tag sol­len Fah­rer von Bus­sen, U-Bah­nen und Stra­ßen­bah­nen die Ar­beit nie­der­le­gen. Es ist mit mas­si­ven Be­hin­de­run­gen im ge­sam­ten öf­fent­li­chen Nah­ver­kehr zu rech­nen.

„Zwar fah­ren die S-Bah­nen, die Re­gi­os und al­le Zü­ge der Deut­schen Bahn“, sagt Jens Wie­se­ke, Spre­cher des Ber­li­ner Fahr­gast­ver­bands IGEB, zum Ta­ges­spie­gel. „Aber es wird zu gro­ßen Ver­zö­ge­run­gen kom­men und die Wa­gen wer­den voll sein wie Sar­di­nen­büch­sen.“Er ha­be zwar Ver­ständ­nis für den Streik, sagt Wie­se­ke. „Aber nicht da­für, dass er acht Stun­den dau­ert. Zwei Stun­den, et­wa zwi­schen 9 Uhr und 11 Uhr, wä­ren hin­nehm­bar. Fahr­gäs­te könn­ten sich dann noch um­or­ga­ni­sie­ren. Aber der gan­ze Vor­mit­tag: Das legt die Stadt lahm.“

Hin­ter­grund des Aus­stands sind die lau­fen­den Ta­rif­ver­hand­lun­gen. Die zwei­ein­halb­stün­di­gen Ge­sprä­che an die­sem Mon­tag sind laut Ver­di er­geb­nis­los ver­lau­fen. „Die Ar­beit­ge­ber ha­ben kein An­ge­bot vor­ge­legt, vor al­lem bei der For­de­rung nach ei­ner Ar­beits­zeit­ver­kür­zung mit vol­lem Lohn­aus­gleich gibt es kein Ent­ge­gen­kom­men“, heißt es in ei­ner Pres­se­mit­tei­lung der Ge­werk­schaft.

Im Kern geht es Ver­di dar­um, für al­le Mit­ar­bei­ter ei­ne ein­heit­li­che Ar­beits­zeit von 36,5 Stun­den bei vol­lem Ge­halt zu er­rei­chen. Bis­her gilt die­se nur für Be­schäf­tig­te, die vor Sep­tem­ber 2005 ein­ge­stellt wur­den. Al­le an­de­ren Mit­ar­bei­ter ha­ben ei­ne 39-Stun­den-Wo­che. Au­ßer­dem soll es ei­ne Auf­wer­tung bei den Ent­gelt­grup­pen ge­ben. Ver­di for­dert zu­dem, dass auch neue Be­schäf­tig­te und die Azu­bis ab dem ers­ten Be­schäf­ti­gungs­jahr Weih­nachts­geld er­hal­ten.

Wie in vie­len Ver­hand­lungs­run­den zu­vor ver­langt die Ge­werk­schaft auch ei­ne Ein­mal­zah­lung von 500 Eu­ro nur für die Mit­glie­der. In der Ver­gan­gen­heit hat sich die BVG dar­auf aber nicht ein­ge­las­sen. Der­zeit hat die BVG nach Ver­di-An­ga­ben Per­so­nal­kos­ten in Hö­he von 570 Mil­lio­nen Eu­ro pro Jahr. 60 Mil­lio­nen Eu­ro kä­men durch das For­de­rungs­pa­ket hin­zu. Am Frei­tag ver­an­stal­te Ver­di um 9 Uhr ei­ne zen­tra­le Streik­kund­ge­bung vor der BVG-Zen­tra­le in der Holz­markt­stra­ße in Mit­te, sagt ein Ver­di-Spre­cher. Die Ge­werk­schaft er­war­tet min­des­tens 3000 Teil­neh­mer vor dem Ge­bäu­de.

Die BVG kämpft schon lan­ge da­mit, dass ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen kaum wett­be­werbs­fä­hig sind. Die S-Bahn be­zahlt Fah­rer bes­ser, so dass die BVG Schwie­rig­kei­ten hat, ihr Per­so­nal zu hal­ten.

Das räumt selbst die Ar­beit­ge­ber­sei­te ein. Die At­trak­ti­vi­tät der BVG müs­se sich ver­bes­sern, um auf dem „hart um­kämpf­ten Ber­li­ner Ar­beits­markt neue Mit­ar­bei­ter zu fin­den“, heißt es in ei­ner Mit­tei­lung des Ar­beit­ge­ber­ver­bands KAV Ber­lin. Er führt die Ta­rif­ver­hand­lun­gen. Trotz des Wis­sens um die De­fi­zi­te bei den Ver­kehrs­be­trie­ben sei­en die For­de­run­gen der Ge­werk­schaft in­ak­zep­ta­bel.

„Die von Ver­di ge­wünsch­te Ar­beits­zeit­ver­kür­zung bei vol­lem Lohn­aus­gleich be- deu­tet ei­nen zu­sätz­li­chen Per­so­nal­mehr­be­darf von 500 Ar­beit­neh­mern“, sagt Ver­hand­lungs­füh­re­rin Clau­dia Pfeif­fer vom KAV. Dies sei zu­sätz­lich zu den in 2019 be­nö­tig­ten 1350 neu­en Mit­ar­bei­tern für die Ar­beit­ge­ber­sei­te nicht um­setz­bar.

Die BVG selbst zeigt we­nig Ver­ständ­nis für die Ar­beits­nie­der­le­gung. „Ein Streik ist zwar ein le­gi­ti­mes Mit­tel in ei­ner Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zung“, sagt Spre­che­rin Pe­tra Nel­ken dem Ta­ges­spie­gel. „Dass die Ge­werk­schaft aber schon nach dem ers­ten Ver­hand­lungs­tag zu die­sem mas­si­ven Mit­tel greift, ist ziem­lich schwer nach­zu­voll­zie­hen.“

Nel­ken geht da­von aus, dass die BVG die aus­fal­len­den Trans­port­mit­tel kaum er­set­zen kann. Zwar be­tei­lig­ten sich nie al­le Mit­ar­bei­ter an Streik­maß­nah­men. Doch et­wa den U-Bahn-Ver­kehr zu re­geln brau­che so vie­le Mit­ar­bei­ter – vom Zug­füh­rer bis zum Mit­ar­bei­ter im Stell­werk – dass das Sys­tem mit deut­lich we­ni­ger Per­so­nal kaum am Lau­fen ge­hal­ten wer­den kön­ne.

„Wir ge­hen da­von aus, dass na­he­zu al­le Bus­se, Stra­ßen­bah­nen und U-Bah­nen still­ste­hen wer­den“, teilt die BVG auf ih­rer Web­site mit. Auch ei­ni­ge Stun­den nach Be­en­di­gung des Warn­streiks wer­de der Ver­kehr noch un­re­gel­mä­ßig sein.

Die Ver­hand­lun­gen zwi­schen Ver­di und den Ar­beit­ge­bern sol­len am 5. März fort­ge­setzt wer­den.

Fo­to: Im­a­go / Da­vid He­er­de

Da fährt nix. Die­se Auf­nah­me ent­stand bei ei­nem frü­he­ren BVG-Streik. Am Frei­tag wird vor­aus­sicht­lich über vie­le Stun­den der kom­plet­te Be­trieb der BVG zum Er­lie­gen kom­men.

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