Ge­gen die Per­fek­ti­on

Bei „Ber­li­na­le Ta­l­ents“wird Nach­wuchs ein­ge­la­den. Re­gis­seur Phil­ipp Eich­holtz ist Teil da­von

Der Tagesspiegel - - STADTLEBEN - Co­rin­na von Bo­dis­co

Die Neu­köll­ner Sze­ne­knei­pe Lai­dak ist ein Ki­no­kno­ten­punkt: nur 200 Me­ter bis ins Roll­berg­ki­no und nicht weit zum Neu­en Off. „Wenn ich mich hier mit Leu­ten tref­fe, ge­he ich da­nach ins Ki­no“, sagt Phil­ipp Eich­holtz. Der Re­gis­seur und Fil­me­di­tor ist ein häu­fi­ger Gast in den Sä­len dort, so­lan­ge er nicht selbst in ei­ner Pro­duk­ti­on steckt. Dann sei der In­put für das Krea­tiv­sein eher hin­der­lich – man se­he ja nur das, was es schon gibt.

Vor 12 Jah­ren, als vie­le Künst­ler „für den krea­ti­ven Aus­tausch“ka­men, zog auch Eich­holtz nach Ber­lin. Ge­ra­de wohnt er am Tem­pel­ho­fer Ha­fen – dort sei die Mie­te güns­ti­ger als im läs­si­ge­ren Neu­kölln oder Kreuz­berg. Der Kiez sei al­ler­dings so un­spek­ta­ku­lär wie Os­na­brück, wo er her­kommt. „Es gibt ei­nen Me­dia­markt und Kaf­fee kriegt man beim Bä­cker“, fasst er das feh­len­de Kiez­flair zu­sam­men. Es müss­ten ein­fach mehr Künst­ler nach Tem­pel­hof zie­hen.

In sei­ner Kar­rie­re konn­te er die ver­gan­ge­nen Jah­re ei­ni­ge Er­fol­ge ver­bu­chen: Zwei sei­ner Fil­me – „Lie­be mich!“und Lu­ca tanzt lei­se“– wur­den vom Strea­m­ing­an­bie­ter Net­flix an­ge­kauft, „Rü­cken­wind von vorn“er­öff­ne­te ver­gan­ge­nes Jahr die Sek­ti­on Per­spek­ti­ve Deut­sches Ki­no auf der Ber­li­na­le, „Kim hat ei­nen Pe­nis“lief auf dem Film­fest Mün­chen und die­ses Jahr ist der Fil­me­ma­cher beim För­der­pro­gramm „Ber­li­na­le Ta­l­ents“da­bei.

Bis zum 14. Fe­bru­ar tum­melt sich der aus­ge­wähl­te Nach­wuchs in den Heb­bel am Ufer-Thea­tern (HAU). „Es ist ein klei­ner Rit­ter­schlag un­ter den 250 Ta­l­ents zu sein, aber so eli­tär ist es gar nicht. Fast al­le Ver­an­stal­tun­gen sind öf­fent­lich“, er­klärt Eich­holtz. Da­zu zäh­len 25 De­bat­ten, Work­shops mit Fil­me­ma­chern und Film­vor­füh­run­gen von Ta­lent-Alum­ni. Am heu­ti­gen Diens­tag kann das Pu­bli­kum mit Ten­do Na­gen­da, Vi­ze­prä­si­dent für in­ter­na­tio­na­le Ori­gi­nal­pro­duk­tio­nen bei Net­flix, dis­ku­tie­ren und am Mitt­woch spricht die bri­ti­sche Schau­spie­le­rin Char­lot­te Ram­pling über ih­re Kar­rie­re. Gro­ße Na­men al­so, mit de­nen Eich­holtz da ge­mein­sam im HAU un­ter­wegs ist.

CD7. bis 17. Fe­bru­ar

Er selbst ist ein le­ge­rer Typ, sei­ne Fil­me un­ver­krampft und le­ben­dig. Ei­ni­ge Kol­le­gen wür­den über drei Jah­re an ih­rem ers­ten Lang­film ar­bei­ten, aber „das ver­kopft dann so sehr, und es muss per­fekt sein“. Per­fek­ti­on fin­det er lang­wei­lig und hält lie­ber das Ri­si­ko der Im­pro­vi­sa­ti­on aus, um sich je­des Mal neu her­aus­zu­for­dern. Das passt zum dies­jäh­ri­gen Ber­li­na­le Ta­l­ents-The­ma „Mis­ta­kes“– Feh­ler.

Ob in der Kreuz­ber­ger Film­kunst­bar Fitz­car­ral­do oder im Lai­dak: Dort, wo er sich auch pri­vat wohl­fühlt, dre­he er ger­ne, aber Ber­lin selbst spie­le nicht die Haupt­rol­le. Viel­mehr be­stim­men die Fi­gu­ren, die in der Groß­stadt ei­nen Um­bruch durch­le­ben, sei­ne Ge­schich­ten. In der Schluss­sze­ne von „Rü­cken­wind von vorn“denkt die Prot­ago­nis­tin Char­lie im Lai­dak über ihr Le­ben nach.

Ne­ben dem lei­den­schaft­li­chen Fil­me­ma­chen ist da noch die Bud­get­fra­ge und da will Eich­holtz nun an­ders ran­ge­hen. Bis­her hat er sich nie auf grö­ße­re För­de­run­gen der Bun­des­re­gie­rung be­wor­ben, die es für Kul­tur- und Me­dien­schaf­fen­de gibt. Zu „ät­zend“sei ihm der Be­wer­bungs­pro­zess. Das lie­fe sei­ner spon­ta­nen Art zu­wi­der. Das wol­le er aber nun än­dern. Ir­gend­wo muss das Geld ja her­kom­men.

Er kann sich auch vor­stel­len Se­ri­en­for­ma­te zu dre­hen, die dann auf ZDF und ARD lau­fen. Dass er das kann, hat er 2017 als Re­gis­seur von drei Fol­gen der Kri­mi­se­rie „Tat­ver­dacht“be­wie­sen. Der Sen­der RTL, bei dem das lief, su­che Fil­me­ma­cher, die aus dem Im­pro­vi­sa­ti­ons­ta­lent der Schau­spie­ler al­les raus­ho­len. Nun geht er bei Ber­li­na­le Ta­l­ents im HAU auf Pro­du­zen­ten­su­che. Mi­gra­ti­on.

F.: Agen­tur Adam

Phil­ipp Eich­holtz wünscht sich mehr Künst­ler in Tem­pel­hof.

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