Wachs­tums­schmer­zen

Mit dem BIP mes­sen Öko­no­men die Wirt­schafts­kraft. Um­welt­fol­gen flie­ßen da­bei eben­so we­nig ein wie der Wert von Da­ten

Der Tagesspiegel - - WIRTSCHAFT - Von Car­la Neu­haus

Ber­lin - Die deut­sche Wirt­schaft wächst. Für die­ses Jahr sagt die Bun­des­re­gie­rung ein Plus von 1,8 Pro­zent vor­aus. Deutsch­land geht es al­so gut. So deu­ten zu­min­dest vie­le Öko­no­men und Po­li­ti­ker die­se Pro­zent­zahl. Für sie steht der An­stieg des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) syn­onym für mehr Wohl­stand, mehr Er­folg, mehr Teil­ha­be. Wenn die Wirt­schaft wächst, so die The­se, pro­fi­tie­ren al­le: Un­ter­neh­mer, Ver­brau­cher, An­ge­stell­te. Aber ist das so? Geht es Deutsch­land wirk­lich noch im­mer so gut, wie die Wirt­schafts­da­ten es ver­mu­ten las­sen?

Die Grü­nen zu­min­dest stel­len das in Fra­ge. Zum drit­ten Mal ha­ben sie jetzt ih­ren Jah­res­wohl­stands­be­richt vor­legt. Sie wol­len da­mit je­ne Aspek­te be­leuch­ten, die ih­nen im Wirt­schafts­be­richt der Re­gie­rung feh­len. „Es ist nicht al­lein die Wirt­schaft, wel­che un­se­re Le­bens­qua­li­tät und un­ser Wohl­er­ge­hen be­stimmt“, heißt es im Be­richt der Grü­nen.

Acht Ka­te­go­ri­en aus den Be­rei­chen Öko­no­mie, Öko­lo­gie und So­zia­les ha­ben die Au­to­ren un­ter­sucht und sie an­hand ei­nes Am­pel­sys­tems be­wer­tet. In das Er­geb­nis fließt zum Bei­spiel auch ein, wie sich die Ar­ten­viel­falt in der Na­tur ent­wi­ckelt oder wie viel der Staat in Bil­dung in­ves­tiert. Nur weil die Wirt­schaft wächst, heißt das schließ­lich nicht au­to­ma­tisch auch, dass es dem Ein­zel­nen oder der Um­welt gut geht. „Wohl­stand ist nicht gleich Wachs­tum“, sagt Kers­tin And­reae, Spre­che­rin der Grü­nen-Frak­ti­on im Bun­des­tag.

So ist das Bild, das die Au­to­ren des Wohl­stands­be­richts von Deutsch­land zeich­nen, dann auch recht pes­si­mis­tisch. Ver­bes­sert hat sich seit ih­rer letz­ten Aus­wer­tung 2017 kaum et­was. Sie­ben der acht Am­peln ih­rer Ana­ly­se ste­hen auf Gelb oder Rot. Le­dig­lich bei der Rechts­staat­lich­keit ist es um Deutsch­land dem­zu­fol­ge gut be­stellt. Grü­nen-Po­li­ti­ke­rin And­reae spricht des­halb von ei­nem „il­lu- sio­nä­ren Wohl­stand“, der uns hier­zu­lan­de in fal­scher Si­cher­heit wie­ge. Sie kri­ti­siert, dass die Bun­des­re­gie­rung ih­re Po­li­tik noch im­mer viel zu stark an die­ser ei­nen Kenn­zahl aus­rich­tet: dem Brut­to­in­lands­pro­dukt.

Das BIP ist der wohl be­kann­tes­te Maß­stab für die Ent­wick­lung der Wirt­schaft. 2018 lag es in Deutsch­land bei 3,39 Bil­lio­nen Eu­ro. So viel wa­ren al­so al­le Wa­ren und Dienst­leis­tun­gen wert, die hier­zu­lan­de im ver­gan­ge­nen Jahr er­stellt wor­den sind. Er­fun­den hat die­se Kenn­zahl in den 1930er Jah­ren der ame­ri­ka­ni­sche Öko­nom Si­mon Kuz­nets, der spä­ter den Wirt­schafts­no­bel­preis er­hielt. Kuz­nets selbst hat al­ler­dings schon da­mals dar­auf hin­ge­wie­sen, dass man die­sen Wert nicht über­in­ter­pre­tie­ren darf. So sa­ge die­se Zahl eben nichts dar­über aus, wie es den Men­schen tat­säch­lich geht.

Um das deut­lich zu ma­chen, füh­ren Öko­no­mie-Pro­fes­so­ren in ih­ren Vor­le­sun­gen ger­ne das Bei­spiel des Au­to­un­falls an. Wenn be­son­ders vie­le Fah­rer ei­nen Un­fall bau­en, steigt näm­lich theo­re­tisch die Wirt­schafts­leis­tung. Schließ­lich müs­sen die Wa­gen dann in die Werk­statt, die auf die­se Wei­se mehr Auf­trä­ge be­kommt und so mehr Mit­ar­bei­ter be­schäf­ti­gen kann. Das lässt das BIP stei­gen. Gleich­zei­tig ist aber na­tür­lich klar: We­der für die Be­trof­fe­nen noch für die Ge­sell­schaft ist es wün­schens­wert, dass be­son­ders vie­le Au­to­un­fäl­le pas­sie­ren.

Ähn­lich ist das bei den Aus­wir­kun­gen auf die Um­welt. Wenn ein Land­wirt auf sei­nem Feld be­son­ders viel Dün­ger aus­bringt, kann er am En­de mehr Ge­trei­de ern­ten – die Wirt­schafts­leis­tung steigt. Dass er gleich­zei­tig aber die Um­welt schä­digt, weil mit dem Dün­ger Pho­spor ins Grund­was­ser ge­langt, fin­det in der Sta­tis­tik der­weil kei­nen Nie­der­schlag. Das glei­che gilt für so­zia­le Aspek­te. Wenn mehr Men­schen ei­nen Job fin­den, tra­gen sie da­mit eben­falls zur Wirt­schafts­leis­tung bei. Das sagt aber nichts dar­über aus, wie ge­recht die Ein­kom­men in­ner­halb des Lan­des ver­teilt sind. Eben des­halb wün­schen sich die Grü­nen ei­ne neue Wohl­stands­mes­sung.

Be­kannt ist die­ses Pro­blem schon län­ger. Der Bun­des­tag hat so­gar zwi­schen 2010 und 2013 schon ein­mal ei­ne En- que­te-Kom­mis­si­on mit der Fra­ge be­schäf­tig, wie man den Wohl­stand an­ders mes­sen kann. Her­aus­ge­kom­men sind da­bei fast 1000 Sei­ten mit Ana­ly­sen – aber kei­ne Al­ter­na­ti­ve zum BIP. Fast 50 Son­der­vo­ten um­fass­te der Be­richt, so un­ei­nig wa­ren sich die Ex­per­ten.

Da­bei wird die Fra­ge, wie wir in Zu­kunft den Wohl­stand mes­sen, im­mer drän­gen­der. Denn au­ßen vor blei­ben beim BIP nicht nur öko­lo­gi­sche Fol­gen. Auch die Di­gi­ta­li­sie­rung fließt nur be­grenzt ein. Schließ­lich wird beim BIP vor al­lem ge­mes­sen, wie vie­le Wa­ren wie Au­tos oder Stahl pro­du­ziert wer­den. An­ders als bei solch phy­si­schen Ge­gen­stän­den lässt sich aber der Wert von Da­ten­sät­zen nur schwer be­zif­fern. Das Sta­tis­ti­sche Bun­des­amt be­hilft sich des­halb mit den Zah­len, die die Fi­nanz­äm­ter ih­nen über die Tech­fir­men über­mit­teln.

Vie­les bleibt so aber un­be­rück­sich­tigt. Wenn Wi­ki­pe­dia zum Bei­spiel sein On­lin­elexi­kon kos­ten­los zur Ver­fü­gung stellt, fließt das nicht in die Rech­nung ein – ob­wohl es die Men­schen durch­aus vor­an bringt. Ähn­li­ches gilt für die Nut­zung von Such­ma­schi­nen wie Goog­le oder so­zia­ler Netz­wer­ke wie Face­book, Ins­ta­gram oder Youtu­be. Der MIT-Pro­fes­sor Erik Bryn­jolfs­son hat er­rech­net, dass all das den Wohl­stand der Ame­ri­ka­ner jähr­lich um 100 Mil­li­ar­den Dol­lar stei­gert – oh­ne das es in ei­ner of­fi­zi­el­len Sta­tis­tik auf­taucht. Mit an­de­ren Wor­ten: Die Er­run­gen­schaf­ten der Di­gi­ta­li­sie­rung wer­den öko­no­misch ge­se­hen ex­trem un­ter­schätzt. Der Ham­bur­ger Öko­nom Tho­mas Straub­haar schreibt: „Des­halb sind das BIP und sei­ne Mess­ver­fah­ren von ge­rin­ge­rer Aus­sa­ge­kraft denn je.“

Ein Pro­blem ist das, weil Öko­no­men bis­lang schlicht kei­ne Al­ter­na­ti­ve zum BIP ge­fun­den ha­ben. Da­bei wuss­te schon US-Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat Ro­bert F. Ken­ne­dy: „Das Brut­to­in­lands­pro­dukt misst al­les, au­ßer dem, was das Le­ben le­bens­wert macht.“

Die Grü­nen sa­gen: Wachs­tum ist nicht gleich Wohl­stand

Di­gi­ta­le An­ge­bo­te wer­den von Öko­no­men bis­lang noch un­ter­schätzt

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