„Nur noch ein­mal pro Mo­nat ge­gen HIV sprit­zen“

Paul Stof­fels, For­schungs­chef bei John­son & John­son, über Impf­pro­gram­me und teu­re Me­di­ka­men­te

Der Tagesspiegel - - WISSEN & FORSCHEN -

„Wenn wir nur zu­sam­men­ar­bei­ten wür­den, könn­ten wir ei­ne Welt oh­ne Krank­hei­ten schaf­fen.“Die­ser Satz stammt von Ih­nen. Glau­ben Sie wirk­lich, dass das mög­lich ist?

Ei­ne Welt ganz oh­ne Krank­hei­ten, das ist na­tür­lich ein ho­her An­spruch. Aber wenn man sich Krank­heit für Krank­heit vor­nimmt, dann ist zu­min­dest ei­ne Welt oh­ne be­stimm­te Krank­hei­ten ab­so­lut mög­lich.

An ir­gend­et­was er­kran­ken Men­schen doch im­mer, frü­her meist an In­fek­ti­ons­krank­hei­ten, jetzt wer­den sie äl­ter und be­kom­men Krebs und Alz­hei­mer.

Meist be­han­deln wir Men­schen erst ge­gen En­de ih­res Er­kran­kungs­pro­zes­ses, wenn sie schon sehr krank sind. Wir müs­sen viel frü­her an­fan­gen und den Aus­bruch ei­ner Er­kran­kung ver­hin­dern oder wäh­rend der Ent­ste­hung ein­schrei­ten.

(56) kam 2002 zu John­son & John­son. Seit 2012 ist er welt­wei­ter For­schungs­chef des Phar­ma­kon­zerns. Zu Be­ginn sei­ner Kar­rie­re forsch­te der Arzt in Afri­ka zu HIV.

Ein Bei­spiel?

HIV. An­fangs ha­ben wir mit der Be­hand­lung erst be­gon­nen, wenn die An­zahl be­stimm­ter Immun­zel­len im Blut un­ter ei­ne be­stimm­te Schwel­le ge­sun­ken war und der Aus­bruch der Aids-Er­kran­kung, der Im­mun­schwä­che, un­mit­tel­bar be­vor­stand. Jetzt wis­sen wir, dass man die Be­hand­lung viel frü­her be­gin­nen und die Ver­meh­rung der Vi­ren so früh wie mög­lich und ein Le­ben lang un­ter­drü­cken muss. Da­durch sen­ken wir das Ri­si­ko von Krebs und an­de­ren Er­kran­kun­gen, die Fol­ge ei­nes ge­schwäch­ten Im­mun­sys­tems sein kön­nen.

Es ist nicht im­mer so klar wie bei HIV zu be­le­gen, dass ei­ne frü­he Be­hand­lung auch wirk­lich dem Pa­ti­en­ten und nicht nur der Bi­lanz des Arz­nei­mit­tel­her­stel­lers nützt. Das liegt dar­an, dass Stu­di­en, die die Wirk­sam­keit ei­ner prä­ven­ti­ven Be­hand­lung für Pa­ti­en­ten in frü­hen Er­kran­kungs­sta­di­en oder gar bei Ge­sun­den be­le­gen kön­nen, viel län­ger dau­ern als Stu­di­en an Pa­ti­en­ten in spä­ten Pha­sen ei­ner Krank­heit. Au­ßer­dem müs­sen wir erst die Bio­mar­ker ken­nen, al­so be­stimm­te Ei­wei­ße oder sons­ti­ge An­zei­chen, die uns an­zei­gen kön­nen, dass sich bei ei­nem noch nicht er­krank­ten Men­schen ei­ne ge­fähr­li­che Krank­heit zu ent­wi­ckeln be­ginnt. Um künf­tig nicht nur prä­ven­ti­ve Me­di­zin an­zu­wen­den, son­dern Krank­hei­ten ir­gend­wann von vorn­her­ein so­gar ver­hin- dern zu kön­nen, müs­sen wir viel en­ger mit der aka­de­mi­schen, wis­sen­schaft­li­chen und me­di­zi­ni­schen Ge­mein­schaft zu­sam­men­ar­bei­ten.

Krank­hei­ten gar nicht erst ent­ste­hen zu las­sen – das klingt nach ei­nem Lu­xus-Pro­blem an­ge­sichts der Tat­sa­che, dass in Ent­wick­lungs­län­dern vie­le Krank­hei­ten nicht be­han­delt wer­den, die in Eu­ro­pa und den USA längst heil­bar sind. Was tun Phar­ma­kon­zer­ne wie Ih­rer, um das zu än­dern? Zwei­er­lei. Zum ei­nen kön­nen wir The­ra­pi­en so ver­ein­fa­chen, dass sie auch in Ge­sund­heits­sys­te­men mit ein­ge­schränk­ter In­fra­struk­tur an­wend­bar sind. Wie­der ist die HIV-The­ra­pie ein gu­tes Bei­spiel. An­fangs wa­ren bis zu 30 Ta­blet­ten zwei­mal am Tag nö­tig, um die Vi­ren in Schach zu hal­ten. Jetzt – vie­le wis­sen­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen spä­ter – reicht ei­ne Ta­blet­te pro Tag. Das ist ein­fach zu ver­schrei­ben, zu ver­brei­ten und zu er­klä­ren – auch in stark be­trof­fe­nen Nied­rig­lohn­län­dern, wo die Be­hand­lung nun auch er­hält­lich ist. Jetzt ge­hen wir noch ei­nen Schritt wei­ter: Ak­tu­ell ent­wi­ckeln wir in ei­nem Kol­la­bo­ra­ti­ons­pro­jekt ei­ne lang wirk­sa­me In­jek­ti­on, die nur ein­mal pro Mo­nat und mög­li­cher­wei­se so­gar nur al­le zwei Mo­na­te ver­ab­reicht wer­den muss.

Und der an­de­re Aspekt?

Wir kön­nen da­zu bei­tra­gen, dass Krank­hei­ten, die in vie­len Ent­wick­lungs­län­dern aus fi­nan­zi­el­len Grün­den un­glaub­lich schwer zu be­han­deln sind, gar nicht erst ent­ste­hen. Da­her ist Prä­ven­ti­on auch die ef­fek­tivs­te Stra­te­gie, so­wohl für In­dus­trie- als auch Ent­wick­lungs­län­der. Prä­ven­ti­on ist der ein­zi­ge Weg, um die jähr­lich zwei Mil­lio­nen HIV-Neu­in­fek­tio­nen auf­zu­hal­ten. Zu die­sem Zweck tes­ten wir der­zeit ei­nen Impf­stoff ge­gen HIV, das Er­geb­nis von 15 Jah­ren For­schung und Ent­wick­lung. Ein wirk­sa­mer Impf­stoff ge­gen HIV wä­re auch hilf­reich, um Tu­ber­ku­lo­se ein­zu­däm­men – ei­ne Krank­heit, die über im­mun­schwa­che HIV-Pa­ti­en­ten ei­ne neue Ver­brei­tung ge­fun­den hat und in­zwi­schen die ge­fähr­lichs­te und töd­lichs­te In­fek­ti­ons­krank­heit welt­weit ist. Bei der Be­kämp­fung von HIV, Tu­ber­ku­lo­se und an­de­ren Krank­hei­ten, ob es nun dar­um geht, sie zu ver­hin­dern, zu be­han­deln oder zu hei­len, ist das End­ziel das­sel­be: die not­wen­di­gen Me­di­ka­men­te und Impf­stof­fe be­reit­zu­stel­len, die In­fek­tio­nen ver­hin­dern, Le­ben zu ret­ten und ei­ne bes­se­re Ge­sund­heit für al­le und übe­r­all zu för­dern. HIV-Impf­stof­fe ha­ben bis­lang stets ver­sagt. War­um soll­ten Sie er­folg­rei­cher sein? Die Hür­de ist hoch. Aber das HIV-Feld hat aus den Feh­lern ge­lernt. Der HIV-Impf­stoff­kan­di­dat RV144, der vor sie­ben Jah­ren in Thai­land ge­tes­tet wur­de, hat­te im­mer­hin ei­ne Schutz­ra­te von et­wa 30 Pro­zent. Un­ser Impf­stoff­kan­di­dat hat in Tier­ver­su­chen ei­ne sehr viel hö­he­re Schutz­ra­te er­reicht. Wie sich die­ser in Tests an Men­schen be­wäh­ren wird, kön­nen wir nicht vor­her­se­hen, aber die Chan­cen ste­hen gut, dass wir ei­ne Schutz­ra­te von 50 Pro­zent er­rei­chen kön­nen – hof­fent­lich bes­ser als der Impf­stoff­kan­di­dat, der in Thai­land ge­tes­tet wur­de.

Sie er­wähn­ten Tu­ber­ku­lo­se, die im Zu­ge der HIV-Epi­de­mie wie­der dras­tisch zu­ge­nom­men hat. Trotz­dem hat die WHO das Ziel, TB bis 2030 zu „be­en­den“. Ist das rea­lis­tisch? Es ist rea­lis­tisch, Tu­ber­ku­lo­se auf ei­nem sehr ge­rin­gen Le­vel zu hal­ten. Die Bak­te­ri­en aus­zu­rot­ten, wird schwie­rig sein, da mehr als ei­ne Mil­li­ar­de Men­schen den Er­re­ger tra­gen, oh­ne zu er­kran­ken. In In­dus­trie­län­dern wie Deutsch­land sor­gen wirk­sa­me Kon­troll­sys­te­me da­für, dass Tu­ber­ku­lo­se kei­ne Be­dro­hung für die öf­fent­li­che Ge­sund­heit dar­stellt. Mit­hil­fe von Scree­nings wer­den Be­trof­fe­ne iden­ti­fi­ziert und er­hal­ten Zu­gang zu ei­ner wirk­sa­men Be­hand­lung. Das soll­te auch an­ders­wo mög­lich sein. Die Her­aus­for­de­rung be­steht dar­in, al­le in­fi­zier­ten Be­völ­ke­rungs­grup­pen in Län­dern mit ho­her Prä­va­lenz wie Süd­afri­ka, In­di­en und an­de­re zu er­rei­chen. Dass die­se Men­schen dia­gnos­ti­ziert wer­den, Zu­gang zu Pfle­ge und ei­ne wirk­sa­me Be­hand­lung er­hal­ten. Au­ßer­dem müs­sen wir uns mit arz­nei­mit­tel­re­sis­ten­ten For­men des Er­re­gers be­fas­sen und si­cher­stel­len, dass ei­ne sehr ein­fa­che, wirk­sa­me The­ra­pie ver­füg­bar ist.

Sie bie­ten schon ein Me­di­ka­ment ge­gen mul­ti­re­sis­ten­te TB an: Be­daqui­lin. „Ärz­te oh­ne Gren­zen“kri­ti­siert, es sei zu teu­er. Als wir den Wirk­stoff vor fünf Jah­ren ein­führ­ten, ha­ben wir ver­schie­de­ne Preis­sys­te­me eta­bliert: 30 000 Dol­lar für Län­der mit ho­hem Ein­kom­men, 3000 Dol­lar in Schwel­len­län­dern und 900 Dol­lar in Ent­wick­lungs­län­dern. Das war schon sehr nied­rig und wir ha­ben die Kos­ten noch wei­ter ge­senkt auf 400 Dol­lar für ei­ne The­ra­pie in al­len Schwel­len- und Ent­wick­lungs­län­dern, um den Vor­ga­ben zu ent­spre­chen. Wir ha­ben 15 Jah­re in die Tu­ber­ku­lo­se-For­schung in­ves­tiert und si­cher mehr als 500 Mil­lio­nen Dol­lar. Und ob­wohl wir Glück hat­ten, so schnell die­sen Wirk­stoff zu fin­den, wer­den wir nie Geld da­mit ver­die­nen. Nie­mals. An­ders als HIV-Me­di­ka­men­te, die auch in den In­dus­trie­län­dern ei­nen lu­kra­ti­ven Markt ha­ben und da­durch gro­ße In­ves­ti­tio­nen in For­schung und Ent­wick­lung recht­fer­ti­gen, ren­tie­ren sich Tu­ber­ku­lo­se-The­ra­pi­en dort nicht. Hin­zu kommt, dass die we­ni­gen Antibiotika, die ge­gen mehr­fach re­sis­ten­te Bak­te­ri­en wie die Tu­ber­ku­lo­se-Er­re­ger wir­ken, in prak­tisch je­dem Land von den Ge­sund­heits­be­hör­den nur sehr re­strik­tiv ein­ge­setzt wer­den – aus gu­tem Grund. Nur ist das kein An­reiz für mehr In­ves­ti­tio­nen. Den Preis für die we­ni­gen An­wen­dun­gen in die Hö­he zu trei­ben, kann al­ler­dings auch nicht die Lö­sung sein. Wie lie­ße sich das Sys­tem än­dern?

Je­den­falls reicht es nicht, al­lein der Phar­ma­in­dus­trie die Schuld zu ge­ben, dass zu we­nig in die Ent­wick­lung von Antibiotika oder an­de­ren Me­di­ka­men­ten in­ves­tiert wird, de­ren Ent­wick­lungs­kos­ten der Markt nicht de­cken kann. Es braucht Part­ner­schaf­ten mit öf­fent­li­chen Geld­ge­bern und An­rei­ze für Fir­men, da­mit mehr Me­di­ka­men­te und Impf­stof­fe ent­wi­ckelt wer­den kön­nen, die im In­ter­es­se der glo­ba­len, öf­fent­li­chen Ge­sund­heit sind. Ein In­stru­ment sind bei­spiels­wei­se „Gut­schei­ne“, wie wir sie für Be­daqui­lin be­kom­men ha­ben. Da­mit kann die Zu­las­sungs­prü­fung an­de­rer Me­di­ka­men­te be­schleu­nigt wer­den, was ei­nen ge­wis­sen Wert und An­reiz für Un­ter­neh­men dar­stellt. Aber es braucht mehr sol­cher An­sät­ze.

Auch Ebo­la ge­hört zu den Krank­hei­ten, die für Phar­ma­fir­men lan­ge un­in­ter­es­sant wa­ren – bis die Angst vor ei­nem bio­ter­ro­ris­ti­schen Miss­brauch der Vi­ren zur För­de­rung öf­fent­li­cher und pri­va­ter For­schung führ­te. Ebo­la ist ein groß­ar­ti­ges Bei­spiel für die Zu­sam­men­ar­beit, von der ich ge­spro­chen ha­be. Hier bie­ten sich nur be­grenz­te wirt­schaft­li­che Mög­lich­kei­ten. Des­halb ha­ben wir uns mit Re­gie­run­gen, der „In­no­va­ti­ve Me­di­ci­nes In­itia­ti­ve“und an­de­ren Part­nern zu­sam­men­ge­schlos­sen, um die Ent­wick­lung von Impf­stoff­kan­di­da­ten vor­an­zu­trei­ben. Zu­sam­men mit die­sen Part­nern ha­ben wir in die Ent­wick­lung ei­nes Ebo­la-Impf­stoffs in­ves­tiert. Der­zeit ist un­ser „Mo­sa­ik“-Impf­stoff in ei­ner kli­ni­schen Prü­fung der Pha­se 2/3. Über sechs­tau­send Frei­wil­li­ge wur­den be­reits ge­impft.

Wird die Vak­zi­ne auch im Nor­den der De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik Kon­go ge­tes­tet, wo die Ebo­la-Epi­de­mie mitt­ler­wei­le 400 To­des­op­fer ge­for­dert hat?

Nein, aber an­ge­sichts der La­ge re­den wir mit der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on WHO dar­über, ob un­ser Impf­stoff zu­sätz­lich zum schon ein­ge­setz­ten ZEBOV-Impf­stoff ge­nutzt wer­den könn­te.

Der Krieg er­schwert die Be­mü­hun­gen, die Seu­che ein­zu­däm­men. Wie be­sorg­nis­er­re­gend schät­zen Sie die La­ge ein, kann dar­aus ei­ne Epi­de­mie wie 2014 wer­den? Ebo­la ist ei­nes der töd­lichs­ten Vi­ren der Welt. Und die Seu­che greift in ei­ner Kriegs­zo­ne um sich. Das Ri­si­ko für Hel­fer an vor­ders­ter Front ist groß und die Mil­lio­nen Men­schen in der Re­gi­on sind sehr mo­bil. Das ist das per­fek­te Sze­na­rio für ei­ne Seu­che. In Sier­ra Leo­ne, wo ich 2014 wäh­rend der Ebo­la-Epi­de­mie war, wur­de die Ver­brei­tung durch dras­ti­sche Hy­gie­ne­maß­nah­men ge­stoppt: Vor je­dem öf­fent­li­chen Ge­bäu­de, je­der Schu­le, je­dem Ho­tel wur­de die Kör­per­tem­pe­ra­tur kon­trol­liert. Je­der per­sön­li­che Kon­takt war ver­bo­ten. Das ist in ei­ner Kriegs­zo­ne bei­na­he un­mög­lich durch­zu­set­zen. Aber die WHO ist jetzt bes­ser vor­be­rei­tet als da­mals. Es gibt Teams, die schnell ein­grei­fen, und die­ses Mal gibt es ei­nen Impf­stoff. Die Si­tua­ti­on ist zwar schwie­rig, aber wir sind zu­ver­sicht­lich, dass sie ein­ge­dämmt wer­den kann.

— Das Ge­spräch führ­te Sa­scha Kar­berg.

Fo­to: Si­mon Mai­na/AFP

Ge­gen das Vi­rus. Fast 70 Pro­zent der welt­weit 37 Mil­lio­nen HIV-In­fi­zier­ten le­ben in Afri­ka. Die le­bens­ret­ten­den Me­di­ka­men­te sind dort oft nicht ver­füg­bar.

Paul Stof­fels

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