Ba­le fühl­te sich wie ein Och­sen­frosch, ei­ne Bull­dog­ge oder ein Wal­ross

Der Tagesspiegel - - BERLINALE - Chris­ti­an Schrö­der Andre­as Con­rad

Macht ist ei­ne Fra­ge der rich­ti­gen In­to­na­ti­on. Wer Macht be­sitzt hat es nicht nö­tig, laut zu wer­den. Denn er kann sich drauf ver­las­sen, dass man auf ihn hört. Am En­de ei­ner Kri­sen­sit­zung, in der es um die Fra­ge geht, ob die USA den Irak an­grei­fen sol­len, wo­von der Au­ßen­mi­nis­ter und die Si­cher­heits­be­ra­te­rin we­nig hal­ten, hat Dick Che­ney in der ful­mi­nan­ten Po­lit­dramö­die „Vice – Der zwei­te Mann“das letz­te Wort. „Sie sind der Prä­si­dent“, flüs­tert er Ge­or­ge W. Bush zu. „Sie soll­ten Ih­re Macht nicht tei­len, nicht mit der Uno oder mit sonst wem.“Das leuch­tet Bush ein: „Ich bin der Prä­si­dent, ich möch­te das ma­chen.“Der Krieg kann be­gin­nen.

Man hat fast schon ver­ges­sen, dass es be­reits vor Do­nald Trump ei­ni­ge fürch­ter­li­che ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­den­ten ge­ge­ben hat. Im Adam McKays Film, der au­ßer Kon­kur­renz läuft, kom­men zwei vor. Dick Che­ney be­ginnt sei­ne Kar­rie­re un­ter Ri­chard Ni­xon, dem Wa­ter­ga­te-Lüg­ner. Un­ter Ge­or­ge W. Bush wird er der wahr­schein­lich mäch­tigs­te Vi­ze­prä­si­dent, den es je­mals gab. Er be­sit­ze die Ga­be, „selbst die ab­stru­ses­ten Ide­en glaub­wür­dig klin­gen zu las­sen“, heißt es ein­mal über sei­nen Auf­stieg. Ei­ne sol­che Idee ist es, nach dem elf­ten Sep­tem­ber in den Irak ein­zu­mar­schie­ren, we­gen Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen, die das Land nie­mals be­ses­sen hat.

Chris­ti­an Ba­le ist die Haupt­at­trak­ti­on des für acht Os­cars no­mi­nier­ten Films. Er spielt Che­ney in ei­nem er­staun­li­chen Akt der Mi­mi­kry, kriecht förm­lich hin­ein in die Rol­le, für die er sich zwan­zig Ki­lo an­ge­fres­sen ha­ben soll. Ein wuch­ti­ger Mann, der von Ba­gels und Plun­der­teil­chen lebt. Sein Mund ist ein Strich, Ge­fühls­aus­brü­che sind ihm fremd. Je wei­ter der Film vor­an­schrei­tet, des­to sto­cken­der und lei­ser re­det er.

Am An­fang kurvt Che­ney in Schlan­gen­li­ni­en durch das Wyo­ming des Jah­res 1963. Er lan­det we­gen Trun­ken­heit im Knast. Nach­dem er sein Sti­pen­di­um in Ya­le ver­lo­ren hat, ver­legt er in ei­ner Ar­beits­ko­lon­ne Strom­lei­tun­gen. Sei­ne Ehe­frau, von Amy Adams als re­so­lu­tes blon­des Biest ver­kör­pert, stellt ihm ein Ul­ti­ma­tum: „Ent­we­der du hältst dich jetzt ge­ra­de – oder ich bin weg.“Bald dar­auf fängt der Gat­te im Kon­gress in Wa­shing-

CD­ton an, der spä­te­re Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Do­nald Rums­feld führt ihn in die Kunst der In­tri­ge ein. Ste­ve Ca­rell macht aus dem Men­tor, der spä­ter ein Er­fül­lungs­ge­hil­fe des Vi­ze­prä­si­den­ten sein wird, ei­ne maul­wurfs­ar­ti­ge Fi­gur, die un­ab­läs­sig Flü­che und Obszö­ni­tä­ten aus­stößt. Ir­gend­wann hat Che­ney be­grif­fen, wie Po­li­tik funk­tio­niert, fragt aber si­cher­heits­hal­ber Rums­feld: „Wor­an glau­ben wir?“„Der ist gut“, ent­geg­net „Rum­my“und be­ginnt prus­tend zu la­chen.

Adam McKay hat schon mit „The Big Short“, sei­nem Film über die Fi­nanz­kri­se, vor­ge­macht, wie man aus ei­nem kom­ple­xen The­ma ei­nen höchst un­ter­halt­sa­men, päd­ago­gisch wert­vol­len Plot ge­ne­rie­ren kann. Auch „Vice“schil­lert zwi­schen Ko­mö­die und Dra­ma, ge­gen En­de, wenn es um die Bom­ben auf Bag­dad, die Fol­ter in Guan­ta­na­mo und die laut Ab­spann 500 000 zi­vi­len Op­fer des Irak­kriegs geht, ist es fast ei­ne Tra­gö­die.

Wenn Che­ney und der töl­pel­haf­te Ge­or­ge W. Bush (Sam Rock­well) das Wei­ße Haus er­obern, wird in ei­nem Brett­spiel ge­zeigt, wie der Vi­ze den Prä­si­den­ten mit Mit­ar­bei­tern ein­kreist. Bei sei­nem Be­mü­hen, de­mo­kra­ti­sche Kon­troll­in­stan­zen aus­zu­he­beln, folgt Che­ney der „Theo­rie der ein­heit­li­chen Macht­fül­le“. Die Er­geb­nis­se ser­viert ein Kell­ner in ei­nem ita­lie­ni­schen Re­stau­rant. Es gibt Sha­ke­speare-Dia­lo­ge als Bett­ge­flüs­ter, phi­lo­so­phi­sche Sze­nen zu Che­neys Herz­trans­plan­ta­ti­on, und ei­nen Durch­schnitt- same­ri­ka­ner als Er­zäh­ler, der über den oft un­sicht­bar agie­ren­den Hel­den staunt: „Er war ein Ge­spenst.“

„Vice“zollt Che­ney durch­aus Tri­but. Er ist kein Schur­ke, bloß ein Strip­pen­zie­her, der kei­ne Skru­pel kennt. Sei­ne Fa­mi­lie liebt er be­din­gungs­los. Zu­letzt wen­det er sich di­rekt an die Zu­schau­er: „Es war mir ei­ne Eh­re, Ih­nen zu die­nen. Ich tat, was Sie woll­ten.“

— 12.2., 9.30 Uhr (HdBF), 12.2., 12 Uhr (Fried­rich­stadt­pa­last), 12.2., 22.30 Uhr (In­ter­na­tio­nal), 15.2., 22.45 Uhr (HdBF)

Es ist ja nicht so, dass es auf Pres­se­kon­fe­ren­zen zu Fil­men über den Lauf der Welt im­mer nur um das gin­ge, was die­se Welt im In­ners­ten zu­sam­men­hält. Die bei­den Män­ner vor­ne auf dem Po­di­um wa­ren ge­ra­de noch ganz bei der Sa­che, da fällt ei­nem plötz­lich ein Schnip­sel be­lang­lo­ser Wirk­lich­keit im Saal auf und reizt ihn zum Kom­men­tar. Im Fal­le von Chris­ti­an Ba­le et­wa der blan­ke Bauch­na­bel un­ter­halb des zu kur­zen, viel­leicht nur nach­läs­sig ge­knöpf­ten Hem­des ei­nes in den vor­de­ren Rei­hen sit­zen­den Jour­na­lis­ten. Oder spä­ter das aus­la­den­de Rie­sen­ob­jek­tiv ei­ner auf ihn ge­rich­te­ten Ka­me­ra, so et­was ha­be er ja noch nie ge­se­hen. Ei­nen Jux will er sich ma­chen, wie zu­vor schon Re­gis­seur Adam McKay, der, ge­fragt nach der Be­zie­hung zwi­schen ihm und Ba­le, wie­der­holt mit stren­ger Stim­me flapst, es gä­be hier „kei­nen Kom­men­tar zu mei­ner Be­zie­hung zu Mr. Ba­le“. Dann eben nicht.

An­sons­ten blie­ben die bei­den durch­aus ernst­haft, wirk­ten in ih­ren Ant­wor­ten bis­wei­len so­gar un­ge­mein bild­kräf­tig: Wie Ba­le sich mit den zu­sätz­lich an­ge­fut­ter­ten Pfun­den in Dick Che­neys Kör­per ge­fühlt ha­be? Der hat­te gleich zwei Ver­glei­che zur Hand: Wie ein Och­sen­frosch, wie ei­ne Bull­dog­ge, und auch als Wal­ross sei er be­schrie­ben wor­den. Wohl­be­fin­den fühlt sich an­ders an: „Ich glau­be, mein Kör­per schreit: ,Du stirbst bald, wenn du so wei­ter­machst.’“

Aber trotz der dem Ori­gi­nal an­ge­nä­her­ten Sta­tur: Letzt­lich sei ihm Che­ney ein Rät­sel ge­blie­ben, be­kann­te Ba­le, der zu Be­ginn der Pres­se­kon­fe­renz mit Bei­falls­ju­bel emp­fan­gen wor­den war: „Ich ha­be un­end­lich vie­le Fra­gen, die ich dem Mann stel­len wür­de.“Und ger­ne wür­de er wis­sen: Ver­mag so ei­ner noch gut zu schla­fen, und wie kann er in schein­ba­rer Nor­ma­li­tät, als lie­be­vol­ler Ehe­mann und gu­ter Va­ter, le­ben an­ge­sichts sei­ner Gräu­el­ta­ten, der un­zäh­li­gen Men­schen, die er in ei­nen un­ethi­schen Krieg ge­trie­ben hat. Dick Che­ney – für Ba­le ein Mann vol­ler Wi­der­sprü­che, sein Le­ben letzt­lich auch „ei­ne tra­gi­sche Ge­schich­te, et­was Trau­ri­ges, sehr Men­sch­li- ches“. Ei­ne Ein­schät­zung, die der Re­gis­seur teilt. Wenn man schon nach dem Gen­re des Films fra­ge, dann tref­fe am ehes­ten „ko­mi­sche Tra­gö­die“oder „Sha­ke­spear­sche Tra­gö­die“zu.

Wo­bei für die­ses „Cha­rak­ter­por­trät“die Schwie­rig­keit be­stan­den ha­be, das Che­ney „nur we­ni­ge Brö­sel“hin­ter­las­sen ha­be, be­müht, im Hin­ter­grund zu ar­bei­ten. Doch sei für den Film sehr viel re­cher­chiert wor­den, in al­ten Me­dien­be­rich­ten et­wa, und es sei­en auch ei­ge­ne Jour­na­lis­ten be­auf­tragt wor­den, In­ter­views über Che­ney zu füh­ren. Re­ak­tio­nen aus des­sen Fa­mi­lie ha­be er noch nicht be­kom­men, sag­te McKay. Ei­ne der Töch­ter ha­be er im In­ter­net als Fol­lo­wer, ge­äu­ßert ha­be sie sich noch nicht.

Ver­wand­lungs­künst­ler. Chris­ti­an Ba­le in Ber­lin.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.