Sind doch nur Lei­chen

De­nis Côté mit „Ghost Town Antho­lo­gy“

Der Tagesspiegel - - BERLINALE 2019 - Till Ka­dritz­ke

WETT­BE­WERB

Sil­ves­ter ist ei­ne tris­te An­ge­le­gen­heit im ka­na­di­schen Pro­vinz­dorf Iré­née­les-Nei­ges, 215 Ein­woh­ner. Die we­ni­gen Fei­er­wil­li­gen ha­ben sich im ein­zi­gen Re­stau­rant ver­sam­melt, der In­ha­ber muss sich für gu­te Stim­mung so ins Zeug le­gen, dass er den Neu­jahrs­count­down statt bei zehn schon bei 15 Se­kun­den be­ginnt. Aber so rich­tig ist nie­man­dem nach An­sto­ßen zu­mu­te. Zu nah geht al­len der plötz­li­che Tod des 21-jäh­ri­gen Si­mon.

Das Ver­schwin­den ei­nes jun­gen Men­schen, das die Rou­ti­nen ei­ner Kle­in­stadt ins Wan­ken bringt und Ver­dräng­tes her­auf­be­schwört: Da­vid Lynch hat aus die­ser Kon­stel­la­ti­on mit „Twin Peaks“ein Uni­ver­sum er­schaf­fen – das De­nis Côté in sei­nem Wett­be­werbs­bei­trag „Ghost Town Antho­lo­gy“zur Ge­nü­ge be­schwört. Die Um­stän­de des To­des­falls ruft der Ka­na­di­er al­ler­dings nicht als gro­ßes Ge­heim­nis aus, son­dern prä­sen­tiert sie ganz un­ver­stellt gleich ein­gangs: Ein Au­to auf der Land­stra­ße, es schwenkt plötz­lich stark nach links, rast ins ein­zig mas­si­ve Hin­der­nis am sonst lee­ren We­ges­rand. Mys­te­ri­ös ist die Sa­che al­so trotz­dem, zu­mal kurz nach dem Auf­prall zwei kinds­gro­ße Gestal­ten mit un­heim­li­chen Mas­ken die Un­fall­stel­le be­se­hen.

Be­vor die pa­ra­nor­ma­len An­deu­tun­gen ex­pli­zit wer­den, lässt Côté die Sa­che erst mal in die dörf­li­che Lee­re lau­fen: Der Him­mel grau, die Land­schaft schnee­weiß oder matsch­braun, die Men­schen in di­cke Män­tel ver­packt. Das kör­ni­ge 16mm-Ma­te­ri­al tut sein Üb­ri­ges. Die Tris­t­heit ist aber nicht nur at­mo­sphä­ri­sches Bei­werk, son­dern Kern ei­nes Films, der nicht zu­letzt Psy­cho­gramm der ka­na­di­schen Pro­vin­z­welt sein will. Die Bür­ger­meis­te­rin nutzt die Trau­er­fei­er für Si­mon zu ei­nem Plä­doy­er ge­gen die Land­flucht, und als die Kom­mu­nal­ver­wal­tung an­ge­sichts des mys­te­riö­sen Un­glücks ei­ne Mit­ar­bei­te­rin vor­bei­schickt, zeigt sich die Ge­mein­de gar nicht be­geis­tert über die Be­vor­mun­dung – zu­mal die Da­me Kopf­tuch trägt.

„Ghost Town Antho­lo­gy“ist, im Ver­gleich zu Côtés letz­ten Wett­be­werbs­bei­trä­gen „Bo­ris Wi­thout Bea­tri­ce“(2016) und „Vic + Flo ha­ben ei­nen Bä­ren ge­se­hen“(2013), of­fe­ner in der Er­zähl­wei­se, ba­siert nur lo­se auf dem gleich­na­mi­gen Ro­man von Lau­rence Oli­vier. Der Film spielt zu­neh­mend of­fen­siv mit Hor­ror­mo­ti­ven, lässt Fi­gu­ren er­schro­cken ins Ka­me­ra-Off bli­cken und ver­wei­gert den Ge­gen­schuss, lässt schließ­lich To­te wie­der­auf­er­ste­hen und die Le­ben­den heim­su­chen. Die Durch­läs­sig­keit für Gen­re­mo­ti­ve ver­leiht „Ghost Town Antho­lo­gy“dann aber eher ei­ne Au­ra der Be­lie­big-

Côté spannt ein et­was be­lie­bi­ges The­men­netz, in dem für je­den was da­bei ist

keit, als die Be­stands­auf­nah­me pro­vin­zi­el­ler Ge­gen­wart zu­zu­spit­zen. Côté macht sich zu­nut­ze, dass sich mit ei­ne­mThe­men­cock­tail aus Struk­tur­wan­del, fal­schem Pro­vinz­stolz und frem­den­feind­li­chen Res­sen­ti­ments leicht ein Netz span­nen lässt, in dem frü­her oder spä­ter schon je­de Zu­schaue­rin si­cher lan­den wird.

Schön ist dann aber doch, wie die An­kunft der To­ten all­mäh­lich ih­ren Schre­cken ver­liert. Ir­gend­wann las­sen sich die eher harm­los in der Ge­gend her­um­ste­hen­den To­ten näm­lich nicht mehr als Hal­lu­zi­na­tio­nen trau­ern­der An­ge­hö­ri­ge oder Hirn­ge­spins­te der et­was ver­rück­ten Adè­le ab­tun, son­dern wer­den of­fi­zi­ell an­er­kannt. Al­les kei­ne Fra­ge des Kri­sen­ma­nage­ments, son­dern der An­pas­sungs­fä­hig­keit ei­nes Ge­mein­we­sens an ei­ne neue Rea­li­tät. In die­ser la­pi­da­ren Auf­lö­sung ei­nes Hor­ror­sze­na­ri­os be­kommt der sonst in zu vie­le Rich­tun­gen sto­chern­de Film doch et­was zu fas­sen.

— 12.2., 9.30 Uhr und 18 Uhr (Fried­rich­stadt-Pa­last), 14.2., 18.30 Uhr (Ode­on), 17.2., 16 Uhr (Haus d. Ber­li­ner Fest­spie­le)

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