Der Küm­me­rer

PAN­ORA­MA Hans Löw ver­kör­pert in Ed­ward Ber­gers Epi­so­den­film „ All my lo­ving“ei­nen Ty­pus von Mann, der im Ki­no noch viel zu sel­ten ist

Der Tagesspiegel - - BERLINALE 2019 - Von Gun­da Bar­tels

Er spielt den, der die al­ten El­tern in der Pro­vinz be­sucht. Oder den, der ans Ster­be­bett der Oma eilt. Und den, der sich da­heim ums Kind küm­mert. Aber auch den, der ein Ba­by mit ei­ner Art Löt­kol­ben am Schä­del ope­riert. Wie bit­te? Ja­wohl: In der zwei­ten Staf­fel der Se­rie „Cha­rité“, die gleich im An­schluss an die Ber­li­na­le in der ARD­läuft, spielt Hans Lö­waus­nahms­wei­se mal nicht die Al­ler­welt­s­ty­pen von heu­te, die er in letz­ter Zeit so ge­ballt im deut­schen In­die-Ki­no dar­stellt. Son­dern den Chir­ur­gen Dr. Adol­phe Jung. Ei­nen dis­tin­gu­ier­ten Fran­zo­sen aus dem El­sass, der von den Na­zis aus Stra­fe für sei­ne man­geln­de Ko­ope­ra­ti­on zum Kran­ken­haus­dienst in Ber­lin zwangs­ver­pflich­tet wird. Die his­to­ri­sche Fi­gur mit dem­sorg­sam zu­rück­ge­strie­gel­ten Haar steht dem 1976 in Bre­men ge­bo­re­nen Schau­spie­ler genau­so selbst­ver­ständ­lich zu Ge­sicht wie der un­ra­sier­te Haus­mann und Lang­zeit­stu­dent To­bi­as, den er im Pan­ora­ma-Bei­trag „All my lo­ving“spielt.

Das sei ja schon ei­ne pas­sen­de Über­schrift, spaßt Hans Löw, der aus Ham­burg zum Fes­ti­val an­ge­reist ist, „ein fran­ko­phi­ler Nor­ma­lo, der den heu­ti­gen Mann ver­kör­pert“. Passt. Ex­al­tier­te Cha­rak­te­re und spek­ta­ku­lä­re Gen­re­mas­ken kann schließ­lich je­der. Doch prä­zi­se, pa­ckend und oh­ne Ma­nie­ris­men ei­nen Ty­pus dar­stel­len, der in sei­nen Re­ak­ti­ons­mus­tern, Bli­cken, Ges­ten, in der Kör­per­und Sprech­hal­tung ei­nem End­drei­ßi­ger oder Mit­vier­zi­ger der ur­ba­nen Mit­tel­schicht ent­spricht, ist so ein­fach nicht.

Ed­ward Ber­ger („Jack“, „Deutsch­land ’83“) wird wis­sen, war­um er sei­nen Epi­so­den­film über drei Ge­schwis­ter die­ser Al­ters­klas­se genau­so be­setzt hat: Ne­le Mu­el­ler-St­ö­fen spielt Ju­lia, die den Tod ih­res Soh­nes durch über­gro­ße Hun­de­lie­be kom­pen­siert. Lars Ei­din­ger ist Ste­fan, ein Pi­lot mit Por­sche, der sich über sei­nen Hör­sturz hin­weg­trös­tet, in de­mer uni­for­miert in Ho­tel­bars sitzt und Frau­en auf­ga­belt. Und­in­der sub­tils­ten Epi­so­de ver­kör­pert Hans Löw To­bi­as, des­sen Di­plom­ar­beit schon ewig hängt, weil er drei Kin­der auf­zieht, wäh­rend sei­ne Frau das Geld ver­dient. Als klar wird, dass die al­ten El­tern in der al­ten Hei­mat Hil­fe brau­chen, ist für die bei­den an­de­ren und da­mit letzt­lich auch für ihn klar, dass er hin­fährt und dem stör­ri­schen Va­ter und der in Schwei­gen ver­sin­ken­den Mut­ter un­ter die Ar­me greift. To­bi­as ist das Ge­gen­teil ei­nes Kar­rie­ris­ten. Er ist ein Küm­me­rer.

Ein kom­pro­miss­be­rei­ter, tra­di­tio­nel­le Rol­len­mus­ter ne­gie­ren­der, von Selbst­zwei­feln an­ge­fres­se­ner, aber All­tags­er­for-

Sei­ne Fi­gur To­bi­as ist von Zwei­feln zer­nagt, aber geht Pro­ble­me prag­ma­tisch an

der­nis­se trotz­dem prag­ma­tisch an­ge­hen­der Für­sor­ger: ein männ­li­cher Phä­no­typ, den das Ki­no trotz un­zäh­li­ger „neu­er Män­ner“, die ih­re Va­ter­schafts-Er­fah­run­gen zu Mark­te tra­gen, im­mer noch viel zu sel­ten er­zählt. Ar­min, der Ber­li­ner Sin­gle, den Löw in Ul­rich Köh­lers End­zeit-Aben­teu­er „In my room“spielt (letz­tes Jahr in Can­nes ur­auf­ge­führt), zö­gert nicht, sich trös­tend zur zahn­lo­sen Oma zu le­gen, als ih­re Stun­de naht. Selbst Löws Fi­gur Mar­tin, die nach ei­nem Klas­sen­tref­fen in Eva Tro­bischs in Lo­car­no prä­mier­tem De­büt „Al­les ist gut“die frü­he­re Klas­sen­ka­me­ra­din Janne ver­ge­wal­tigt, küm­mert sich da­nach quä­lend rat­los um sie.

Es kön­ne durch­aus sein, dass sich die Stof­fe ei­ner be­stimm­ten Zeit vor­über­ge­hend mit der ei­ge­nen schau­spie­le­ri­schen Aus­strah­lung de­cken, nickt Hans Löw. „Ich ha­be ja selbst zwei Kin­der und auch mal da­mit zu kämp­fen, Be­ruf und Er­zie­hung un­ter ei­nen Hut zu brin­gen. Es sind die Din­ge, die ei­nen in der Le­bens­mit­te be- schäf­ti­gen, die ,All my lo­ving’ er­zählt.“Das The­ma neu­er Mann sei al­ler­dings schon so lan­ge in der Welt, dass es für ihn Selbst­ver­ständ­lich­keit er­reicht ha­be. „Klar sa­gen ei­nem trotz­dem Schwie­ger­müt­ter – in echt wie im Dreh­buch – noch im­mer: ,Mein Gott, was du als Va­ter so weg­schaffst’. Man muss aber sehr auf­pas­sen, beim The­ma­ti­sie­ren die Rol­len­zu­schrei­bun­gen nicht schon wie­der re­flex­haft zu be­nut­zen.“Schließ­lich ge­he es dar­um, sie auf­zu­lö­sen, wie bei Eva Tro­bischs Fi­gur des stink­nor­ma­len, em­pa­thi­schen Ver­ge­wal­ti­gers. Erst dann könn­ten neue Hand­lungs­mus­ter ent­ste­hen, die ge­sell­schaft­lich et­was in Be­we­gung bräch­ten. „In ,All my lo­ving’ ist das Auf­bre­chen der Rol­len, die ma­nin der Le­bens­mit­te zu­ge­wie­sen be­kommt, ja der ers­te Schritt um das Ver­stei­nern, das Ar­mins al­te El­tern vor­le­ben, zu ver­mei­den.“

Der ge­bür­ti­ge Stutt­gar­ter war nach dem Stu­di­um an der Ot­to-Fal­cken­ber­gSchu­le in Mün­chen zehn Jah­re En­sem­ble­mit­glied des Tha­lia Thea­ters in Ham­burg und hat von Ham­let bis Wer­t­her al­les ver­kör­pert. En­de März ist er im Ber­li­ner Deut­schen Thea­ter in Max Frischs „Bio­gra­fie: Ein Spiel“mal wie­der auf der Büh­ne zu se­hen. Eins von zwei Re­per­toire­stü­cken, die er in Ham­burg und Ber­lin noch re­gel­mä­ßig spielt. Dass auch mal wie­der mehr Thea­ter­rol­len an­ste­hen könn­ten, schließt Hans Löw nicht aus. Doch erst mal macht er bei der Ver­fil­mung von Bov Bjergs Ro­man „Au­er­haus“mit. Und dann ste­hen plötz­lich Re­gis­seu­rin Eva Tro­bisch und Schau­spiel­kol­le­gin Aen­ne Schwarz – al­so sein Team von „Al­les ist gut“– im Ca­fé in Mit­te und wol­len Hans Löw drin­gend ab­ho­len. Für­sorg­lich zu sein zahlt sich of­fen­sicht­lich über mehr als die Dau­er ei­nes Film­drehs aus.

— 12.2., 14 Uhr (Cu­bix 9), 15.2., 19 Uhr (Zoo Pa­last 1), 17.2., 20 Uhr (In­ter­na­tio­nal) men sich kör­per­lich nä­her, die Ka­me­ra bleibt ganz nah bei der Haupt­fi­gur, die der bra­si­lia­ni­sche Star Mar­co Na­ni­ni mit stil­ler Prä­senz ver­kör­pert: ei­ne phy­si­sche An­zie­hung zwi­schen den Män­nern oh­ne je­de Scham.

Trotz­dem: Ein Groß­teil der Bra­si­lia­ner lehnt sol­che li­be­ra­len Ten­den­zen ent­schie­den ab. Da­zu ge­hö­ren die evan­ge­li­ka­len Kir­chen, die seit Jah­ren an Ein­fluss ge­win­nen und maß­geb­li­chen An­teil dar­an hat­ten, dem got­tes­fürch­ti­gen Bol­so­na­ro ins Amt zu ver­hel­fen. Mit „Di­vi­no Amor“ist nun ei­ne bit­te­re Sa­ti­re im Pan­ora­ma zu se­hen, die sich um ei­ne evan­ge­li­ka­le Sek­te dreht. Jo­a­na (Di­ra Pa­ers) küm­mert sich im Bra­si­li­en des Jah­res 2027 in ei­ner Be­hör­de um­Schei­dungs­fäl­le. Doch da sie gleich­zei­tig Mit­glied der Sek­te Di­vi­no Amor ist, nutzt sie ih­re Po­si­ti­on, um die Kli­en­ten wie­der auf den Pfad der Lie­be zu brin­gen.

Das ist we­ni­ger hoch­tra­bend als ganz kör­per­lich ge­meint: Sie und ihr Mann (Ju­lio Macha­do) ha­ben ri­tu­el­len Sex mit den Schei­dungs­wil­li­gen und wol­len so er­lo­sche­nes Ver­lan­gen in den Paa­ren wie­der we­cken. Gleich­zei­tig ha­dern bei­de da­mit, dass ih­rem ei­ge­nen Lie­bes­le­ben kein Nach­wuchs ent­sprin­gen will. Re­gis­seur Ga­b­ri­el Mas­ca­ro ent­wirft ei­ne Welt, in der al­les auf Fort­pflan­zung zu­ge­schnit­ten ist. Stän­dig lau­fen Men­schen durch De­tek­to­ren, die je­doch nicht auf Me­tall scan­nen, son­dern auf Schwan­ger­schaft. Da­bei wohnt der Zu­kunft von „Di­vi­no Amor“et­was char­mant Alt­mo­di­sches in­ne. Die Far­ben leuch­ten schwül wie in ei­nem 80er-Ae­ro­bic-Vi­deo, da­zu dif­fu­ses Licht, ei­ne kaum be­weg­te Ka­me­ra. Lei­der ent­schei­det sich Mas­ca­ro schließ­lich für ei­ne gleich­nis­haf­te Wen­dung, die dem Film den ent­schei­den­den Biss raubt.

Durch Bra­si­li­en zieht sich aber nicht nur ein Riss zwi­schen Li­be­ra­len und Wert­kon­ser­va­ti­ven. Auch Stadt und Land ha­ben sich stark ent­frem­det. „Qu­erên­cia“(Fo­rum) fängt die Ver­bit­te­rung auf dem

Prä­zi­se und pa­ckend. Hans Löw spielt ur­ba­ne End­drei­ßi­ger. Fo­to: Kai-Uwe Hein­rich

Lie­ber Ton­ne rei­ten als in die Ton­ne tre­ten. Car­los Dal­mir in „Qu­erên­cia“.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.