Ein Meer na­mens To­kio

Zwei sehr ver­schie­de­ne ja­pa­ni­sche Fil­me por­trä­tie­ren Mitt­zwan­zi­ger auf Selbst­su­che

Der Tagesspiegel - - BERLINALE 2019 - Jo­nas La­ges

PAN­ORA­MA

Sa­chi­ko beißt ge­ra­de in ih­re post­ko­i­ta­le To­ma­te, als der Mit­be­woh­ner ih­rer Lieb­schaft die Woh­nungs­tür öff­net. Shi­zuo war vor­hin noch so nett, und mach­te kehrt, als er hör­te, wie Sa­chi­ko und Bo­ku im Gan­ge wa­ren. Nun al­so ge­hen sie zu dritt in den Su­per­markt und kau­fen Whis­ky, Cra­cker und Klo­pa­pier. Als Sa­chi­ko nachts nach Hau­se fährt, trägt sie schon das T-Shirt von Shi­zuo. Das Drei­eck, das die­sen Film be­stimmt, ist ge­spannt.

Ei­nen schwe­re­lo­sen Som­mer lang folgt „And Your Bird Can Sing“die­sen drei Mitt­zwan­zi­gern bei der Flucht vor sich selbst. Der Film ba­siert auf dem gleich­na­mi­gen Ro­man von Ya­su­shi Sa­to, des­sen Prot­ago­nist na­men­los ist und hier des­halb Bo­ku heißt (ei­ne männ­li­che Form von „Ich“). Nun, man muss sich als Zu­schau­er schon sehr be­mü­hen, wenn man mit die­sen Fi­gu­ren mit­emp­fin­den möch­te, denn genau­so gleich­gül­tig, wie sie durch ihr Le­ben mä­an­dern, ver­hält sich auch Sho Miya­kes Film ih­nen ge­gen­über. Miya­ke will die Zi­el­lo­sig­keit der Ju­gend fil­men, die Spon­ta­ni­tät, das Le­ben im Hier und Jetzt. Er will ganz na­tür­lich und ne­ben­bei den Le­ben sei­ner Fi­gu­ren in Mo­ment­auf­nah­men fol­gen und sie in ih­rer All­täg­lich­keit ein­fan­gen. Doch meist ent­wi­schen sie ihm. Um die men­sch­li­che Di­men­si­on des All­täg­li­chen fil­misch zu er­ha­schen, ge­nügt es eben nicht, Schau­spie­ler ein­kau­fen zu schi­cken und die Ka­me­ra drauf­zu­hal­ten.

Ei­nen ganz an­dern Zu­gang zum Jung­sein und zur Selbst­su­che wählt da­ge­gen Mits­uyo Miyaz­aki, die sich den Na­men­Hi­ka­ri ge­ge­ben hat: Licht. Ihr Spiel­film­de­büt „37 Se­conds“ist ein Zeug­nis er­zäh­le­ri- scher Em­pa­thie. 37 Se­kun­den: So lan­ge hat Yu­ma nach ih­rer Ge­burt nicht ge­at­met. Heu­te, mit 23, be­wegt sie sich im Roll­stuhl durch den All­tag. Sie wohnt bei ih­rer über­für­sorg­li­chen Mut­ter, die sie vor der Welt be­schüt­zen will, un­d­zeich­net pro­fes­sio­nell Man­gas für ei­ne Blog­ge­rin, die da­für den Ruhm er­hält. Ei­nes Ta­ges fin­det Yu­ma im Park ei­nen Sta­pel ero­ti­sche Man­gas. Sie be­ginnt selbst, sol­che Co­mics zu zeich­nen. Doch der Ver­lag lehnt mit der Be­grün­dung ab, man mer­ke, dass sie noch nie Sex ge­habt hät­te. Und da­mit be­ginnt Yu­mas ganz spe­zi­el­le Re­cher­cher­ei­se, bei der sie auf Men­schen trifft, die kein gro­ßes Auf­he­ben dar­um ma­chen, dass sie im Roll­stuhl sitzt. Men­schen wie Mei, die in ih­rer Frei­zeit ge­mein­sam mit Yu­ma shop­pen und trin­ken geht.

„37 Se­conds“zeich­net sei­ne Prot­ago­nis­tin ein­fühl­sa­mer als „And Your Bird Can Sing“

Zart und ein­fühl­sam er­zählt Hi­ka­ri von Yu­mas Re­bel­li­on, ih­rem Weg­zur Selbst­be­stim­mung. Mal ist die Ka­me­ra ganz nah an der Prot­ago­nis­tin, die Um­ge­bung ver­schwimmt. Dann wie­der er­hebt sie sich mit Tilt-Shift-Ob­jek­tiv über dem Häu­ser­meer von To­kio und be­äugt es wie ei­nen un­be­kann­ten Pla­ne­ten. „37 Se­conds“: ein uni­ver­sel­les Plä­doy­er für mehr Mit­ge­fühl im All­tag. Und nir­gends lässt sich das so gut üben wie im Ki­no. Vor­aus­ge­setzt, man sieht den rich­ti­gen Film.

— „ „37 Se­conds“: 14.2, 22.45 Uhr (Ci­ne­star 3), 17.2., 14 Uhr (Cu­bix 9); „And Your Bird Can Sing“: 16.2, 19.30 Uhr (Co­los­se­um 1)

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